Stellen wir uns kurz vor es wäre Dienstag. Ein ganz normaler Dienstag, sagen wir im … Februar. Moskau dreht die Pipeline zu — nicht aus technischen Gründen, sondern als klare Ansage. Gleichzeitig meldet Teheran (wieder oder weiterhin) die Sperrung der Straße von Hormuz für „Schiffe unter westlicher Flagge oder mit westlichem Ziel“. Zeitgleich vermeldet die chinesische Marine, sie übe „Schutzoperationen“ für Handelsrouten im Persischen Golf durch. Der Rohölpreis überschreitet binnen 48 Stunden die Marke von 280 Dollar pro Barrel.
Die Bundesregierung versichert, die Lage sei „angespannt, aber beherrschbar“. Wer das glaubt, glaubte auch 2020, dass Corona keine Seuche sei, oder 2021, dass Russland nicht einmarschieren würde. Europa ist nicht vorbereitet, es war nie wirklich vorbereitet. Und wer das bisher noch nicht wusste, wird es bald am eigenen Kühlschrank merken.
Drei Schachzüge, ein Schachmatt
Das Szenario ist nicht unrealistisch. Es ist nicht einmal besonders originell, es ist die logische Konsequenz einer geopolitischen Konstellation, die sich seit Jahren aufbaut und die Europa systematisch ignoriert hat. Russland braucht keinen militärischen Sieg über Europa. Es braucht nur den richtigen Moment, um Energie als Druckmittel einzusetzen — das hat es 2022 vorexerziert, damals noch zögerlich und halbherzig. Ein vollständiger Lieferstopp von russischem Öl und Gas, koordiniert mit einer iranischen Hormuz-Blockade und chinesischer Marktdominanz im Persischen Golf, wäre kein Krieg. Es wäre Wirtschaftspolitik mit militärischen Mitteln.
Europa fördert selbst Öl und Gas — Nordsee, Norwegen, kleinere Vorkommen in Rumänien und Italien. Das deckt vielleicht 15 bis 20 Prozent des europäischen Bedarfs. Der Rest hängt am Weltmarkt (und den USA, die kein verlässlicher Partner sind). Und der Weltmarkt ist gerade dabei, sich neu zu sortieren, und zwar zuungunsten Europas. Denn der Preis macht den Unterschied zwischen „Leben und Tod“ unserer Wirtschaft, das Öl muss nicht verschwinden um Europa zu lähmen. Es muss nur so teuer werden, dass Raffinerien nicht mehr wirtschaftlich arbeiten, dass Transportunternehmen keine Kalkulation mehr hinbekommen und, dass Betriebe ihre Energiekosten nicht mehr auf Produkte umlegen können, ohne die Nachfrage zu zerstören. Bei 280 Dollar pro Barrel ist das keine Theorie mehr, es ist einfache Arithmetik.
Was dann passiert
Wenn der Rohölpreis nicht fällt, dann werden in der ersten Woche die Kraftstoffpreise für LKW zum Thema im Kabinett. Also nicht für die Bürger, warum auch. An Tankstellen entstehen Schlangen — nicht weil Benzin fehlt, sondern weil alle gleichzeitig Volltanken wollen bevor es noch teurer wird. Supermarktketten, deren Just-in-time-Logistik auf täglicher Belieferung per LKW basiert, beginnen Lücken in den Regalen zu bekommen. Wer in einer Kleinstadt wohnt, bemerkt das zuerst – denn dort sitzen weniger Wählende und/oder Konsumenten.
In der zweiten Woche sprechen Regierungen über „systemrelevante Versorgung“ — Neusprech für: Es reicht nicht mehr für alle zum normalen Preis, die einfachen Bürger sind de facto „gefickt“. Krankenhäuser, Polizei, Militär, öffentliche Verwaltung und Politisches Personal bekommen Vorrang. Der Rest bekommt Kontingente (massiv teuer, selbstverständlich!). Die Frage, wer entscheidet wer systemrelevant ist, wird nicht demokratisch ausgehandelt, sie wird per Verordnung beantwortet. Schnell und natürlich ohne Parlamentsdebatte. Das ist dann die Stunde, in der man merkt, wie viele Notstandsparagraphen die letzten zwanzig Jahre still und leise in die Rechtssysteme eingezogen sind.
