Es ist wieder mal Walpurgisnacht und alle schreiben über die Hexenverfolgung. Leider auch eher unreflektierte Personen. Also muss ich auch was dazu sagen, denn im Diskurs läuft manches schief.
Die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit war real, sie war grausam, und Frauen stellten die Mehrheit der Opfer. Das ist historisch belegt, und es ist wichtig, das zu sagen. Über das gesamte frühneuzeitliche Europa wurden schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Menschen hingerichtet, bei rund 110.000 dokumentierten Prozessen [3] — und etwa 75 bis 80 % davon waren Frauen. Kein seriöser Historiker bestreitet das.
Aber darum geht es hier nicht. Es geht um etwas anderes: um die Angewohnheit, aus diesem realen historischen Befund eine Universalwaffe zu schmieden, die in jeder Debatte über Geschlechterrollen herausgeholt wird und dabei so weit vereinfacht wird, dass sie mit der Realität kaum noch etwas zu tun hat.
Die aktuelle Diskussion – etwas überspitzt dargestellt
Die Version, die in bestimmten Diskursen oder auf Social Media (offen oder im Subtext) kursiert, klingt ungefähr so: Die Hexenverfolgung war ein systematischer Femizid, überall, immer, fast ausschließlich gegen Frauen gerichtet, weil sie Frauen waren. Wer das bestreitet, verharmlose den historischen Frauenhass. Und nicht nur das, eigentlich ist das jemand der gerne wieder Frauen verbrennen würde. Also darf man mit dem alles machen.
Das Problem: Die Quellenlage sieht anders aus.
In Island waren rund 92 % der Angeklagten männlich [1]. In der Normandie lag der Männeranteil bei ca. 75 % [1]. Im norditalienischen Friaul bei 58 %, in Estland bei rund 60 % [1]. Selbst im Heiligen Römischen Reich, dem absoluten Epizentrum der Verfolgung mit geschätzten 25.000 Hingerichteten [3], gab es markante regionale Ausnahmen: In der Stadt Salzburg stellten Männer etwa 60%, in Kärnten sogar rund 70 % der Angeklagten [1]. In Finnland war die Verteilung schlicht ungefähr gleich [2]. Frankreich ist ein Sonderfall für sich: Von den rund 1.300 Prozessen, die vor das Pariser Parlament kamen, waren mehr als die Hälfte der Angeklagten Männer, überwiegend arme Bauern und Handwerker [3].
Das bedeutet nicht, dass Männer die eigentlichen Opfer der Hexenverfolgung waren. Das bedeutet: In mehreren nördlichen und östlichen Regionen Europas war die Rolle des Magiers oder Zauberers traditionell männlich konnotiert [7], weshalb dort Männer verfolgt wurden, und das mit derselben Grausamkeit, denselben Foltermethoden, denselben Scheiterhaufen.
Zahlen, die im kollektiven Gedächtnis nicht vorkommen
Dass Männer europaweit schätzungsweise 20–25 % aller Hingerichteten stellten [10], in absoluten Zahlen zwischen 8.000 und 15.000 Menschen, ist jedoch keine Marginalie. Es ist ein Befund, der im kollektiven Gedächtnis so gut wie nicht existiert.
Das liegt auch an einem Rezeptionsproblem: Die – zu Beginn – hauptsächlich englischsprachige Forschung hat die englischen und schottischen Verhältnisse lange als repräsentativ für ganz Europa behandelt. In Schottland waren die Opfer tatsächlich fast ausschließlich Frauen, die Lowlands forderten mindestens 4.000 Todesurteile, etwa ein Prozent ( unfassbar!) der weiblichen Bevölkerung [5]. In England überstiegen Frauen ebenfalls 90 % der Angeklagten [3]. Diese regionalen Befunde wurden – bewusst oder nicht – zum Gesamtbild erklärt. Aus Essex wurde Europa.
