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Über Wissensverlust, Infrastrukturabhängigkeit und die Frage, was eine Gesellschaft wirklich trägt
Es gibt Menschen, die irgendwann aufgehört haben, die Stabilität moderner Zivilisation für selbstverständlich zu halten. Nicht weil sie paranoid sind – sondern weil sie genau hingeschaut haben. Ingenieure, die wissen wie viele Redundanzen in einem Stromnetz fehlen. Ärzte, die gesehen haben wie schnell ein Krankenhaus ohne Nachschub kollabiert. Entwickler, die verstehen wie viele kritische Systeme auf Software laufen, die seit Jahren niemand mehr wirklich versteht. Menschen, die Lieferketten planen und wissen, dass Just-in-time bedeutet: kein Puffer, nirgends.
Diese Menschen reden manchmal über das, was sie wissen, aber sie stoßen dabei auf ein Problem. Wer sagt *ich mache mir Gedanken darüber, was passiert wenn die Infrastruktur zusammenbricht*, klingt entweder wie jemand mit zu viel Zeit oder wie jemand mit zu wenig Vertrauen in die Gesellschaft. Beides ist sozial unangenehm. Also haben sich diese Menschen eine Verpackung ausgeliehen: die Zombieapokalypse. *Für die Zombies bin ich vorbereitet.* Ein Grinsen, ein Nicken – und plötzlich ist die Frage auf dem Tisch, ohne dass jemand das Zimmer verlassen hat.
Nicht weil Zombies kommen. Die schlechte Nachricht ist: die kommen nicht. Was kommen könnte, ist prosaischer, schwerer zu verfilmen und im Ergebnis kaum besser.
Die Szenarien sind keine Science Fiction
Ein Sonnensturm der Stärke des Carrington-Ereignisses von 1859 – damals gab es kein Stromnetz – könnte heute die Transformatoren auf mehreren Kontinenten zerstören. Wiederbeschaffungszeit: Jahrzehnte. Ein regionaler Krieg, der Lieferketten kappt, täte das langsamer, aber gründlicher. Eine Pandemie mit hoher Mutationsrate und Sterblichkeit jenseits bekannter Influenza-Parameter könnte innerhalb von Wochen das Personal in Krankenhäusern, Logistikzentren, Kraftwerken, Häfen und Raffinerien unter die Funktionsschwelle drücken – nicht weil die Infrastruktur zerstört würde, sondern weil niemand mehr zur Arbeit käme (Furcht oder Tod). Und wenn die globale Ölversorgung dabei kollabierte, erholte sie sich möglicherweise nicht wieder: Ohne Treibstoff wäre Regionalität keine Lösung mehr, sondern eine Zwangslage.
Ein elektromagnetischer Impuls (EMP) durch eine in großer Höhe gezündete Nuklearwaffe würde dasselbe erreichen wie der Carrington-Sturm, nur schneller und ohne Vorwarnung. Keine Naturgewalt, sondern Absicht. Das Szenario ist militärisch dokumentiert, in Verteidigungsanalysen westlicher Staaten beschrieben und in der Populärkultur durch Serien wie „Dark Angel“ oder „Jericho“ als Ausgangspunkt für das gedacht, was danach käme: eine Gesellschaft, die von vorne anfangen müsste.
Und dann wäre da noch das Szenario, das in keinem historischen Vergleich vorkommt, weil es vorher nicht möglich war: Eine Cyberwaffe, die nicht Daten zerstört, sondern Hardware. Firmware-Angriffe, die Router, Netzwerkkarten und Prozessoren irreversibel unbrauchbar machen könnten, entweder durch Überhitzung als auch durch gezieltes Überschreiben von Steuerlogik, so dass diese danach nicht mehr funktionsfähig sind (Brick). Auch Endnutzersysteme und Smartphones wären weltweit gleichzeitig tot oder nicht mehr vernetzungsfähig. Keine Updates, kein Neustart, kein Patch, kein Internet. Reparatur? Das Wissen sitzt in Foren, die nicht mehr erreichbar sind. Fachleute fehlen heute schon, nicht nur im Handwerk.
Stromnetz, Internet, GPS, Mobilfunk – all das sind Schichten auf einer Schicht auf einer Schicht, und jede davon ist zerbrechlicher als die Marketingbroschüren der Betreiber nahelegen oder einem die Politik erzählt.
