Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Jonas Wessel, Bundesbildungskoordinator und Vorsitzender der Piratenpartei Schleswig-Holstein
Liebe Alle, ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr!
Wir stehen alle vor großen Herausforderungen, weil sich die Demokratie gerade verändert. [1] Diese Veränderung zeigt sich nicht nur an politischen Institutionen, sondern ebenso im Alltag: Kommunikationsräume verlagern sich, Vertrauen in Medien und Politik nimmt ab, digitale Plattformen prägen zunehmend den öffentlichen Diskurs. Dadurch entsteht eine neue Spannung zwischen technologischem Fortschritt und gesellschaftlicher Teilhabe – Demokratie bleibt meist das Ziel, aber ihre Strukturen und Ausdrucksformen werden komplexer und populistischer. Als Piraten müssen wir uns mit Themen beschäftigen, die über kurzfristige Empörung [2] hinausgehen. Wir müssen Antworten finden, die Menschlichkeit und Technologie langfristig und nachhaltig zusammenbringen [3]. Ebenso müssen wir digitale Souveränität mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden [4]. Außerdem sollten wir Freiheit und Pluralismus als zwei sich gegenseitig bedingende Prinzipien betrachten.[5]
Diskurs und Kommunikation
Als Pirat wünsche ich mir für 2026, dass wir aus dem Dauerrauschen der Selbstoptimierung und Meinungsexplosion heraustreten und uns neu besinnen: auf Vertrauen, auf soziale Gerechtigkeit, auf eine Sprache, die wieder Brücken schlägt. [6] Worte sind nicht neutral. Sie gestalten die Wirklichkeit, legen den Rahmen fest, innerhalb dessen wir von Menschen etwas erwarten oder diese abwerten, verbinden oder zerstören. In einer Gesellschaft, in der Empörung zur Art von Informationsaustausch geworden ist, ist es wichtig, freundlich zu bleiben. [7]
Wenn ich von Freundlichkeit spreche, meine ich damit nicht Harmonie um jeden Preis.
Es geht nicht darum, Konflikte zu glätten oder Unterschiede zu überdecken, sondern darum, Auseinandersetzung konstruktiv zu führen. Freundlichkeit ist keine Naivität oder Schwäche, sondern eine Haltung. Es geht darum, dem Drang zur Eskalation nicht nachzugeben, sondern bewusst Respekt zu zeigen – auch wenn es nicht leicht fällt. Das heißt den anderen als Diskurspartner ernst zu nehmen, auch wenn man klar widerspricht. So wird Streit nicht moralisch entschärft, sondern menschlich geführt – ohne Feindbilder, aber mit Rückgrat. Sie zeigt, dass man mental stark ist und nicht gleich über jeden Stock springt, der einem angeboten wird. Wenn Streit nicht mehr darum geht, wer gewinnt beziehungsweise wer Macht erhält, sondern darum, was man lernt, dann wird Demokratie wieder lebendig. Hier liegt die Basis für eine neue Sicht auf politische Kommunikation: Streit als Lernort, nicht als Bühne, auf der Emotionen für kommerzielle oder ähnliche Zwecke missbraucht werden. [8]
Herausforderungen für unsere liberale Demokratie
Die Kultur des offenen Austauschs trifft auf eine politische Wirklichkeit, die von illiberalen Netzwerken [9] immer mehr beeinflusst wird. Und das nicht durch offene Repression, sondern durch subtile Steuerung einer künstlich erzeugten „Mehrheit“. Dabei geht es mir nicht darum, pauschale Schuldzuweisungen zu treffen oder ein einfaches „wir gegen sie“ zu zeichnen. Illiberale Tendenzen entstehen nicht nur „bei den anderen“, sondern in gesellschaftlichen Strukturen, in denen Angst, Vereinfachung und emotionale Mobilisierung immer mehr Gewicht bekommen. Diese Dynamiken können uns alle erfassen – unabhängig von politischer Haltung.
Entscheidend ist, ob wir ihnen bewusst begegnen und Räume schaffen, in denen Differenz wieder als Stärke verstanden wird. Die Demokratie von heute ist daher eher algorithmisch als paramilitärisch [10]. Sie gibt sich frei, operiert aber auf technischer Abhängigkeit. Plattformen, die über Reichweite und Sichtbarkeit entscheiden, verändern das politische Gleichgewicht: Die Lauten werden mächtiger, die Differenzierten verschwinden im Off. Wenn Emotionen und Aufmerksamkeit zur Währung werden, wird Macht unsichtbar verteilt. Populismus gedeiht in diesem Klima der kalkulierten Aufregung – so lange wir es zulassen, dass Algorithmen bestimmen, was politisch relevant scheint [11].
