Neologismus-Framing – schon mal gehört?
Vermutlich nicht als Begriff, aber als Phänomen mit Sicherheit. Ein Neologismus ist eine Wortneuschöpfung: ein Begriff, den es vorher nicht gab bzw. eine Begriffskombination, die bewusst erfunden und verwendet wird. Framing bezeichnet in der Kognitionswissenschaft das Setzen von Deutungsrahmen, also die Steuerung der Wahrnehmung durch die Wahl bestimmter Begriffe, bevor das erste Argument fällt.
Zusammen beschreiben sie ein politisches Instrument: die gezielte Schöpfung neuer Begriffe, um Debatten zu entscheiden, bevor sie beginnen. „Raubkopierer“ ist so ein Neologismus-Frame aus den 80er Jahren. „Digitale Gewalt“ ist ein sehr aktueller. Dass dieses Instrument keine Ideologie kennt, zeigt der Blick in die Geschichte, in der Propaganda von Faschismus und Sozialismus, in Orwells Neusprech aus „1984“ und bei Victor Klemperers „LTI“
Warum das so zuverlässig funktioniert, liegt daran, dass Sprache kein neutrales Transportmittel ist. Wörter aktivieren vorhandene Denkmuster, vollständig, unwillkürlich und sofort. Wer „Raubkopierer“ hört, denkt nicht an Paragrafen; das Gehirn ruft ab, was es zum Wortstamm gespeichert hat: Raub, Opfer, Täter mit Absicht. Da Frames neuronal aktiviert und nicht rational bewertet werden, hat derjenige, der den Begriff setzt, das Urteil bereits gefällt.
Ein gut konstruierter Neologismus trägt die Bewertung direkt im Wortstamm und delegitimiert automatisch die Kritik am Begriff selbst. Wer fragt, ob „Gewalt“ das präzise Wort ist, hört sofort: „Du findest also, Hatespeech ist kein Problem?“ Diese Unterscheidung ist öffentlich kaum mehr zu machen, sobald der Begriff etabliert ist. Das ist keine Nebenwirkung, sondern Konstruktionsprinzip. Und ganz nebenbei wird auch noch das Frame des „Rechtsfreien Raumes“ Internet angesprochen.
Der „Raubkopierer“ ist der klassische Fall für diese Mechanik.
Die Unterhaltungsindustrie führte den Begriff in den 1980er Jahren ein, um Verletzungen von Verwertungsrechten in eine moralische Kategorie zu heben, die dem Straßenraub nahesteht. Das ist intellektuell unredlich, da Kopieren strukturell das Gegenteil von Rauben ist: Durch kopieren entsteht schließlich kein Mangel beim eigentlichen Eigentümer, er hat das kopierte Gut ja immer noch. Wer eine Kassette überspielt, nimmt niemandem etwas weg — er vervielfältigt.
Dennoch ermöglichte dieser Frame eine jahrzehntelange Kriminalisierungspolitik mit verschärften Strafrahmen und Hausdurchsuchungen bei Minderjährigen. Der Begriff hatte die Arbeit erledigt, bevor der erste Gesetzentwurf auf dem Tisch lag.
„Digitale Gewalt“ ist der aktuelle Fall mit deutlich größerer Sprengkraft.
Das Phänomen realer Bedrohung und Belästigung im Netz steht außer Frage. Die entscheidende Frage ist jedoch, warum es „Gewalt“ heißt (wobei de Wortherkunft in Deutschland klar ist). Unter diesem Label werden derzeit massive Eingriffsbefugnisse diskutiert: die erleichterte Herausgabe von IP-Adressen, richterlich angeordnete Kontosperren und die Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung. Der Begriff „digitale Gewalt“ unterläuft die notwendige nüchterne Abwägung, welche dieser Maßnahmen legitim ist und welche schlicht Überwachungsinfrastruktur darstellt. Wer gegen Kontosperren ohne ausreichende Verfahrensgarantien argumentiert, gerät durch den Frame unter den Druck, scheinbar gegen Opferschutz zu argumentieren. Zudem wird der Begriff politisch nahezu ausschließlich im Kontext weiblicher Betroffener verwendet, was eine politische Entscheidung ist, die zumindest problematisch ist – nicht nur Frauen und Mädchen, auch männliche und queere Betroffene werden gemobbt, bedroht, beleidigt und geghostet.