In kürzester Zeit entstehen Schwarzmärkte, denn diese entstehen immer, wenn Güter knapp werden und der Staat den Preis administrativ deckelt oder rationiert. Wer reich genug ist, kauft sich Diesel außerhalb der offiziellen Kanäle. Wer nicht reich genug ist, fährt mit Heizöl statt Diesel oder überhaupt nicht mehr. Das betrifft zuerst die, die auf dem Land wohnen und keinen ÖPNV-Anschluss haben — also jene Gegenden, die beim Ausbau erneuerbarer Mobilitätslösungen seit Jahren vergessen wurden. Kein E-Auto, keine Bahn, kein Bus. Nur ein Kanister, der zu teuer ist, um ihn zu füllen.
Im dritten Monat fehlt der Dünger. Stickstoffdünger wird aus Erdgas hergestellt. Kein Gas zu vertretbaren Preisen, kein Dünger zu vertretbaren Preisen, keine Ernte in erwarteter Menge. Ähnlich wird das bei Unkrautvernichtern ablaufen. Das ist keine Apokalypse, aber es ist eine Ernte, die kleiner ausfällt als die vorherige, bei gleichzeitig steigenden Lebensmittelpreisen und sinkenden Einkommen. Die Lebensmittelbanken melden Andrang, der ihre Kapazitäten übersteigt.
Ein Blick in die Karibik
Kuba hat das alles in anderer Form bereits erlebt — und es lohnt sich, kurz hinzusehen, nicht weil die Verhältnisse identisch wären, sondern weil ein Muster erkennbar ist. Seit 2021 kämpft das Land mit einer chronischen Energiekrise: Kraftwerke aus Sowjetzeiten, marode und ohne Devisen für Ersatzteile, ein Staat ohne Spielraum für Rohölimporte. Im August 2025 gab es landesweite Totalblackouts innerhalb eines Jahres. In Santiago de Cuba gab es tageweise überhaupt keinen Strom.
Man könnte sagen: Das ist Kuba. Das ist ein autoritäres, sozialistisches Entwicklungsland mit chronischem Staatsversagen auf einer Insel, die seit Jahrzehnten wirtschaftlich isoliert ist. Dessen Infrastruktur seit den 1970ern nicht grundlegend erneuert wurde und das nur aufgrund einer substanziellen und vielschichtigen Unterstützung des kommunistischen Chinas, Devisen aus dem Ausland und vor allem aufgrund ultrabilligem Öl aus Venezuela überhaupt noch Energie hatte. Ja, auch.
Man könnte es aber auch so lesen: Das ist das Ergebnis, wenn Importe wegbrechen, Infrastruktur veraltet ist, Erneuerung fehlt und der Staat keine Puffer mehr hat. Der Mechanismus ist derselbe — nur die Ausgangsbedingungen sind andere. Europa hat bessere Kraftwerke, mehr Reserven und eine Volkswirtschaft mit mehr Masse. Aber auch Europa hat jahrzehntelang versäumt, seine Energieabhängigkeiten strukturell aufzulösen. Der Unterschied zwischen Kuba 2024 und einem möglichen Europa 2027 ist kein qualitativer — er ist ein zeitlicher und gradueller. Und Gradunterschiede schrumpfen schnell, wenn externe Schocks groß genug sind.
Der Staat wird sich selbst priorisieren
Hier ist die unbequeme Wahrheit, die in keiner Regierungskommunikation auftaucht: Bei einem ernsthaften Versorgungsengpass werden demokratische Aushandlungsprozesse zugunsten von „Effizienz“ zurückgestellt. Das ist keine Verschwörungstheorie — das ist der Regelinhalt der nationalen Krisenrechtssysteme, die im letzten Jahrzehnt stillschweigend ausgebaut wurden. Es wird Verteilungsentscheidungen geben. Sie werden intransparent sein. Sie werden nicht schnell gerichtlich überprüfbar sein. Und sie werden, wie immer in Krisenlagen, zuerst die treffen, die schon vorher am wenigsten hatten: Menschen in schlecht isolierten Wohnungen mit Ölheizung, Pendler ohne Alternative, Kleinbetriebe ohne Liquiditätsreserve.