Dabei geht es nicht darum, menschliche Verantwortung an Systeme abzugeben. Algorithmen handeln nicht eigenständig moralisch – sie spiegeln und verstärken das, was wir ihnen durch Design, Nutzung und ökonomische Anreize beibringen. Die eigentliche Herausforderung liegt also darin, diese Strukturen bewusst zu gestalten und kritisch zu hinterfragen, anstatt sie als gegeben hinzunehmen. Demokratie lebt letztlich nicht nur von technischen Rahmenbedingungen, sondern vom bewussten Handeln derjenigen, die sich in ihnen bewegen. Die Folge ist eine Demokratie, die an der Oberfläche erstickt, während ihre Substanz verschwindet.
Meinungskapitalismus
Gleichzeitig erleben wir den Aufstieg einer illiberalen Marktwirtschaft [12]. Sie predigt Freiheit, schafft aber Abhängigkeiten. Mit „illiberaler Marktwirtschaft“ meine ich kein grundsätzliches Gegenmodell zu wirtschaftlicher Freiheit, sondern eine Entwicklung, bei der neoliberale Sprache den Anschein von Autonomie wahrt, während reale Entscheidungsfreiheit abnimmt. Märkte funktionieren zunehmend nicht mehr über Wettbewerb, sondern über Datenmonopole, algorithmische Steuerung und die Kommerzialisierung von Aufmerksamkeit. Es entsteht also keine freie, sondern eine gelenkte Marktlogik – eine, die Freiheit rhetorisch beansprucht, sie in der Praxis aber technokratisch begrenzt. Sie trägt neoliberale Kleidung, nutzt aber monopolistische Strukturen.
Datenkonzerne können uns viel mehr beeinflussen, als Regierungen mit ihren Gesetzen. Was mit der Idee des Wettbewerbs begann, ist heute eine Architektur der Kontrolle. Sie kapitalisiert Aufmerksamkeit und Verhalten. Hier treffen Markt und Macht aufeinander; hier verliert Freiheit ihre Bedeutung. Wenn eine Gesellschaft wirtschaftlich und kommunikativ fremdgesteuert ist, kann sie nicht liberal bleiben. Wenn wir uns zu bequem sind, etwas selbst zu machen, dann entmündigen wir uns selbst.
Ganzheitliche Bildung als Teil der Lösung
Gegen diese Entwicklung hilft keine Nostalgie, sondern Transparenz – und der Mut, digitale Gemeingüter zu verteidigen [4] und Inklusion als Leitprinzip zu leben: in Daten, in Software, in Köpfen. Besonders in der Bildung zeigt sich das. Das ist ein Bereich, der uns alle angeht und in dem wir alle mitmischen. Die Einführung von generativer KI hat gezeigt, dass wir uns bisher auf dem falschen Weg befanden. Wir messen oft nur das Endergebnis, aber nicht, was eigentlich wichtig wäre: der Weg dahin. Dabei entbindet eine kritische Haltung gegenüber dem Bildungssystem die Einzelnen nicht von Verantwortung.
Lehrende, Lernende und Institutionen tragen gemeinsam dazu bei, wie KI eingesetzt wird – ob sie als Werkzeug der Bequemlichkeit oder der Erkenntnis dient.
Verantwortung bedeutet hier, aktiv zu reflektieren, wie man lehrt, lernt, handelt und gestaltet. Studierende und Lernende nutzen KI nicht, weil sie betrügen wollen, sondern weil das System sie dazu übers Benoten erzieht, Endergebnisse über Erkenntnis zu stellen. [13] Lernen ist keine Einbahnstraße, es ist ein lebenslanger Prozess. Bildung, wenn man sie richtig versteht, befreit. Ich wünsche mir, dass wir den Mut finden, Bildung im 21. Jahrhundert radikal umzudenken – von der erwarteten Integrationsleistung zur Inklusion – von der Machterhaltung hin zur Persönlichkeitsentwicklung. Wie man es auch in unserem Piratenbildungsmodell sieht [14].
Künstliche Intelligenz kann ein echtes Hilfsmittel sein, wenn sie uns nicht die Arbeit abnimmt, sondern uns begleitend unterstützt: als Möglichkeit, zu forschen, zu fragen, im eigenen Tempo zu lernen und natürlich alles in einem KI-Ethischen Rahmen [15]. Und Lernen hört nicht an der Schultür auf. Es ist ein lebenslanger Prozess, ein geistiges Training, um selbstwirksam zu werden. Eine Demokratie braucht Menschen, die nicht nur informiert, sondern auch bildungsfähig bleiben wollen und bereit sind, ihr Denken selbst zu updaten anstatt einfach nur aus Büchern oder KI-Inhalten zu reproduzieren. Lebenslanges Lernen [16] ist keine Pflicht, sondern eine Form von Freiheit. Man muss nur bereit sein, diese im Kopf und in der Gesellschaft selbstbegehrend zu leben.
