Etwa sieben Prozent der Internetnutzenden weltweit zeigen klinisch relevantes PUI (Problematic Usage of the Internet), also Nutzung, die das eigene Leben messbar beschädigt: Schlaf, Beziehungen, Arbeit, Stimmung. Zählt man leichtere Formen dazu, kommen aktuelle Schätzungen aus der Grundlagenforschung auf bis zu 25 Prozent. Das ist keine Elternklage, keine Abstinenzlobby-Propaganda und kein Generationenkonflikt in Studienform, das ist replizierter Forschungsstand. Und die Politik hat ihn noch nicht geöffnet.
Was PUI ist und warum das Wort „Sucht“ zu billig ist.
Der Begriff ist absichtlich breiter als „Internetsucht“. Er umfasst Gaming-Disorder, zwanghaftes Online-Shopping, problematischen Pornokonsum und den unkontrollierbaren Griff zum Social-Media-Feed. Was all das verbindet: Die Nutzung schadet, man weiß es, man hört trotzdem nicht auf. Offiziell anerkannt ist bisher nur die Gaming-Disorder, seit 2019 in der ICD-11 der WHO. Alles andere existiert diagnostisch in einer Grauzone, die politisch äußerst praktisch ist, solange man nichts regulieren will. Eine große Forschungsgruppe der Universität Duisburg-Essen hat 819 Menschen mit unterschiedlich stark ausgeprägtem PUI systematisch untersucht und dabei drei Mechanismen identifiziert, die sich gegenseitig verstärken. Wer gestresst ist, lernt: Scrollen oder Gaming funktioniert kurzfristig. Das Gehirn verknüpft Plattformen mit Entlastung und reagiert irgendwann schon auf das App-Symbol mit einem Vorfreudeschub, bevor man bewusst entschieden hat, etwas zu tun. Aus dem Ausweichen wird Gewohnheit, aus Gewohnheit wird Automatismus und messbare Veränderungen im impulsiven Verhalten, nicht Metapher. Und schließlich: Die Exekutivfunktionen, die Impulse hemmen und kurzfristige Belohnungen gegen langfristige Konsequenzen abwägen, sind bei Menschen mit ausgeprägtem PUI nachweisbar beeinträchtigt. Ob als Ursache oder Folge, ist für die Praxis zweitrangig. Die drei Pfade erklären gemeinsam über 60 Prozent der Symptomschwere und sagen vorher, wie es sechs Monate später aussieht.
Wer also sagt, Betroffene sollten das Handy einfach weglegen, sagt einem Menschen mit gebrochenem Bein, er solle mehr gehen.
Diesmal stimmt’s wirklich: Denkt jemand an die Kinder?
„Won’t somebody please think of the children!“ ist zum Meme geworden, weil er so oft als Joker gezogen wird, wenn Argumente ausgehen. Hier aber lohnt es sich, ihn ernst zu nehmen. Das Gehirn ist mit 14 nicht fertig. Nicht einmal mit 18. Der präfrontale Kortex, zuständig für Impulskontrolle, Planung und das Abwägen von Konsequenzen, reift bis weit in die Mitte der Zwanziger. Genau in diesem Entwicklungsfenster treffen auf dieses unreife Bremssystem Algorithmen, die auf maximale Verweildauer optimiert sind. Das ist kein Pech. Das ist Design. Eine Auswertung von zwölf Hirnbildgebungsstudien an Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren zeigt, dass exzessive Internetnutzung die Zusammenarbeit jener Hirnareale stört, die für Aufmerksamkeit, Planung und Impulskontrolle zuständig sind – also genau jene Systeme, die sich in diesem Alter erst ausbilden sollen. Mehrere Studien belegen strukturelle Veränderungen: reduziertes Volumen in Bereichen, die für Impulskontrolle und Belohnungsverarbeitung zuständig sind. Hinzu kommen Veränderungen in den Belohnungskreisläufen, die PUI mit Substanzsucht vergleichbar machen.
