
Falk Hirschel hat bei den Tagen der digitalen Freiheit in Tübingen einen Vortrag gehalten, es ging dabei um Hasspostings, euer Smartphone und welche Bedeutung es heute für Ermittler haben kann, was es für Folgen hat, wenn eine KI Gerichtsurteile erfindet und ähnlichen Unsinn.
Der CC hat das ganze natürlich aufgezeichnet, ihr findet das Video direkt hier zum Ansehen/download, auf Youtube und wir waren so frei, es direkt einzubinden.
Wer den Text lesen möchte (oder muss), für den haben wir den Text direkt aus dem Video transkribiert und leicht angepasst zu Verbesserung der Lesbarkeit. Viel Spaß!
Speaker >> Wir begrüßen Falk. Er wird uns ein bisschen aufklären zum Thema KI und Recht. insbesondere zu dem Themen Hasspostings und was äh hat es für Folgen, wenn die KI irgendwelche Gerichtsurteile erfindet und ähnlichen Unsinn. Viel Spaß mit Falk.
Falk>> Hebt euch das für nachher auf, dann habe ich es wenigstens verdient. Apropos nachher, wenn Fragen kommen, bitte nachher im Anschluss. Jetzt fange ich einfach mal an.
Mein Name ist Falk Peter Hirschel. Ich bin Rechtsanwalt aus Ulm, bin Fachanwalt für Strafrecht und insofern als Strafverteidiger natürlich täglich an der Materie dran. Was einen da so beschäftigt, was die Justiz macht im Bereich Internet, was die Justiz macht im Bereich KI und welche Folgen es aber auch für uns Menschen hier immer wieder hat. Es wurde schon angekündigt, eines meiner Hauptthemen wird heute Hass Posting sein. Ich kriege noch gerade einen bösen Blick. Ja, ich habe mich nicht ganz vorgestellt. Ich bin nämlich nicht nur Rechtsanwalt, ich unterrichte auch gelegentlich an der THU an der technischen Hochschule Ulm IT-Recht. Bin nebenbei noch Kandidat für die Piratenpartei für die Landtagswahl nächstes Jahr. Also insofern Recht und Internet ist also so ziemlich mein Bereich.
Jetzt kommen wir aber tatsächlich zum Thema. Also nachdem es hier nur ein Impulsvortrag werden soll und kein 3 Stunden Monolog, habe ich mir gedacht, ich ziehe einfach zwei drei Urteile oder Aktionen, die im Bereich Justiz und Internet in den letzten Monaten durch die Medien gegangen sind rein. Es war gerade angesprochen Hass Postings. Ich gehe davon aus, die meisten haben es mitgekriegt. Wir hatten vor einem Monat, genau am 25. Juni mal wieder einen Aktionstag gegen Hass Postings. Wie es so schön heißt Aktionstag gegen Hass im Netz. Was stellen wir uns drunter vor? Es gab insgesamt bundesweit Hausdurchsuchungen und zwar in jedem Bundesland, überall, gegen insgesamt 180 Personen. War also einiges geboten.
Wie stellt man sich jetzt so eine Hausdurchsuchung vor?
Okay, ich sehe, ihr hatte alle noch nicht das Vergnügen. Es ist morgens 6 Uhr. Zehn freundlich vermummte stehen vor der Tür. „Hallo, wir sind jetzt hier drin.“ Und dann geht nämlich der ganze Stress los. Warum? Dann kommt sowas wie Hassposting. Hassposting, juristischer Begriff? Nein, es gibt diesen Begriff nicht. Da werden diversen Straftaten zusammengefasst. Das ist aber ein politisches Schlagwort und solche Aktionstage sind meistens eher politisch gedacht als strafrechtlich. Das könnte man auch anders regeln.
Warum nehmen diese ganzen Ermittlung im Netz oder der Hass zu? Warum wird das immer mehr? Weil es eben wie gesagt politisch ist. Es gibt immer mehr Straftaten, zumindest immer mehr registrierte Straftaten in diesem Bereich, weil natürlich auch das Bewusstsein der Bevölkerung einerseits wächst. Aber vor allem man kann es auch digital anzeigen. Auch das Bewusstsein dafür, was alles im Netz unterwegs ist, wächst und es wird auch immer mehr gesammelt. Insofern ja, das ist ein Teufelskreis:
Je mehr es gibt, desto mehr gibt’s, desto mehr wird ermittelt, desto mehr wichtig wird’s genommen, desto mehr ermittelnde Beamten gibts, desto mehr Aktionstage gibts, desto mehr gibt’s wieder, so funktioniert das nämlich.