Der Zweck heiligt aber die Quellen nicht
Dass Frauen in patriarchal strukturierten Gesellschaften systematisch benachteiligt wurden und werden ist ein Fakt, der ausreichend historisches Material hat, ohne dass man die Hexenverfolgung dazu fälschen müsste. Der Befund trägt sich selbst. Wer trotzdem den Eindruck erwecken will, dass die Hexenverfolgung ein reiner, lückenloser, geographisch universeller Femizid war, und wer jeden Hinweis auf männliche Opfer als Verharmlosung oder Whataboutism wegwischt, betreibt aber keine feministische Geschichtswissenschaft, er betreibt Propaganda mit historischem Kostüm.
Und Propaganda hat eine bekannte Nebenwirkung: Sie schlägt auf alle ein, die zufällig in die falsche Kategorie fallen. In diesem Fall: auf alle Männer, weil ihre Vorfahren Männer waren und weil Sie ja noch immer Männer sind. Und da es ja früher nicht so sehr um Hexerei ging, sondern darum Frauen zu töten, könnten alle Männer potentiell Täter sein. Weil das Narrativ es so braucht.
Das ist kein Erkenntnisgewinn. Das ist das Gegenteil davon. Um nicht zu sagen eine furchtbare Geisteshaltung
Wer ernsthaft über die Benachteiligung von Frauen in Geschichte und Gegenwart sprechen will, hat genug Material: aktuell, belegbar, unbestreitbar: Femizid-Statistiken, Lohnlücken, struktureller Frauenhass, der sich täglich neu dokumentiert. Das trägt sich selbst. Wer dafür ausgerechnet die Hexenverfolgung zurechtbiegen muss, hat entweder die Quellen nicht gelesen oder braucht die Vereinfachung, weil es ihm weniger um Frauenrechte geht als darum, auf Männer einzuschlagen.
Manchmal ist mehr Sachlichkeit eine Zier.
Quellen
[1] University of Essex Library Blog: Dive Into History: Early Modern European Witch-Hunts (2019)
[2] Encyclopædia Britannica: Early modern witch trials
[3] Gendercide Watch: Witch-hunts in early modern Europe (circa 1450–1750). gendercide.org – zitiert u. a.: Robin Briggs, Witches & Neighbours: The Social and Cultural Context of European Witchcraft. Harvard University Press, 1996; sowie Jenny Gibbons, Recent Developments in the Study of the Great European Witch Hunt
[4] Rowlands, Alison (Hg.): Witchcraft and Masculinities in Early Modern Europe. Palgrave Macmillan, 2009
[5] Federici, Silvia: Caliban and the Witch. Women, the Body and Primitive Accumulation. Autonomemia, 2004
[6] UC Berkeley Law / The Robbins Collection: Witch Trials in Early Modern Europe and New England
[7] History Hit: The Unique Horror of Iceland’s Witch Hunts
[8] Lumenlearning / World History: The Witch Trials
[9] C. L’Estrange Ewen, Witch Hunting and Witch Trials
[10] Vividmaps: Number of Witch Trial Deaths in Western Countries.

Auch heute gibt es noch Hexenverfolgungen, mit jährlich hunderten Todesopfern und ggfs noch weit mehr Folterungen.
„Der Glaube an die Schwarze Magie nimmt in Papua-Neuguinea wieder zu – auch wegen der Modernisierung des fernöstlichen Staates. Schätzungen zufolge werden jährlich hunderte Menschen ermordet, weil sie für Hexen gehalten werden.“
Quelle, siehe: https://www.deutschlandfunkkultur.de/papua-neuguinea-hexerei-im-paradies-100.html
„In vielen Ländern gibt es sie noch immer: die Verfolgung von Mädchen und Frauen als vermeintliche Hexen. Nach Angaben des Hilfswerks missio Aachen nimmt der Hexenwahn zu.“
https://www.zdfheute.de/panorama/hexen-verfolgung-tod-zunahme-100.html
Aus humanistischer Sicht sollte hier aber nicht wie im Artikel ja schon gesagt das Geschlecht instrumentalisiert werden. Schwere Menschenrechtsverletzungen sind Menschenrechtsverletzungen unabhängig vom Geschlecht des Opfers.