<a rel="License" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" title=Lizenz CC-BY-SA">CC-BY-SA</a> u1amo01
Die Energiewende läuft. Nur leider in Shenzhen.
Es gibt eine Version der deutschen Energiewende, die hervorragend funktioniert. Solaranlagen werden installiert, Ausbauzahlen stimmen, Pressemitteilungen klingen gut. Was in dieser Version fehlt, ist der Hinweis darauf, dass die entscheidende industrielle Wertschöpfung nicht in Bayern oder Brandenburg stattfindet, sondern in der Provinz Xinjiang. Und dass das kein Versehen ist, sondern das Ergebnis einer politischen Entscheidung, die niemand so nennen wollte. Nicht gut, oder? Aber wie sehen die Details jenseits der klassischen Berichterstattung aus? Ich wollte das wissen, fand nichts was so recht passt dazu und was die „KIs“ als Antwort lieferten war mir suspekt – eben weil diese „KIs“ nur replizieren, und zwar auch Blödsinn.
Ich habe mich also hingesetzt, mich in die Thematik eingelesen und alles in acht Teile aufgeteilt. Und von einem Profi in der Partei gegenlesen lassen, der ein paar Punkte fand die nicht passten (logisch, ich bin ja nur Schreiberling ^^).
Diese Serie hat acht, nein neun Teile:
- Die Tiefe der europäischen Abhängigkeit bei Solar, Wind, Batterien und Wechselrichtern.
- Welche souveränen Technologien bereits in Deutschland existieren und warum sie nicht skalieren.
- Heizwärme, Prozesswärme, grünes Gas und das HELMETH-Prinzip als thermodynamische Speicherlösung.
- Der Fahrplan: fünf politische Entscheidungen, die den Unterschied machen würden.
- Das Atomkraft-Argument: Atommüll, Thorium, Brennstoffabhängigkeiten, Temperaturgrenzen.
- Wer von der Abhängigkeit profitiert und warum souveräne Alternativen politisch blockiert werden.
- Das Netz selbst: Wechselrichter als Sicherheitslücke, SCADA-Systeme, Smart-Meter-Hardware.
- Kreislaufwirtschaft als Souveränitätsstrategie: was in ausgedienten Anlagen steckt und wie es zurückkommt.
- Von Guido Körber: Disruption wartet nicht
88 Prozent. Eine Zahl, die erklärt werden muss.
88 Prozent aller in Deutschland installierten Solarmodule kamen zuletzt aus China. Das klingt nach einer Lieferkettenfrage. Es ist eine Souveränitätsfrage.
Die Geschichte dahinter ist kurz: Deutsche Solarunternehmen haben in den 2000er-Jahren Weltmarktführer gebaut. Q.CELLS, SolarWorld, Schott Solar. Chinesische Staatsunternehmen haben dieselben deutschen Produktionsmaschinen eingekauft, staatliche Subventionen auf ein Niveau aufgestockt, das keine privatwirtschaftliche Rechnung überleben kann, und zehn Jahre später existiert die deutsche Solarindustrie nur noch als Fußnote und Übernahmekandidat. Q.CELLS gehört heute dem südkoreanischen Hanwha-Konzern, produziert faktisch in Südkorea und Malaysia. SolarWorld ist insolvent. Schott hat die Sparte aufgegeben.
Was blieb, waren die letzten Kämpfer: Meyer Burger, NorSun, AVANCIS. Alle drei haben 2024 und 2025 aufgehört.
Meyer Burger stellte im Frühjahr 2024 die Produktion in Freiberg ein. Die Begründung ist eine, die man sich merken sollte: nicht Technologieversagen, nicht Managementfehler, sondern fehlende Abnahmegarantien und ausbleibende Förderung bei gleichzeitig vollständiger US-Finanzierung für den Standort Colorado. Das Unternehmen ist nicht an China gescheitert. Es ist an Europa gescheitert.
NorSun, Europas letzter relevanter Waferproduzent mit 1 GW Jahreskapazität in Norwegen, meldete im Dezember 2024 Insolvenz an. Begründung: Überangebot und fehlende Regulierung in Europa. NorSun verlagert sich in die USA.
AVANCIS (CIGS-Dünnschichttechnologie, Werk in Torgau) schloss im Februar 2025. Eigentümer: der chinesische Staatskonzern CNBM. Das Know-how war europäisch. Die Kapitalentscheidung war es nicht.
Die Lieferkette hinter dem Modul
Wer glaubt, das Problem beschränke sich auf fertige Module, unterschätzt die Struktur des Absturzes. Die Abhängigkeit beginnt viel früher.
Polysilizium: Neun der zehn weltgrößten Hersteller sitzen in China. Der chinesische Marktanteil an der weltweiten Produktion liegt bei 93,5 Prozent. Der einzige nicht-chinesische Akteur in den Top Ten ist Wacker Chemie aus Burghausen, mit einer Gesamtkapazität von bis zu 80.000 Tonnen pro Jahr, die aber strategisch zunehmend auf Halbleitersilizium ausgerichtet wird da hier sehr hohe Margen zu erwirtschaften sind. Der Solarmarkt kann da nicht mithalten.