Gut, wir hatten also in Baden Württemberg auch unterschiedlichste Maßnahmen, die da gelaufen sind. Es ist wahnsinnig viel passiert in diesem Zusammenhang. Jetzt sind gerade bloß hier meine Zettel verrutscht. Ihr seht, Jurist und Papier, es geht nicht ohne. Ganz digital sind wir einfach noch nicht.
Zwei Drittel dieser strafbaren Hass Postings, ich nenn es jetzt einfach so, weil das einfach gängiger Begriff ist, sind aus dem Bereich der sogenannten politisch motivierten Straftaten. Das heißt, alles, was hier mit Beleidigung gegen Politiker ist, Aufruf zur Volksverhetzung und so weiter, gehört alles in diesen Sammelbegriff. Und es wird ein immer noch verworrenerer Teich, in dem alle rumschwimmen, und in dem alle mehr oder minder im Trüben fischen.
Kommen wir aber noch mal eine Runde zurück. Wie sieht so eine Hausdurchsuchung aus? Ich habe es gerade erklärt. Meistens kommen die dann mit einer größeren Menschenmenge mehr oder minder freundlich vermummt, stehen dann vor der Tür. „Hallo, wir wollen hier rein.“ Okay, was macht man in der Situation? Der Tag ist gelaufen, aber noch nichts alles verloren. Also Regel 1: Keine Panik. Ganz wichtig, keine Aussagen ohne anwaltliche Hilfe. Ihr seid mit Mühe und Not verpflichtet, die reinzulassen, mehr aber auch nicht. Ja, guten Morgen kann man noch sagen, wenn es sein muss, aber mehr sollte man definitiv nicht sagen. Sie haben nicht nur das Recht zu schweigen, Ich sage immer, sie haben auch die verdammte Pflicht zu schweigen. Gehen sie davon aus, in dem Moment haben sie keinen Freund mehr unter diesen netten Menschen. Egal, was sie ihnen erzählen, egal wie kumpelhaft die manchmal auch tun und so weiter, einfach nein. Möglichst, wenn es geht, einen Anwalt kontaktieren, wenn man einen greifbar hat oder schon die Kontaktdaten hat. Ansonsten sieht’s relativ schlecht aus.
Das nächste, was man auf jeden Fall macht, sich diesen Durchsuchungsbeschluss geben lassen, dass man mal konkret sieht, was ist eigentlich gemeint? Manchmal sind die nämlich durchaus lückenhaft und sagen z.B. wo und geben vor, welcher Raum gilt, was hier Möglichkeiten ist. Wenn da dran steht Durchsuchung der Wohnung, dann heißt es Wohnung, nicht Keller, nicht Garage. Da kann man durchaus etwas finden.
Auch sonst nicht versuchen zu plappern. Ganz ruhig. nicht reden. Personalausweis maximum. Sachen auch im Regelfall nicht freiwillig herausgeben, aber gleichzeitig auch nicht verhindern, dass die Polizisten es machen. Das heißt, wenn die gezielt nach Computern oder ähnlichem suchen, dann dürfen die das selber abbauen, dürfen die es raustragen, ist okay. Ihr seid nicht verpflichtet, beim Tragen zu helfen. Ihr dürft euch aber auch nicht in die Tür stellen, denn spätestens in dem Moment begeht ihr hier nämlich selber wieder eine Straftrat, nämlich Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und häufig gibt es dann so eine Eskalationsstufe. Sehr ungesunde Sache.
Wichtig, dazu komme ich nachher noch kurz, wenn ihr gerade Rechner laufen habt, Smartphone laufen habt, bitte sofort alles runterfahren, so schnell es noch geht. Aber: Beweise vernichten, sowas funktioniert nicht. Jetzt noch anfangen, eine Festplatte auszubauen oder zu löschen. Das kriegt ihr in der Zeit einfach nicht mehr hin.