Wer dann fragt, wie das passieren konnte, bekommt zwei Antworten: das US-Embargo — nein, Entschuldigung, falsche Krise: Russland, China, Iran. Externe Faktoren. Höhere Gewalt. Niemals: dreißig Jahre systematisch verschlafener Strukturwandel, Lobbyismus der Mineralölwirtschaft und eine Energiepolitik, die Abhängigkeiten immer nur gegen andere Abhängigkeiten getauscht hat, solange der Preis stimmte.
Was jetzt noch hilft — und was nicht mehr
Strategische Ölreserven helfen. Für drei Monate. Dann ist die Reserve aufgebraucht, und die Lage ist dieselbe wie vorher, nur mit drei Monaten weniger Zeit für Anpassungen. Was strukturell hilft: dezentrale Energieerzeugung, Wärmepumpen, ausgebautes Schienennetz, kommunale Solaranlagen, Gebäudedämmung in einem Tempo, das diesen Namen verdient. Alles Dinge, über die seit zwanzig Jahren geredet wird und bei denen Europa — und Deutschland im Besonderen — in der Umsetzung kläglich hinter dem zurückbleibt, was technisch und wirtschaftlich möglich wäre.
Stattdessen haben wir jahrelang Debatten darüber geführt, ob die Wärmepumpe dem deutschen Handwerker zumutbar sei und ob der Verbrenner nicht doch irgendwie zu retten wäre. Diese Debatten werden im Rückblick das sein, was die Deck-Chair-Umstellung auf der Titanic für die Schifffahrtsgeschichte ist: ein Lehrstück in kollektiver Prioritätenverweigerung.
Wer das nicht hören will, hat Pech gehabt
Die Verantwortlichen sitzen in Berlin, Brüssel, Paris und Rom. Sie kennen die Szenarien — Energieministerien, Nachrichtendienste und Wirtschaftsforschungsinstitute haben sie dutzendfach durchgespielt und veröffentlicht. Die Berichte verstauben in Schubladen, weil ihre Konsequenzen politisch unbequem sind oder die Drehtür in die Aufsichtsräte der Energieversorger blockieren würden. Und weil paralysierte Kaninchen Politiker die Schlange den Wahlzyklus anstarren als gäbe es kein morgen. Eine wirklich miserable Strategie für Langfristige Investitionen, oder?
Das ist kein Systemfehler. Das ist das, ja ich sage es laut, korrupte System einer vollkommen unfähigen politischen Klasse. Wer kurzfristig gewählt werden will, investiert nicht in Infrastruktur, die erst in fünfzehn Jahren trägt. Das mag rationales politisches Verhalten sein, ist aber genau genommen geisteskrank, und genau das, was uns in diese Lage gebracht hat. Und wer diese, ja, auch hier kräftig, Halb- und Vollidioten immer wieder wählt, der trägt Mitverantwortung denn er ist auch nicht wirklich schlauer.
Ich befürchte, es braucht erst den Schock, bevor sich das ändert. Und wenn der Schock kommt, werden dieselben Leute, die die Warnungen ignoriert haben, in Talkshows erklären, dass das niemand hätte vorhersehen können. Und das blau-braune Pack und die linken Spinner, die beide noch im 19. Jahrhundert leben, werden sagen das „Die Kapitalisten“ oder „Die Ausländer“ schuld sind.
Spätestens dann ist aber die Stunde, in der man aufhören sollte, ihnen zuzuhören. Und anfangen sollte, lokale Energieinfrastruktur aufzubauen, ohne auf Erlaubnis von oben zu warten. Denn die kommt. wenn überhaupt, zu spät und ist dann, erfahrungsgemäß, praxisfremd,