Ein Zusammenbruch ist keine neue Erfahrung
Der Bronzezeitkollaps um 1200 v. Chr. löschte ganze Schriftsysteme aus und ließ monumentale Bautechnik für Jahrhunderte verschwinden, aber was ihn verursachte, wissen wir bis heute nicht genau. Der Zusammenbruch Westroms ließ das Wissen über Straßenbau, Kanalisation, Beton oder Aquädukte für fast ein Jahrtausend brach liegen; vergleichbar funktionierende Systeme entstanden erst wieder im 19. Jahrhundert. Die klassische Maya-Zivilisation verschwand im 9. Jahrhundert so vollständig, dass ihre Städte jahrhundertelang vom Dschungel verschluckt blieben. In allen drei Fällen sind die Ursachen umstritten – die Folgen nicht.
Was bei jedem dieser Kollapses verloren ging, war nicht in erster Linie Material oder Infrastruktur. Es war Wissen. Die Fähigkeit, ein Aquädukt zu bauen, setzt voraus, dass jemand weiß wie man ein Aquädukt baut und dass er es jemandem beibringen kann, der es wiederum weitergeben kann. Fällt diese Kette aus, fällt die Technologie aus. Nicht für Jahre. Für Generationen. Und ja, über den Umweg „Arabien“ wurde verlorenes Wissen aus Rom und Griechenland teilweise erhalten, aber meist nur Bruchstücke.
Und das analoge Wissen ist auch nicht sicher
Wobei auch Papier kein Selbstläufer ist. Bibliotheken brennen, durch Krieg, durch Unfall, durch Vandalismus, durch schlichte Verwahrlosung. Die Bibliothek von Alexandria wird gerne als das große Beispiel genannt: einmal gebrannt, alles weg. Die Realität war komplizierter: wahrscheinlich mehrere Teilzerstörungen, schleichender Verfall, politischer Bedeutungsverlust. Ob es den einen katastrophalen Brand gab, ist bis heute umstritten. Was nicht umstritten ist: Die Bibliothek verschwand, sehr viel Wissen mit ihr, und niemand hatte eine Kopie angelegt.
Das Muster dahinter – Bücherverbrennungen, Kriegsschäden, geplünderte Archive, aufgegebene Bestände – hat sich in jeder Epoche wiederholt, mit oder ohne dramatischen Einzelmoment. Was die Menschheit an analogem Wissen besitzt, ist nicht automatisch verfügbar: Es ist verteilt, fragmentiert, oft in Institutionen konzentriert, die in einer Krise zu den ersten Verlierern gehören. Und es ist heute fasst immer auf Papier gedruckt, das in einigen Jahrzehnten zerfallen sein wird.
Was das konkret bedeutet
Eine Gemeinschaft ohne Zugang zu medizinischem Grundwissen würde vermeidbare Infektionen mit Hausmitteln oder überlieferten Erzählungen aus Esoterik oder nach der „Vier-Säfte-Lehre“ oder dem behandeln, was die lauteste Person im Dorf gerade empfiehlt. Dan sterben wir wieder an der Blinddarmentzündung, Sepsis und die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit früherer Zeiten wird wieder der Standard.
Eine Gesellschaft ohne Anbaukenntnisse wäre von Lieferketten abhängig, die gerade nicht mehr funktionieren und nicht in der Lage, sinnvoll anzubauen – wenn sie überhaupt weiß, mit welchen (Hand-)Werkzeugen das gemacht wird. Die Folge sind Hunger, Mangelernährung und deren grausame Folgen für Kinder. Eine ohne Ingenieursgrundlagen könnte keine Wasserversorgung aufbauen, keine Brücke reparieren, keinen Generator betreiben. Metallverarbeitung? Kleidung? Wissen, das heute in Sekunden abrufbar ist, wäre ohne Infrastruktur schlicht weg , zwar nicht verloren gegangen, aber genauso unerreichbar.
Die Konsequenz
Wer das Risiko ernst nimmt – und es gibt gute Gründe, es ernst zu nehmen – steht vor einer einfachen Frage: Was von dem, was eine Gesellschaft wissen muss, existiert in einer Form, die ohne Infrastruktur zugänglich ist?
Die ehrliche Antwort ist: erschreckend wenig. Fachwissen ist digitalisiert, spezialisiert, hinter Zugangsbeschränkungen und auf Servern gespeichert, die Strom brauchen. Die großen Enzyklopädien des 18. und 19. Jahrhunderts – Diderot, Brockhaus, Britannica – waren genau das: der Versuch, das Kernwissen einer Zivilisation in eine zugängliche, physische, redundante Form zu bringen. Auf stabilem Papier. Nicht für Akademiker, sondern für jeden, der lesen konnte.
Dieser Gedanke ist nicht veraltet. Er ist nur aus der Mode.