Wie groß die Schäden insgesamt sind, ist in der Wissenschaft umstritten. Jonathan Haidt argumentiert in Generation Angst, Smartphones und soziale Medien hätten ab Anfang der 2010er Jahre die psychische Gesundheit einer ganzen Generation systematisch destabilisiert — mit messbaren Anstiegen bei Depressionen, Angststörungen und Selbstverletzungen in allen westlichen Ländern gleichzeitig. Amy Orben und Andrew Przybylski haben dagegen in großangelegten Studien gezeigt, dass die Effekte von Bildschirmzeit auf das Wohlbefinden zwar real, aber vergleichbar seien mit dem Einfluss des regelmäßigen Kartoffelkonsums. Die Wahrheit liegt dazwischen: Die Effekte sind real, bei schwerem PUI erheblich, und bei Mädchen in der Pubertät besonders ausgeprägt.
Kinder haben keine Lobby. Plattformkonzerne schon.
Was der Gesetzgeber nicht tut, und warum
Zwei umfangreiche Studien haben die Gesetzgebung zu PUI in 15 Ländern kartiert. Das Ergebnis: Kein einziges Land behandelt PUI als eigenständiges Public-Health-Problem. Was es gibt, sind Datenschutzgesetze, Jugendschutzvorschriften, Cyberkriminalitätsregeln – alles primär auf Marktregulierung und Sicherheit ausgerichtet, nicht auf die psychologischen Schäden durch exzessive Nutzung. Australien hat immerhin ein Social-Media-Mindestalter von 16 eingeführt. Deutschland hat das NetzDG, das Plattformen zur Löschung illegaler Inhalte verpflichtet, sich aber nicht im Geringsten dafür interessiert, ob Algorithmen gezielt darauf optimiert sind, Menschen möglichst lange in der App zu halten. Warum? Weil PUI politisch als individuelles Versagen gilt, nicht als systemisches Risiko. Wer Konzerne dafür haftbar macht, dass sie aktiv suchterzeugende Mechanismen einsetzen, hat Gegenwind. Wer sagt, der User solle das Handy einfach weglegen, erntet Applaus. Das ist keine Erklärung, das ist eine Entscheidung. Sieben Prozent mit klinisch relevantem PUI, bis zu 25 Prozent mit irgendeiner Form problematischer Nutzung. Kein Gesetz in keinem der 15 untersuchten Länder, das das als das behandelt, was es ist: ein systemisches Risiko mit identifizierbaren Ursachen auf Plattformebene, die sich regulieren ließen – wenn man wollte.
Man könnte das Marktversagen nennen. Politisches Versagen trifft es genauer.

Regulierung wäre ganz ganz einfach. Zeitlimit von 30 Minuten pro tag festlegen und danach wird der Endlosfeed abgeschaltet. Fertig.
Aber was wir statt dessen vielleicht bekommen werden ist Klarnamenpflicht, Verbote, Sperren, VPN Verbot um Umgehung von Verbot zu verhindern. Chatkontrolle, Zensur. Abschaffung von Datenschutz. Verbot böser Wörter etc. Verbot von Fake News oder aka nur noch das was diese oder jene Regierung gerade für Wahr ansieht.
Mein Gefühl ist, die Politik hat kein so großes Problem wenn Social Media süchtig macht. Als X noch Twitter war und vor allem Narrative gepuscht hat die gewissen Parteien gegenüber freundlich waren währen anderes gecancelt wurde. Da hat es in Berlin niemand gejuckt wenn die Kinder da den ganzen Tag abgehangen haben. Jetzt wo sich die Narrative geändert haben wird insbesondere von den Grünen neuerdings nach Verbot geschrien. Was denen ja helfen würde sich vor Kritik zu schützen.
Dabei würde ein feed Zeitlimit das sowohl für Kinder als auch erwachsene lösen. Ganz einfach ohne den ganzen Kontrollfreakismus der nun überall gefordert wird.