Das eigentliche Scharnier des Mechanismus sind jene, die die Begriffe ungeprüft weitertragen: Redaktionen, Abgeordnete und Kommentatoren, die die Sprache der Interessengruppen übernehmen. Wer einen Frame nur negiert, aktiviert ihn trotzdem: „Kopieren ist kein Raub“ funktioniert neuronal nicht, da das Wort „Raub“ bereits verarbeitet und emotional abgerufen wird. Der einzige wirksame Gegenzug ist ein eigener Begriff, der einen eigenen Frame setzt. Medien, die glauben, Objektivität bedeute, alle Begriffe gleich zu behandeln, leisten diesem Mechanismus ungewollt Vorschub.
Es gibt aus meiner Sicht drei Funktionierende Arten, wie man mit Neologismus-Framing umgeht Und eine, die es nicht tut.
Die nutzlose zuerst: Empörung über den Begriff, verbunden mit seiner Wiederholung. Das ist das Standardrepertoire. Es nützt nichts außer dem, der den Begriff geprägt hat #fail
Erstens: Markieren. Wer über „digitale Gewalt“ schreibt, kann das in Anführungszeichen tun, nicht als bloße Geste, sondern als Signal, dass es sich um einen politischen Begriff handelt, nicht um eine neutrale Beschreibung.
Zweitens: Befragen. Was beschreibt der Begriff genau? Welche Eingriffsbefugnisse werden durch ihn legitimiert, die durch einen präziseren Begriff nicht haltbar wären? Wer profitiert von der Unschärfe und wer zahlt dafür in Form von Grundrechten?
Drittens: Ersetzen. Wer „Raubkopieren“ durch „Lizenzverletzung“ ersetzt, macht eine sachlichere Debatte möglich. Wer „digitale Gewalt“ durch „digitale Einschüchterung“ oder „digitale Nötigung“ ersetzt, beschreibt dasselbe Phänomen, lässt aber die Rechtsfrage dort offen, wo sie in einer freien Gesellschaft hingehört.
Sprache ist kein Beiwerk, sondern das Vorfeld politischer Auseinandersetzung.
Wer das Wort setzt, setzt die Spielregeln. Wer das ignoriert, überlässt das wirksamste Instrument im Diskurs denen, die es am rücksichtslosesten einsetzen.
Wer Gesetze auf ungeprüften Begriffen aufbaut, schreibt keine Schutzgesetze, sondern Grundlagen zur Ermächtigung.

Mann muss nur nach Russland gucken. Dort gilt Kritik an den Kriegsverbrechen der russischen Armee als „Hass und Hetze“ und wird mit 15 Jahre Gulaghaft bestraft, falls die verurteilten überhaupt solange überleben. Wer im Iran die Mullahs kritisiert betreibt Hetze gegen Allah und den Islam und darauf steht natürlich die Todesstrafe….
Auch in der DDR gab es den Begriff „staatsfeindliche Hetze“ und damit war alles gemeint was eine andere politische Meinung hatte als die SED. Braucht man sich nicht wundern warum derzeit so viele DDR Bürger so allergisch darauf reagieren nun im Westen ähnliche Begriffe wieder zu hören.
Dabei wäre es ausreichend einfach nur geltende Gesetze anzuwenden. Holocaustleugnung oder Aufrufe zu Terror sind ja ohnehin schon illegal. Dazu braucht es dann auch keine Zig X neuen, unklaren und schwammigen Regelungen die Grauzonen schaffen um außerhalb des normalen Rechts Canceln zu können.
Auch bei Drogen. Der Begriff „Rauschgift“ um Menschen kriminalisieren zu können. Dabei ist mittlerweile bekannt das LSD z.B. als Medikament gegen Depressionen taugt. Aber wenn in den Köpfen drin ist das alles was berauscht Gift ist, dann kann das natürlich nicht zum Wohl der Menschen genutzt werden. Außer Alkohol natürlich, das geht ok. Darüber das die Abwässer der Bundestagstoiletten stark Kokshaltig sind regt sich auch niemand auf. Scheint also nur dann Gift zu sein wenn der Untertan das konsumiert.
Aber was lernen wir daraus ? Selbst neue Begriffe setzen diese erklären und durch ständiges Wiederholen zum neuen Mainstream werden lassen ?