Eine Gesellschaft, die ihr gesamtes Wissen in Schichten von Infrastruktur vergräbt, auf die sie im Ernstfall keinen Zugriff hat, hat keine Wissenskultur. Sie hat eine Wissensillusion.
Ob die Zombies kommen – im übertragenen Sinne, versteht sich – ist nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage ist, ob wir danach wieder auf die Füße kommen. Und die Antwort hängt nicht von der Art des Zusammenbruchs ab, nicht von seiner Dauer, nicht davon, wie viele Menschen überleben. Sie hängt davon ab, ob die Überlebenden Zugang zu dem Wissen haben werden, das eine Gesellschaft trägt. Medizin, die funktioniert. Anbau, der satt macht. Technik, die Wasser transportiert und reinigt, Licht jenseits von Kerzen. Geschichte, die erklärt warum bestimmte Fehler nicht zum zweiten Mal gemacht werden sollten.
Der Unterschied zwischen einem Zusammenbruch, aus dem eine Gesellschaft in einer Generation herauskommt, und einem, der Jahrhunderte dauert, ist kein Zufall. Er ist kein Schicksal. Er ist eine Frage der Vorbereitung – nicht mit Waffen, nicht mit Konserven, nicht mit Golddepots. Mit Wissen. In einem Speicher der nicht von einem EMP gegrillt wird. Der kein Strom braucht. Auf Papier oder ähnlich dauerhaften.
Denn Zivilisationen sind nur so stabil wie ihre Infrastruktur stabil ist (Protipp: Sie ist es nicht). Aber Infrastruktur ist nur stabil wenn Menschen sie betreiben UND wissen was sie tun. Fällt das Wissen aus, fällt sehr schnell auch die Infrastruktur. Umgekehrt gilt: Wer nach dem Zusammenbruch noch weiß wie ein Aquädukt funktioniert, wie eine Wunde versorgt wird, wie Getreide gelagert wird ohne zu schimmeln, der hat eine Chance. Die anderen hoffen auf die lauteste Person im Dorf und werden entweder draufgehen oder plündern.
Die Frage ist also nicht ob die Zombies kommen. Die Frage ist: Wenn sie kommen, und in irgendeiner Form werden sie wohl kommen, früher oder später, in dieser oder einer anderen Gestalt. Sind wir dann die Gemeinschaft, die wieder aufsteht? Oder die, die Jahrhunderte braucht, um das Rad neu zu erfinden und bis dahin unter Hunger, Krankheiten und – zwangsläufig – Krieg leiden?
Eine Lösung wäre vielleicht breit verteiltes, analoges Wissen das nicht „zerfällt“ oder zum „Feuermachen“ verwendet wird. Oder vorsorglich einen „Orden vom Seligen Leibowitz„.

Man stelle sich mal vor. Die EU schreibt zwangsweise Chatkontroll Überwachungssoftware überall auf allen Geräten und Betriebssystemen vor. Das System wird denn gehackt und die Hacker verbreiten darüber einen Trojaner der EU weit alle Daten löscht.
Die Europäische Zivilisation wäre dann zuende. So ganz ohne Atomwaffenangriff.
Auch deshalb beunruhigt mich die Autoritäre Inkompetenz der heutigen Politik so sehr. Es werden ja gerade genau die Zentralistischen Infrastrukturen geschaffen das sowas passieren kann. Die EU Informations Überwachungs und Regulierungspläne sind ja mittlerweile engmaschiger als Planwirtschaftsbürokratie der UdSSR. ja was kann da wohl schon schief gehen ?
Die Frage ist, ob es Sinn macht, Wissen anders als auf Papier dezentral und wenn möglich trocken zu lagern. Es gibt Lösungen für diese Aufgabe 🙂
Andererseits ist die schiere Menge an Wissen so nicht zu sichern. Man muss also „destillieren“.
Aber wer entscheidet was wichtig ist?
Das Lustige ist ja das Wissen heutzutage immer mehr weg geschlossen wird. Kopierschutz verschlüsselte PDFs von wissenschaftlichen Papern, DRM geschützte E-Books…. Wenn das System ausfällt dann ist der Kram noch da aber verschlüsselt und niemand kommt mehr dran. Nur weil Konzerne ihren Hals nicht voll bekommen können, gestützt von Überwachungsgeilen Politikern und Parteien.
Da braucht es mehr Piraterie, damit das alles auch in frei nutzbarer Form zirkuliert und jederzeit bei irgendjemandem noch auffindbar ist. In Dateiformaten die auch nutzbar sind und nicht absichtlich unbrauchbar gemacht wurden. Aber wer das macht ist in unserem System ja ein krimineller und es drohen jahrelange Haft.