Ja, ich kenn es, wenn ich zum Teil Leute mit BTM, also mit Drogen vertrete, die sind der Meinung kurz aufs Klo gehen, spülen, aber das funktioniert nicht. Nein, versucht nicht in dem Moment, wenn die schon mal da sind, Beweismittel zu vernichten. Wie gesagt, Rechner runterfahren, alles runterfahren, was noch geht. Ansonsten: ja, ist halt so.
Die Daten habt ihr natürlich als erfahrene Computernutzer permanent irgendwo anders gespeichert. Externe Festplatten. Ich sage immer das Beste ist der Mamaspeicher. An den kommt so schnell keiner ran. Ja, ein paar Grinsen. Okay, es ist durchaus bekannt, was damit gemeint ist. Und ansonsten auch keine Pins oder Puks zufällig rumfahren haben. Okay, wenn sie die Computer haben wollen, bitte schön, sollen sie es raustragen. und versucht nicht die dran zu hindern.
Gut, wir hatten gerade gesagt, dieses Hass Posting, Hassrede gibt’s nicht als Begriff, was versteckt sich dahinter. Es ist meistens ein Sammelsurium von allem möglichen und unmöglichen Handvoll von Straftaten und Delikten, die da drunter zusammengefasst werden. Aös da drunter wären Volksverhetzung, als da drunter wären Verwendung von Propaganda und Parolen von verbotenen Parteien und Organisationen. Dazu gehört auch sowas wie die Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede und so weiter. Es wird hier alles zusammengefasst.
Schauen wir mal: jeweils ein paar Sätze dazu, was was ist. Fangen wir an mit dem Paragraph 86a StGB verbotene Symbole und Parolen. Dass man keine Hakenkreuze irgendwo an die Wand schmiert, das wissen wir mittlerweile, glaube ich alle. Natürlich auch SS Runen gehören dazu, aber auch irgendwelche anderen Zeichen. Vor ein paar Jahren gab’s sogar mal die heiße Diskussion, ist zum Glück mittlerweile in der Rechtsprechung durch: von der AntiFa so ein Hakenkreuz durchgestrichen in die Mülltonne. Ist natürlich trotzdem ein Hakenkreuz. Es hat lange gebraucht, bis sich das in der Rechtsprechung durchgesetzt hat, dass das genau _nicht_ das verwenden ist.
Wie gesagt, dazu gehören auch irgendwelche anderen Symbole oder Witze. Ich hatte vor kurzem ein Verfahren, das zieht sich jetzt seit vier Jahren hin. Da war ein Mensch (Coronaleugner) der dann bloß zu einem Meme angeblich geschrieben hat zum Thema Übertragungsgefahr: „Handschütteln 100%, Fäustchen 10 %, der deutsche Gruß null“. Auch da gab’s dann schon Ermittlungsverfahren. Wie gesagt, da muss man wirklich extrem mittlerweile aufpassen, was man macht. Nicht nur alles, was im Bereich NS geht. Unter anderem ist z.B. auch die was viele nicht wissen, PKK verboten und es gibt auch durchaus paar linksextreme Gruppierungen, die mittlerweile unter dieses Verbot fallen.
Da kann man sehr schnell reingucken: Es gibt, wenn es jemanden genauer interessiert vom Bundeskriminal auch eine Homepage, da kann man sich seitenweise genau angucken, welche Zeichen man ab sofort möglicherweise nicht mehr verwenden sollte.
Und wie gesagt, die Überraschung ist da manchmal groß, da ist nämlich einiges drin.
Verbreiten heißt alles, was man bei einer öffentlichen Demonstration hat, oder dass man es im Internet verbreitet, das ist beides strafbar. Aber auch etwas anderes, was viele Leute oft nicht wissen oder wovon viele irritiert sind, bereits so ein freundliches Like im Internet kann richtig Ärger machen. Ja, warum? Es wird nämlich so verstanden von wegen „genau meine Meinung. Hätte ich auch so geschrieben. Finde ich toll.“ Und alle Leute, die sehen, was ihr liked sehen das natürlich auch. So werten das zumindest nach Ansicht der Polizei und der Staatsanwaltschaften oft als eure Meinung.