Verbindende Politik statt Spaltung
Diese Haltung einer ganzheitlichen Partizipation [17] ist die Grundlage für eine vernetzte inklusive Menschlichkeit. Politik muss wieder zum Ort menschlicher Erfahrung werden und nicht die illiberale Machterhaltung [18] zentrieren. Sie muss mit Emotionen, Haltung/Wertevorstellung und Verantwortung gemacht werden. Sie darf Gefühle nicht verachten und aber auch diese nicht instrumentalisieren. Wir brauchen weniger Management und mehr Sinnsuche, weniger Machterhalt und mehr Mut zum Gespräch. Vielleicht liegt die neue politische Achse zwischen „verbindend“ und „zertrennend“ ohne dabei ein neues Hufeisen aufzumachen [19].
Verbindende Politik sieht Vielfalt als Stärke, nicht als Bedrohung.
Sie sucht nach Gleichwertigkeiten, nach Menschlichkeit, ohne dabei eine Uniformität zu erzeugen [20]. Sie lebt von Freiheit, Würde und Teilhabe – den drei Elementen des piratischen Kompasses. Wenn du dich selbst reflektierst, dann fragst du dich auch, wo du in den Machtstrukturen stehst. Wenn du einfühlsam bist, dann erkennst du den Menschen im Gegner. Lernbereitschaft bedeutet, dass man Fehler nicht als Makel sieht, sondern als Chance. Solange wir diesen Kompass behalten, verlieren wir auch im Nebel der schnellen Veränderung nicht die Orientierung. Er hilft uns, Verantwortung zu übernehmen, ohne dass wir uns schuldig fühlen [21]; Haltung zu zeigen, ohne dogmatisch zu sein. Verantwortung ist nicht so ein Last, die einen erdrückt, sondern eine Haltung, die einen trägt. Sie verwandelt die Ohnmacht der Schuld in Energie, um etwas zu gestalten und zu verändern.
Kultur des Zusammenhalts
Ich wünsche mir für 2026 im Wesentlichen, dass Zusammenhalt wieder als Kultur [22] verstanden wird und nicht als Parole. „Mehr Miteinander“ heißt nicht, Konflikte zu vermeiden, sondern sie ehrlich zu führen. Zusammenhalt bedeutet in diesem Sinne nicht Einigkeit, sondern die Fähigkeit, mit Unterschiedlichkeit konstruktiv umzugehen. Eine demokratische Kultur lebt davon, dass Menschen sich nicht in ihren Blasen verschanzen, sondern gemeinsame Verantwortung übernehmen – auch dort, wo es unbequem wird. Wir müssen unsere Komfortzone verlassen, digitale Räume offener, Bildung dialogischer und Medien mutiger machen. So entsteht eine Gesellschaft, die sich nicht in Blasen verhärtet, sondern Resonanzräume schafft. Wir können immer noch miteinander umgehen, auch wenn wir es gerade nicht so richtig zeigen. In schwierigen Zeiten möchte ich euch Hoffnung schenken.
Die Hoffnung ist, wie wie Freundlichkeit, keine naive Emotion, sondern eine Form des Widerstands [4]. Sie zeigt, dass wir an die Veränderbarkeit der Welt hin zum positiven Handeln glauben. Wenn wir Verantwortung als Einladung und nicht als Strafe begreifen, dann kann dieses Jahr der Wendepunkt werden. Es geht nicht nur um eine große digitale Revolution, sondern um viele kleine Entscheidungen die das Gesicht der Welt verändern [23]: Wir sprechen bewusster, teilen gerechter, denken offener und handeln menschlicher. Die Technik wird uns nicht retten, aber die Einstellung, mit der wir sie nutzen, kann es.
Meine Neujahrsziele als Pirat für 2026: Inklusive Demokratie schützen und illiberale Marktwirtschaft aufbrechen; Bildung neu denken, Sprache achten, Fürsprache leben; Verantwortung statt Schuld leben; Zusammenhalt ermöglichen und Hoffnung pflegen.
Quellen:
[2] https://www.fluter.de/tiktok-politiker-strategien
[3] https://wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm#Pr.C3.A4ambel
[4] https://di.day/
[6] https://radikalehoeflichkeit.de/
[11] https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-03-wohlstand-populismus-muench-etal.pdf
[12] https://www2.hs-fulda.de/~grams/hoppla/wordpress/?p=3602
[13] https://bobblume.de/2024/08/14/unterricht-ki-und-kooperation-in-leistungsueberpruefungen/
[14] https://bildungspolitik.piratenpartei.de/2025/11/20/einladung-zum-themenabend-piratenbildungsmodell/
[17] https://profession-politischebildung.de/grundlagen/grundbegriffe/partizipation/
[18] https://libmod.de/der-illiberale-kern-des-populismus/
[19] https://www.campact.de/blog/2025/07/hufeisentheorie-warum-das-hufeisenmodell-der-demokratie-schadet/
[20] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/29548/gleichwertig-ist-nicht-gleich/
[22] https://www.stadtkulturmagazin.de/ausgaben/nr-47-gesellschaftlicher-zusammenhalt-durch-kultur/
