Gastartikel von Annabel Geoffroy über moderne Politik jenseits ideologischer Denkmodelle.

Die historische Befreiung der Frau aus paternalistischen (also autoritär-bevormundenden) Strukturen war für mich niemals das Ergebnis einer einzelnen politischen Richtung, sondern stets einer beeindruckenden, komplexen Synthese von liberalen und sozialen Bewegungen. Die Errungenschaft der liberalen Philosophie war die Schaffung der theoretischen und rechtlichen Grundlagen individueller Autonomie. Und es waren die sozialen Bewegungen, die diese Rechte durch materielle Sicherheiten und praktische Handlungsräume wirksam machten. Erst die Verbindung dieser beiden Kräfte ermöglichte es uns Frauen, nicht nur formal, sondern tatsächlich eigenständig zu handeln und am öffentlichen Leben teilzunehmen. John Stuart Mills Argumentation für Gleichberechtigung und Hannah Arendts Konzept von Freiheit im öffentlichen Raum bildeten und bilden die philosophische Grundlage, um die Mechanismen dieser faszinierenden Doppelbewegung zu verstehen und zugleich auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu übertragen.
Die Geschichte lehrt uns, dass weder eine rein liberale Politik noch eine rein soziale Politik ausreicht, um die Rechte der Frauen in der vernetzten Gesellschaft zu sichern. Nur ihre Verbindung schafft nachhaltige Emanzipation.
Theorie
Mill hat in seinem Werk „The Subjection of Women“ von 1869 eine fundamentale und absolut brillante Kritik an der Unterordnung der Frau formuliert. Er argumentierte , dass die gesetzliche Unterordnung der Frau nicht nur moralisch verwerflich sei, sondern die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt hemme. Die Gleichstellung der Geschlechter muss vollständig sein, ohne Privilegien auf einer Seite und ohne Benachteiligungen auf der anderen. Für Mill war die rechtliche Gleichstellung der Menschen eng verbunden mit der Möglichkeit, Eigentum zu besitzen, Bildung zu erhalten und politische Rechte auszuüben. Er erkannte die Emanzipation der Frau nicht nur als symbolische Reform, sondern als absolut notwendige Bedingung für die moralische und intellektuelle Entwicklung der gesamten Gesellschaft. Mills Forderung nach gleichen Rechten ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Doch leider bleiben diese Rechte ohne soziale Absicherung oft nur auf dem Papier existieren.
Hannah Arendt hat das Freiheitsverständnis um eine wichtige Facette erweitert, indem sie den Fokus auf die kollektive Dimension der Freiheit legte. In Vita activa oder „Vom tätigen Leben“ unterscheidet sie zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln, wobei Handeln – also das freie Agieren im öffentlichen Raum – der eigentliche Ausdruck politischer Freiheit ist. Freiheit entsteht im Austausch mit anderen, im gemeinsamen Handeln und Sprechen. Arendt betont, dass der öffentliche Raum der Ort ist, an dem Menschen als Gleiche in Pluralität zusammenkommen, um die Welt zu gestalten.
Politische Teilhabe ist ein Konzept, das sowohl rechtliche Freiräume als auch soziale Bedingungen erfordert, die Handeln ermöglichen und absichern. Eine Politik, die nur auf formale Rechte setzt, ist genauso unzureichend wie eine Politik, die nur soziale Sicherungen bereitstellt, ohne die rechtliche Gleichstellung konsequent zu verankern.
Praxis
Die historische Praxis der Frauenemanzipation, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, ist ein Zeugnis dafür, wie diese beiden Perspektiven perfekt ineinandergreifen. Es war eine Zeit, in der progressive Reformen Frauen Zugang zu Bildung, Eigentumsrechten und politischer Partizipation ermöglichten. Gleichzeitig setzten sich soziale Bewegungen für die Einführung von Arbeitsschutzgesetzen, sozialen Sicherungen und die Organisation kollektiver Interessen ein. Diese Entwicklungen schufen die Grundlage für die praktische Ausübung dieser Rechte und öffneten neue Perspektiven für die Zukunft. Erst die Kombination von liberalen Freiräumen und materieller Absicherung ermöglichte es Frauen, im öffentlichen Raum zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und autonom zu leben. Ohne diese Verbindung hätten die liberalen Rechte oft nur formal wirksam bleiben können, während die sozialen Sicherungen ohne rechtliche Gleichstellung keine langfristige Emanzipation bewirken konnten.
Gegenwart
Die heutige vernetzte Gesellschaft zeigt uns ganz deutlich: Diese Doppelbewegung ist absolut notwendig! Durch die Digitalisierung, Plattformökonomiee und globalisierte Märkte entstehen neue Formen von Abhängigkeit, die es zu bedenken gilt. Individuelle Freiheit im Sinne Arendts, verstanden als Möglichkeit zum Handeln und zur Teilhabe im öffentlichen Raum, wird heute durch algorithmische Steuerung, digitale Überwachung und ökonomische Abhängigkeit eingeschränkt. Plattformarbeit, Gig-Economy und Care-Arbeit zeigen, dass viele Frauen strukturell vulnerabel bleiben und ohne soziale Absicherung nicht über die erforderlichen Handlungsspielräume verfügen.