Und dann gilt es fast so, als hättet ihr das selber geschrieben. Das heißt wirklich genau überlegen, was man da liked oder was man auch nicht liked. Ja, es gab mal die Rechtspring, die dazu gesagt hat, man muss sich im Vorfeld genau überlegen, ob man das selber so geschrieben hätte und ob das rechtlich in Ordnung ist. Tut mir meinem Herzen weh, weil eigentlich bin ich eher für Freiheit und sage, ein normaldenkender Mensch weiß, was er tut. Und das ist schon so eine Art, da sollen die Menschen schon gezielt auf eine Art innerer Zensor getrimmt werden. Ich fände es eigentlich schön, wenn es ohne ginge, aber es ist einfach so. und da muss man heutzutage einfach aufpassen. Umgekehrt, dass keine Missverstände aufkommen zu lassen: Es wird auch wahnsinnig viel gepostet, wahnsinnig viel Unsinn, wahnsinnig viel einfach komplett unter der Gürtellinie, jenseits des guten Geschmacks und auch wirklich strafrechtlich relevantes. Hier muss man einfach wissen, wo die Grenze läuft. Zum Thema Grenze:
Auch Volksverhetzung wird ganz gern bei Hassrede immer zitiert.
Unter anderem gibt’s nicht nur der Aufruf zu irgendwelchen Mord, Gewalt gegen irgendwelche Menschengruppen, sei es aus religiösen, nationalistischen, rassischsten, ethischen Gründen, alles mögliche fällt da drunter. Wir wissen, aus dem rechten Szene kommt viel und es gibt durchaus auch schon Stimmen in der Justiz, die sich ernsthaft überlegen, ob nicht so ein Spruch wie „From the River to the Sea“ nicht auch Volksverhetzung ist, weil hier ja durchaus aufgerufen wird, bestimmte Leute aufgrund ihrer Religion, ihrer Staatszugehörigkeit zu vernichten. Oder auch Aufrufe von wegen „Milliardäre ermorden ist gut, nur vorher foltern muss nicht sein.“ auch so etwas kursiert im Netz.
Da muss man sich also wirklich bewusst sein, Leute, hier ist nicht nur der gute Geschmack verletzt, es kann auch mehr sein. Zum Thema guter Geschmack, ich glaube zwei Stichworte gebe ich euch und dann wisst ihr, was gemeint ist: „Schwachkopf“ und „Nazischlampe“. Ja, hier sehe ich zum Teil echt schon nicken. Jawohl. Beleidigung von Politikern. Bis vor ein paar Jahren hat man gesagt, wer im öffentlichen Leben steht, der muss halt ein bisschen mehr aushalten als andere.
2021 hat wurde hier der Gesetzgeber aktiv (wahrscheinlich im eigenen Interesse), und weil es einfach in den letzten Jahren massiv überhand genommen hat. Was hier an Beleidigung im Netz unterwegs ist, ist manchmal auch echt nicht mehr feierlich. Wobei man sich streiten kann, ob die Bezeichnung Schwachkopf jetzt wirklich schon so ist, dass man da eingreten muss oder ob das eben eine zwar unfeine, aber vielleicht noch im Rahmen einer Diskussion mögliche Aussage ist, dass man die politische Richtung von der eine oder anderen Person nicht mag.
Mittlerweile, wie gesagt, es ist inflationär, sowohl die Verwendung von solchen Begriffen als auch von Postings.
Ihr habt sicher in den Medien mitgekriegt: es gibt inoffiziellen Politiker Hitlisten, wer am meisten Anzeigen gemacht hat. Mittlerweile ist allerdings so, dass diese Politiker das oft selber gar nicht mehr machen, sondern dass die Polizei erstmal ermittelt und dann diesen Politiker Brieflein schreibt: „Wir haben festgestellt, dass vor drei Jahren hier der und der das und das über Sie da geschrieben und auf Facebook gestellt hat. Wenn Sie sich beleidigt fühlen, bitte unterschreiben Sie den anliegenden Strafantrag. Wir haben schon mal alles für Sie vor aufgeführt. Mit freundlichen Grüßen ihre Polizei.“
Lacht nicht. So einen Brief an die Frau Dr. Alice Weidel habe ich vor kurzem auf intensive Nachfrage von der Staatsanwaltschaft bekommen. Ja. Die Leute, die davon betroffen sind, die dann irgend so ein Post mal geschrieben haben, zahlen oft, wie ihr wisst, im Schnitt zwischen 2000- und 4000 €. Dann heisst es gern, „dann haben die Politiker was.“ Nein, das landet alles nur in der Justizkasse. Die Betroffenen haben gar nichts davon. Gut, ich denke an dem Punkt mache ich jetzt hier einfach mal einen Punkt. Wir haben nämlich noch was zweites, was vor ein paar Monaten durch die Medien ging wo man wirklich aufpassen muss:
Das sogenannte zwangsweise Entsperren von Smartphones.
