Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Marie.
Wenn man in den letzten drei Jahren die Nachrichten verfolgt hat, könnte man meinen, bei der Ukraine-Hilfe gehe es fast nur um Waffen. Welches Land liefert Panzer, wer zögert noch, wann kommen die Langstreckenraketen. Das ist ja wichtig, keine Frage. Aber es ist eben nicht die ganze Geschichte.
Ich schicke seit Anfang 2022 Pakete in die Ukraine, so ungefähr einmal im Monat. Verbandsmaterial meistens, Schmerzmittel, manchmal Lebensmittel oder Kleidung, je nachdem was gerade gebraucht wird. Das geht per Post, ohne irgendeine Importerfassung, einfach so. Und ich bin damit bei weitem nicht allein. Tausende Leute in Deutschland machen das, dazu noch in Österreich, Polen, überall. Nur taucht das in keiner Statistik auf. Kein UN-Tracker, kein Forschungsinstitut, kein offizieller Bericht erfasst, was über normale Postpakete in die Ukraine gelangt. Das hat mich irgendwann neugierig gemacht, was sonst noch alles unsichtbar ist.
Und da ist, wenn man mal anfängt nachzuschauen, ziemlich viel. Die westlichen Länder helfen der Ukraine eigentlich auf vier verschiedene Arten: mit Militärhilfe, mit direkten Geldzahlungen an den ukrainischen Staat, mit der Aufnahme von Geflüchteten, und mit humanitärer Hilfe vor Ort. Zusammen sind das seit Kriegsbeginn über 340 Milliarden Euro aus 41 Ländern, so ungefähr. Drei der vier Bereiche kommen in der öffentlichen Debatte kaum vor, obwohl sie zusammen mehr ausmachen als die Waffenlieferungen.
Ich versuche das hier mal aufzudröseln.
Militärhilfe
Der größte Teil der Militärhilfe kommt natürlich von den USA, rund 65 Milliarden Euro bis Mitte 2025. Deutschland ist auf Platz zwei mit knapp 18 Milliarden, Großbritannien auf Platz drei mit ungefähr 12 Milliarden. Was mich dabei überrascht hat: die nordischen Länder, also Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, leisten im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftsgröße deutlich mehr als viel größere Länder wie Frankreich oder Italien. Das wird in der Berichterstattung kaum erwähnt.
Seit Anfang 2025 ist die amerikanische Militärhilfe praktisch auf null gefallen. Nach Trumps Amtsantritt gab es nur noch ein einziges kleines Paket. Europa hat versucht, das irgendwie aufzufangen, und die Lieferungen sind 2025 tatsächlich spürbar gestiegen, um rund zwei Drittel über dem bisherigen Jahresdurchschnitt. Aber es hat trotzdem nicht gereicht, den Ausfall vollständig zu ersetzen.
Direktzahlungen an den ukrainischen Staat
Das ist vielleicht die am wenigsten bekannte Kategorie, dabei ist sie enorm wichtig. Die Ukraine kann ihre eigenen Staatsausgaben seit 2022 nicht mehr alleine decken. Das heißt, Lehrergehälter, Renten, Krankenhäuser, Polizei, das alles wird zu einem guten Teil von außen mitfinanziert. Ohne diese Zahlungen würde der ukrainische Staat schlicht nicht funktionieren.
Die EU hat bislang über 43 Milliarden Euro direkt ausgezahlt, dazu kommen weitere 50 Milliarden die bis 2027 fließen sollen. Die USA haben rund 23 Milliarden Dollar überwiesen. Und Japan, das so gut wie keine Waffen liefert, bringt seine gesamten rund 13 Milliarden Euro fast ausschließlich als Darlehen und Finanzgarantien, also genau in diesem Bereich.
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft, das diese Zahlen am systematischsten erfasst, führt diese Finanzhilfe als zweitgrößte Kategorie nach der Militärhilfe. In der Öffentlichkeit hört man davon kaum etwas.
Flüchtlingsaufnahme
Rund 6,3 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer leben gerade als Geflüchtete in Europa. Die Kosten dafür, also Unterkunft, Gesundheitsversorgung, Schulplätze, Sozialleistungen, tauchen in keiner der üblichen Hilfsstatistiken auf. Sie laufen einfach durch die normalen nationalen Sozialsysteme.
Polen nimmt mit rund 1,4 Millionen Geflüchteten am meisten auf, Deutschland kommt auf über eine Million. Die EU hat dafür ein Sonderprogramm aktiviert, das Geflüchteten in allen EU-Ländern einheitlich Aufenthaltsrecht, Arbeitsmarktzugang und Sozialleistungen gewährt. Bis zu 17 Milliarden Euro aus EU-Töpfen wurden dafür umgelenkt. Die OECD erfasst diese Kosten separat, und für viele Länder sind sie höher als deren gesamte internationale Humanitärausgaben zusammen.
Das heißt: Wer die Ukraine-Hilfe nur anhand der offiziellen Kiel-Zahlen bewertet, unterschätzt massiv, was Länder wie Polen oder Deutschland tatsächlich leisten.
Humanitäre Hilfe
In der Ukraine selbst brauchen immer noch rund 14,6 Millionen Menschen, das ist etwa 40 Prozent der Bevölkerung, direkte humanitäre Unterstützung. Essen, Wasser, medizinische Versorgung, Notunterkünfte. Der UN-Hilfsplan für 2024 hatte 3,1 Milliarden Dollar beantragt. Angekommen ist weniger als die Hälfte.
2024 sind insgesamt rund 2,8 Milliarden Dollar geflossen, ein Viertel weniger als im Vorjahr. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn ist die Ukraine dabei auf Platz zwei hinter Palästina gerutscht, das inzwischen der größte Empfänger internationaler Humanitärhilfe weltweit ist. Im Winter 2025/26 ist dann viel in Energiehilfe geflossen, weil die russischen Angriffe auf Kraftwerke und Leitungen besonders schlimm waren.
Und dann ist da noch das, was ich oben beschrieben habe. Die Pakete, die täglich von Privatpersonen, kleinen Initiativen und Kirchengemeinden losgeschickt werden. Verbandsmaterial, Schmerzmittel, Winterjacken, ohne Registrierung, ohne Erfassung, ohne dass das irgendwo zählt. Wie viel das in der Summe ist, weiß wirklich niemand.
Und jetzt?
Ich finde, das Gesamtbild sieht ziemlich anders aus als die Debatte, die man normalerweise hört. Die Waffenlieferungen sind wichtig, ja. Aber der ukrainische Staat wäre ohne die direkten Geldzahlungen längst kollabiert. Polen und Deutschland leisten über die Flüchtlingsaufnahme Enormes, ohne dass das irgendwo in einer Geberrangliste auftaucht. Und die humanitäre Hilfe, die vor Ort ankommt, reicht bei weitem nicht aus, während gleichzeitig über Milliarden für Rüstungslieferungen diskutiert wird.
Das sollte man vielleicht im Hinterkopf haben, wenn das nächste Mal die Frage gestellt wird, ob Europa genug tut. Die Antwort hängt davon ab, was man zählt. Und was man zählt, hängt davon ab, wo man hinschaut.
Zahlen hauptsächlich nach dem Ukraine Support Tracker des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, außerdem OCHA und OECD. Stand Mai 2026.
