Die 3sat‑Reihe „Control. Alt. Delete“ schafft etwas, das man im Tech‑Diskurs sonst mit der Lupe suchen muss: Sie räumt auf. Und zwar gründlich.
Statt sich in Buzzwords oder Silicon‑Valley‑Mythen zu verlieren, zieht die Dokumentation ideengeschichtliche Linien nach, die sonst irgendwo zwischen Start-up‑Pitch, Thinktank‑Salon und kryptischen Blogposts herumwabern.
Das Ganze kommt aber erfreulich unaufgeregt daher – keine dramatische Musik, keine künstliche Empörung, keine dauernden Wiederholungen des schon Gesagten wie im Bildungs-Kinderfernsehen (oder eine Doku im Privatfernsehen). Gerade diese Ruhe macht deutlich, wie scharf die behandelten Ideen eigentlich sind.
Handwerklich sauber – und gerade deshalb wirkungsvoll
Die Reihe punktet mit klarer Struktur, sauberer Montage und wohltuender Zurückhaltung. Keine Überzeichnung, kein Alarmismus. Die Filmemacherinnen und Filmemacher setzen darauf, dass das Material selbst stark genug ist – und das ist es. Interviews, Archivfunde und Einordnungen greifen ineinander, ohne dass man sich belehrt fühlt.
Besonders angenehm ist: „Control. Alt. Delete“ verzerrt seine Protagonisten nicht, sondern lässt sie ihre Weltbilder selbst ausbreiten. Das ist journalistisch fair – und gleichzeitig die effektivste Form der Kritik. Denn manche Ideologien erledigen die Selbstentlarvung ganz ohne fremde Hilfe wie im aktuellen Fall.
Das Silicon Valley – ein politisches Experimentierfeld
Inhaltlich betreibt die Reihe eine Art gedankliches Sezieren. Was da auf dem Tisch liegt, lässt sich ohne große Verrenkungen als Techno‑autoritäre Ideologie oder auch Techno-Faschismus beschreiben – auch wenn ihre Vertreter lieber von „Effizienz“, „Rationalität“ oder „Post‑Demokratie“ sprechen.
Gemeinsam ist ihnen:
- eine offene oder unterschwellige Abneigung gegen Demokratie, weil sie angeblich zu langsam, zu chaotisch, zu menschlich ist.
- ein elitärer Menschenbegriff, der Wert und Macht an Intelligenz, Kapital oder technischen Zugang knüpft.
- die Vorstellung, man könne Gesellschaft wie Software neu aufsetzen, wenn sie nicht rund läuft.
- eine bemerkenswerte Allergie gegen Gleichheit und Solidarität.
Kurz gesagt:
Zukunftsvisionen, die aussehen wie ein mittelalterlicher Feudalstaat mit WLAN und Chatkontrolle durch die Inquisition.
Freiheit für die Starken – und nur für die
Besonders dreist ist der Umgang mit dem Begriff „Freiheit“. In diesen Denkschulen bedeutet er nicht etwa Selbstbestimmung für alle, sondern maximale Bewegungsfreiheit für jene, die ohnehin schon oben sitzen. Demokratie erscheint da als lästiger Bug, Parlamente als ineffiziente Prozesse, Grundrechte als unnötiger Overhead.
Dass solche Ideen ausgerechnet in einem Umfeld gedeihen, in dem Plattformen Kommunikationswege, Zahlungsströme und Informationsräume kontrollieren, überrascht wenig. Wer die Infrastruktur besitzt, hält demokratische Kontrolle schnell für eine Zumutung.
Autoritarismus im Hoodie
Die Dokumentation zeigt klar: Dieser neue Autoritarismus kommt nicht in Uniform, sondern im Tech‑Casual‑Look. Er wirbt nicht mit Parolen, sondern mit Whitepapers. Er klingt modern, innovativ, disruptiv – und tarnt damit, dass sein Kern tief antidemokratisch ist.
Es ist ein Autoritarismus, der:
- Hierarchien als Naturgesetz verkauft.
- Ungleichheit moralisch auflädt.
- Kontrolle als Ordnungsmittel verklärt.
- politische Teilhabe durch technische Steuerung ersetzt.
Gerade weil er sich als Fortschritt ausgibt, ist er so gefährlich.
Fazit: Eine notwendige Entzauberung
„Control. Alt. Delete“ ist eine überfällige Intervention. Die Reihe zeigt, dass die Bedrohung der Demokratie nicht nur von offen autoritären Bewegungen kommt, sondern auch von intellektuell aufpolierten, technokratischen Eliten, die Politik für ein veraltetes Betriebssystem halten. Ihr größter Verdienst: Sie skandalisiert nicht – sie erklärt. Und das reicht völlig, um die Abgründe sichtbar zu machen.
Demokratie ist langsam, widersprüchlich, manchmal mühsam. Aber sie ist – im Gegensatz zu den in der Reihe vorgestellten Fantasien – menschenwürdig.
Und genau daran erinnert uns diese Dokumentation mit wohltuender Klarheit. Wer Parallelen zur aktuellen US-Politik erkennt – ja, die sind da. Und das ist kein Zufall.