Auch da gab’s im März eine Grundsatzentscheidung des Bundesgerichtshofs. Zuvor war das ausgesprochen kritisch immer, denn ein Grundsatz im Strafrecht ist, niemand sich selber belasten muss. Niemand muss den Ermittlungsbehörden helfen, Beweise gegen sich selber zu sammeln. Hört sich toll an. Was ist jetzt, wenn so ein Smartphone aber darum liegt? Da könnten ja Daten drauf sein.
Es ist mittlerweile so, man muss seine PIN nicht herausgeben. Allerdings die meisten Smartphones sind ja jetzt mittlerweile bequem. Somit biometrischer Erkennung: sei es mit dem Gesicht, sei es einfach mit dem Fingerabdruck. Da gab’s in Köln vor ein paar Jahren diesen interessanten Fall, dass die Polizei im Rahmen einer Durchsuchung unter anderem Sache zwei Smartphones gefunden hat und dann der Polizeibeamte gemeint hat, „komm, wir machen uns einen schlanken Fuß, ich ordne an, dass diese Smartphones durch zwangsweises Aufsetzen des Fingerabdruckes einfach entsperrt werden. “
Das hat die Polizei natürlich sofort umgesetzt. Zwangsweise durchgeführt, Finger mal kurz drauf gedrückt, Smartphone entsperrt, Datensicherer kommt, zieht dann einfach alles rüber, was auf den Smartphones drauf ist. Fertig, danke fürs Gespräch.
Das gab dann heiße Diskussionen, ob das zulässig ist, weil es ja eine Art Selbstbelastung ist. Ihr könnt euch vorstellen, wo die Diskussion dann hingeht. Die Ermittlungsbehörden sagen, „ist ja nicht schlimm, dient den höheren Interessen“ und so weiter. „Europäische Datenschutzrichtlinie? Ja, die beachten wir schon irgendwo.“
Der Europäische Gerichtshof hat zwar 2024 festgestellt, dass das zwangsweise Entsperren eines Smartphones ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ist, hat aber die Hintertür aufgelassen, dass als Grund allgemein anerkannte grundsätzlich dem Gemeinwohl dienende Maßnahmen so etwas rechtmäßig sein kann. Dann argumentiert man natürlich: „okay, wenn es in irgendwelchen Fällen rechtmäßig sein kann, dann ist es das mal grundsätzlich. Und irgendwelche straftatlichen Ermittlung sind natürlich immer ganz grundsätzlich wichtig. Wir machen das.“
Es wurde auch argumentiert, dass für die zwangsweise Abnahme von Fingerabdrücken die Polizei ja den Finger sozusagen auf das Stempelkisten oder jetzt auf dieses digitale Erfassungsgerät führen darf. Und von der Bewegung her sei das ja genau das gleiche. Nein, ist es eigentlich nicht! Allerdings, wie gesagt, der BGH hat es so entschieden. Es steht zu befürchten, dass die Rechtsprechung das dann so macht, weil was ein BGH Recht ist, kann dem Amtsgericht nur billig sein. Und die Polizei, die machen sowieso nach dem Motto: „wir machen erst mal und hinterher schauen wir, ob man das verwerten kann oder auch nicht“ Denn Beweismittel, die sie einmal haben, haben sie, muss man ganz klar sagen.
Welche Konsequenzen hat es nun für uns als normale Nutzer? Erstens mal überlegen, welche Daten hat man wirklich immer greifbar? Wo hat man sie gesichert? Muss man wirklich alles auf einem Gerät haben? Denn die modernen Smartphones, die sind eine Goldgruppe für die Ermittlungsgruppen. Da sind eure Bewegungsprofile drauf, da sind eure persönlichen Meinung bis hin zu sonst was drauf. Auch wer sagt: „Hey, ich habe doch nichts zu verbergen.“ Vielleicht habt ihr ein Foto von euch im letzten FKK Urlaub drauf. Und da wollt ihr unter Garantie nicht, dass das auf der Polizeiwache die Runde macht. Also überlegt euch ganz genau was drauf sein soll.