Besonders deutlich wird dies bei gebildete Frauen, die einer doppelten Belastung ausgesetzt sind: Einerseits tragen sie die Verantwortung für Care-Arbeit im familiären Umfeld, die durch gesellschaftliche Erwartungen und unzureichende Infrastruktur weiterhin überwiegend ihnen zufällt. Andererseits sind sie im Home Office oder in hybriden Arbeitsformen zugleich beruflich gefordert. Es ist erschreckend, wie diese Doppelbelastung dazu führt, dass die formale Gleichstellung im Bildungs- und Arbeitsbereich durch strukturelle Ungleichheiten unterlaufen wird. Hier zeigt sich, dass sowohl liberale Rechte als auch soziale Sicherungen in Kombination den Schlüssel zur tatsächlichen Freiheit der Frauen bilden. Ja, auch familiäre Organisationsstrukturen sind zu bedenken, aber diese können die neuen Ungleichheiten nicht abfangen.
Es ist schon beinahe „gut“, wie die neoliberale Wirtschaftspolitik zeigt dass Freiheit und soziale Sicherheit untrennbar miteinander verbunden sind. Sie propagiert individuelle Eigenverantwortung und formale Rechte, gleichzeitig werden jedoch soziale Sicherheiten reduziert, Arbeitsverhältnisse prekarisiert und ökonomische Macht konzentriert. Arendt hatte absolut recht: Freiheit kann nicht bestehen, wo Menschen gezwungen sind, ihr Leben ausschließlich dem Arbeiten zu widmen. Die historische Doppelbewegung von Liberalismus und sozialer Absicherung, die Frauen die lang ersehnte Emanzipation ermöglichte, wird dadurch unterminiert. Freiheit ohne soziale Sicherheit ist eine Illusion, und soziale Reformen ohne rechtliche und politische Gleichstellung verlieren ihre transformative Wirkung.
Die Verbindung von rechtlicher Gleichstellung und sozialer Sicherung ist der Schlüssel zu wahrer Freiheit! Sie ermöglicht es jedem Einzelnen, im öffentlichen Raum zu handeln und politische Verantwortung zu übernehmen. Die historische Emanzipation der Frau zeigt, dass nachhaltige Autonomie nur durch die doppelte Triebkraft von liberaler Rechtsetzung und sozialer Absicherung erreicht wurde. Dieses Modell ist ein echter Meilenstein und liefert einen Maßstab für den Umgang mit den Herausforderungen der heutigen vernetzten Welt. Politische und soziale Strategien haben das unglaubliche Potenzial, materielle und rechtliche Bedingungen so zu gestalten, dass Freiheit nicht nur formal, sondern tatsächlich erfahrbar wird. Die doppelte Belastung gebildeter Frauen in der neuen Ökonomie macht deutlich, dass die Emanzipation noch lange nicht abgeschlossen ist. Nein, sie muss immer wieder neu erkämpft werden – gegen alte patriarchale Muster und gegen neue digitale Abhängigkeiten. Es ist an der Zeit, dass wir eine Politik etablieren, die die Rechte der Frauen in der vernetzten Gesellschaft erhält und weiterentwickelt. Eine Politik, die soziale und liberale Elemente miteinander verbindet, ist der Schlüssel zu einer prosperierenden Zukunft.
Moderne Politik, nicht nur für Frauen, ist sozial und liberal.
Disclaimer: Aufgrund angeborener Spastiken verwendete die Autorin verschiedene KI-Hilfssysteme zur Texterstellung und zur Verfremdung ihres Bildes

Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz übrigens erst 1990 durch das Schweizer Bundesgericht gegen den Widerstand der Konservativen landesweit durchgesetzt.
Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenstimmrecht-Entscheid
Gleichberechtigung gibt es in Europa also noch nicht all zu lange. Zumindest in einigen Ländern.
Heute, da denke ich immer an das was die Taliban mit Frauen machen. Oder andere Islamisten. ISIS und Hamas haben einen regen Sklavenhandel mit Frauen geführt. Siehe:
https://www.spiegel.de/ausland/gaza-vom-is-entfuehrte-jesidin-nach-zehn-jahren-gerettet-a-9ccdd839-3859-4a81-bff0-8e7ed67e4dec
„IS-Terroristen verschleppten vor zehn Jahren im Irak Tausende Jesidinnen. Eine der Frauen konnte nun durch eine komplizierte Rettungsaktion der IDF in Gaza befreit werden.“
Der Kampf um Befreiung von Frauen muss also weiter gehen. Es kann nicht sein das Linke Feministinnen die sich progressiv Schimpfen die Hamas verharmlosen ohne deren Sex Sklavenhandel zu thematisieren. Es braucht wieder einen Gesinnungswandel um das Thema weltweit glaubwürdig voran zu bringen. Es wäre falsch wenn wir uns im Westen da bequem zurück lehnen nur weil bei uns die Unterdrückung von Frauen so nicht mehr offen stattfindet und dann ignorieren was woanders abgeht.
Kritik am Patriarchat muss eben dann auch das Patriarchat des politischen Islam immer mit beinhalten. So viel Solidarität sind wir den Frauen in der Islamischen Welt schuldig.