Fast 60 Prozent aller Google-Suchen enden heute ohne einen einzigen Klick auf eine externe Seite. Google hat sich systematisch zwischen den Nutzer und die Originalquelle geschoben: Mit KI-Zusammenfassungen, die selbstsicher falsch liegen können, mit personalisierten Ergebnissen, die zwei Menschen bei identischer Suchanfrage verschiedene Treffer zeigen und mit Anzeigen, die organische Ergebnisse nach unten verdrängen. Mehr zu “ Wenn man die Suche ganz weg lässt“ unter [1].
Das klingt nach einem Grund, Google aufzugeben. Es ist keiner — aber es ist ein Grund, Google besser zu benutzen.
Wie man das macht hat die Bibliothekarin Hana Lee Goldin hat auf ihrem Substack „Card Catalog“ in einem der nützlichsten Texte über Google-Suche zusammengestellt, die ich seit Langem gelesen habe [2]. Ich war und bin beeindruckt – einiges war mir schon klar, aber vieles nur teilweise oder überhaupt nicht.
Was kann Google eigentlich?
Hana Lee Goldin erklärt die seit Jahren eingebauten Operatoren und Funktionen, die kaum jemand kennt, auch weil Google kein Interesse daran hat, dass man sie kennt. Wer sie beherrscht, bekommt ein effektives Werkzeug in die Hand.
Eine Auswahl aus dem Artikel:
- [site:nuernberg.de klimaschutz] sucht zum Beispiel ausschließlich auf einer bestimmten Domain nach einem bestimmten Begriff
- [filetype:pdf Haushaltsplan] — findet nur PDFs, also Originaldokumente statt Blogartikel darüber
- [„can anyone recommend“] — liefert echte Forumsdiskussionen statt SEO-optimierte Ratgeberlisten
- [before:2022 und after:2020] — grenzt Ergebnisse auf einen Zeitraum ein
- Der Verbatim-Modus (Tools → Alle Ergebnisse → Wörtlich): Google hört auf, dich zu interpretieren, und zeigt exakt, was du geschrieben hast – ohne Personalisierung!
Dazu kommen Dutzende versteckter Schnellfunktionen, Alternativsuchmaschinen mit anderen Geschäftsmodellen und, als oft vergessene Ressource, öffentliche Bibliotheksdatenbanken wie JSTOR, zugänglich mit einem kostenlosen Bibliotheksausweis. Aber: „Finden ist nicht Verstehen“ – mehr dazu unter [3]
Warum das weit über Suchtricks hinausgeht
Goldin ist Bibliothekarin und das merkt man. Der Artikel ist kein Lifehack-Listicle. Er stellt eine unbequemere Frage:
Was ist eigentlich verschwunden, als Google die Auskunftstheke ersetzt hat?
Früher gab es eine professionelle Schicht zwischen Mensch und Rohinformation. Bibliothekarinnen, Redakteure, Fact-Checker, Dokumentare — Menschen, deren Beruf es war zu verstehen, wie Wissen organisiert ist, wer es produziert hat, wer es finanziert und wo die Lücken in einer Quelle liegen. Das war keine Dienstleistung am Rande. Es war Kernkompetenz, die jahrzehntelang unsichtbar funktioniert hat, weil sie zuverlässig da war.
Diese Schicht ist weitgehend verschwunden.
Redaktionen sind ausgedünnt, Bibliotheken chronisch unterfinanziert und an die Stelle der Rechercheprofis ist ein Suchschlitz getreten — kombiniert mit der stillschweigenden Annahme, das reiche aus. Dass Millionen Menschen täglich Gesundheitsfragen, Rechtsfragen und politische Urteile auf Basis von Google-Ergebnissen treffen, die sie nicht einordnen können, gilt als Normalzustand.
Die Hybris liegt aber nicht bei den Nutzenden.
Sie liegt im Design, in der Benutzeroberfläche, die so tut, als sei eine Suchanfrage dasselbe wie eine kompetente Rechercheanfrage. Als habe das Tippen einer Frage in ein Feld denselben Wert wie das Wissen, welche Frage man stellen muss, wo man sie stellen sollte und wie man die Antwort einordnet. Der Suchschlitz flüstert: Du kannst das. Alleine. Sofort. — Und verschweigt dabei alles, was eine gute Antwort von einer schnellen Antwort unterscheidet.
Das ist kein Vorwurf an Nutzer. Es ist eine Beschreibung einer Infrastruktur, die Abhängigkeit produziert und Kompetenz nicht fördert, weil Kompetenz ihrem Geschäftsmodell im Weg steht. Ein Nutzer, der weiß, wie er Informationen selbstständig navigiert, kommt seltener zurück.
Was man tun kann
Den Artikel lesen — und danach vielleicht einmal überlegen, wann man zuletzt eine Originalquelle gesucht hat statt einer Zusammenfassung davon. Die Suchtricks sind der einfache Teil. Der schwerere Teil ist das Bewusstsein, dass „ich hab’s gegoogelt“ keine Antwort auf die Frage ist, ob eine Information stimmt, vollständig ist oder aus einem Interesse heraus formuliert wurde.
Goldin gibt beides: die Werkzeuge und den Rahmen, in dem sie Sinn ergeben.
Quellen:
[1] Wenn man die Suche ganz weg lässt: Wer Fragen direkt an ein Sprachmodell stellt, bekommt eine Antwort — ohne Linkliste, ohne sichtbare Quelle. Sprachmodelle erzeugen plausible Texte auf Basis von Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Basis von Wissen. Sie halluzinieren. Mehr dazu unter bvdw.org — KI-Sprachmodelle: Produktivitätsschub mit Nebenwirkungen
[2] cardcatalogforlife.substack.com
[3] Finden ist nicht Verstehen: Goldin erklärt, wie man Information findet — nicht, wie man bewertet, was man gefunden hat. Wer eine Quelle nicht einordnen kann, hat noch keine Antwort. Die dpa-Faktencheckredaktion zeigt, wie das in der Praxis aussieht: Primärquellen, Vier-Augen-Prinzip, alle Quellen verlinkt und nachvollziehbar. dpa-factchecking.com