Deshalb auch vorhin der Hinweis: wenn ihr die Möglichkeit habt, runterfahren. Alles runterfahren. Ja, sie kommen vielleicht irgendwann drauf, aber man muss es ihn nicht zu einfach machen. Ihr seid nicht dazu verpflichtet, euch selber zu belasten. Oder irgendwelche albernen Dinge oder seien es Kinderfotos von euch zur Verfügung zu stellen. Einfach mal nein. Verhaltet euch richtig, aber ihr müsst nichts entsperren. Ihr müsst auch die Polizei nicht aktiv unterstützen. Es gibt schon die ersten Ansätze in der Literatur unter Juristen, dass man sagt, wir werden dagegen vorgehen. Es steht auch zu erwarten, dass, wenn der EUGH sich mal wirklich mit diesem Urteil beschäftigt, das er es aufhebt. Aber alles was in der Zwischenzeit passiert ist, ist dann halt passiert. Also geht im eigenen Interesse verantwortungsvoll mit euren Daten um!
Die letzte Minute möchte ich eigentlich noch mal für etwas kurz nutzen, was ganz aktuell ist, was vor ein paar Wochen rausgekommen ist:
Ihr habt sicher mitgekriegt, was passiert, wenn die KI Gerichtsurteile erfindet.
Höchst peinlich, ein Kollege aus Köln hatte das geschafft. Er hat zu einem Urteil in sein Schriftsatz ein paar Urteile von Chat reinschreiben lassen. Bei den Zitaten hat er wohl gemein „wundervoll, was alles drin steht“. Das Dumme wa: Die Urteile gibt’s nicht. Chat GPT hat einfach mal gefolgert nach dem Motto, wenn hier ein paar Gerichte so entschieden haben, dann könnten die auch so entschieden haben. Nun hat der Anwalt aber gar nicht gegengelesen. Das war dann natürlich im Verfahren sehr peinlich. Er hat dann auch vom Gericht ein ordentlichen Anpfiff gekriegt bis hin zu dem Hinweis „wenn es noch mal passiert, gibt’s eine Meldung an die Anwaltskammer“ Mit erfundenen Urteilen argumentieren ist irgendwie nicht mehr so standesrechtlich in Ordnung.
Ja, hier ging mal die Schelte auf die Juristen oder auf die Anwälte los. Nichtsdestotrotz auch die Justiz arbeitet immer mehr mit KI. Wir wissen nicht, was da noch auf uns zukommt. Wichtig ist, dass man wirklich selber denkt, dass man alles, was hier rein und rauskommt, auch überprüft. Das wird in Zukunft sicher auch mehr gemacht werden.
Noch als kleiner Abschluss, ein wunderschöner Satz, den ich persönlich toll finde, von einem früheren Richter vom Oberlandesgericht Stuttgart, der meinte:
Richter sind nur dem Recht und dem Gesetz und dem Zeitgeist unterworfen.
Und die Justiz eiert im Moment wirklich hinterher. Sie versucht zwangskreise mit Gesetzen von vor 10 Jahren mit einer Technik von vor 20 Jahren den möglichen Straftaten von heute nachzukommen. Dann kommen so Gerichtsurteile wie die zwangsweise Entsperrung, wo man mit Mühe und Not einfach irgendwas hinbiegt, damit es halt in die heutige Zeit passt. Darauf müssen wir uns einstellen. Es ist sicher sehr spannend, was da noch passiert und es ist ein Spannungsfeld. Das soll ja kein Feindbild sein, sondern es wirklich ein Spannungsfeld, mit dem wir einfach leben müssen.
Danke.
SPEAKER >> Ja, danke Falk. Ich darf noch mal kurz zusammenfassen, was haben wir gelernt?
Erst denken, dann posten.
Smartphones sind nicht das Speichermedium für vertrauliche Informationen und Biometrie im Sinne von Fingerabdrücken zur Sicherung ist auch keine wirklich gute Idee.
Redaktionsmitglied Sperling
Redakteur seit 2011, Kernteam der Redaktion seit 2013. De facto "Leitung" ab 2016, irgendwann auch offiziell Chefredakteur - bis 2023. Schreibt und Podcastet nur wenn ihm die Laune danach steht, zahlt aktuell die Infrastruktur der Flaschenpost, muss aber zum Glück nicht haften 🙂