Ingots und Wafer: Kapazität im Europäischen Wirtschaftsraum: 1,7 GW. Europäischer Installationsbedarf: 70 GW pro Jahr. Das ergibt einen Deckungsgrad von 2,4 Prozent. Dieser Wert ist nach den Insolvenzen von NorSun und Norwegian Crystals inzwischen nach unten zu korrigieren.
Zellen: 1,4 GW europäische Kapazität. Dasselbe Bild. Wenige Promille des Weltmarkts.
Module: 9,4 GW Kapazität im EWR. Das ist der am besten aufgestellte Teil der Kette, aber bei einem EU-Bedarf von 70 GW entspricht das 13 Prozent. Und auch hier gilt: Ein erheblicher Anteil gehört koreanischen oder chinesischen Mutterkonzernen.
Europas Bedarf an Solarmodulen beträgt rund 70 GW pro Jahr, der deutsche Anteil davon etwa 16 bis 17 GW. Im Jahr 2024 importierte Europa aus China insgesamt 94,4 GW, also mehr als installiert wurde. Der Überschuss füllte Lager, drückte Preise und erledigte nebenbei den Rest der europäischen Restproduktion.
Wind: dasselbe Muster, tiefer versteckt
Bei Windkraft klingt die Ausgangslage besser. Vestas, Nordex, Enercon, Siemens Gamesa: das sind europäische Namen, europäische Konzerne, europäische Fabrikstandorte. Was die Schlagzeile nicht erzählt: In europäischen Windturbinen stecken zu 60 bis 70 Prozent Komponenten aus China. Getriebe, Lager, Steuerungselektronik, zunehmend Rotorblätter.
Das empfindlichste Glied: die Permanentmagnete.
Moderne Windturbinen mit Direktantrieb (die effizientere, wartungsarme Bauform, die besonders bei Offshore Standard wird) brauchen Neodym-Eisen-Bor-Magnete. In einer einzigen Anlage stecken über 500 Kilogramm davon. 94 Prozent der weltweiten Produktion gesinterter Permanentmagnete liegen in China. 98 Prozent der EU-Magnetimporte kommen aus China.
Das wäre ein handhabbares Abhängigkeitsproblem, wenn China es ließe.
Im Frühjahr 2025 stellte China sieben Seltene-Erden-Elemente unter Exportkontrolle: Neodym, Dysprosium, Terbium und weitere, die ohne Ausnahme für Permanentmagnete unverzichtbar sind. Im Oktober 2025 folgte die zweite Welle: fünf weitere Elemente, dazu eine Klausel, die ausländisch gefertigte Produkte mit mehr als 0,1 Prozent chinesischem Seltenerd-Inhalt unter chinesische Genehmigungspflicht stellt.
Das ist extraterritoriale Kontrolle. Das ist nicht der freie Markt, der Signale sendet. Das ist ein Instrument.
Im April 2025 brachen die Exportmengen ein. Automobilhersteller in Europa und den USA reduzierten die Produktion. Einige Werke standen kurz. Die Reaktion der europäischen Politik: Betroffenheitserklärungen und Taskforces.
Batteriespeicher: Das Konzentrationsproblem
Erneuerbare Energie ohne Speicher ist ein Wetterproblem. Wer die Abhängigkeit bei Erzeugungstechnologien kennt, wird bei Batteriespeichern nicht überrascht sein, aber das Ausmaß der Konzentration ist selbst für Kenner bemerkenswert.
98 Prozent der weltweiten LFP-Aktivmaterialien (Lithium-Eisenphosphat, die dominierende Chemie für stationäre Großspeicher) werden in China produziert. LFP kommt ohne Kobalt aus, was einen der kritischsten Rohstoffe eliminiert. 70 Prozent des weltweit genutzten Graphits für Batterieanoden kommen aus China, mit seit 2025 geltenden Exportbeschränkungen. NMC-Batterien, die Kobalt enthalten, spielen bei stationären Speichern eine zunehmend untergeordnete Rolle, behalten aber Relevanz in der Elektromobilität.
Die in Europa errichteten Batteriegigafactories ändern daran strukturell wenig: CATL in Erfurt, SVOLT in Heusweiler, Envision AESC in Sunderland. Alles chinesische Mutterkonzerne. Standort Europa, Lieferkette Asien. Wer von dieser Konstruktion profitiert und warum sie als europäische Lösung verkauft wird, analysiert Teil 6.
Wechselrichter: Das Sicherheitsproblem, das gerade explodiert
Es gibt eine Ironie in dieser Geschichte: Wechselrichter sind die einzige Komponente der Solarkette, bei der Europa technologisch souverän ist. SMA aus Kassel ist Weltmarktführer. Trotzdem kommen 80 Prozent der tatsächlich installierten Wechselrichter aus China, weil sie billiger sind.
Das wäre ein handelspolitisches Problem. Es ist inzwischen ein sicherheitspolitisches.
US-Ermittler haben in importierten Wechselrichtern undokumentierte Funkmodule gefunden, die nicht Teil der technischen Spezifikation waren und nicht in der Zulassung erwähnt wurden. Die Konsequenz ist bekannt: Wer die Wechselrichter kontrolliert, kontrolliert die Einspeiseleistung. In einem System mit Millionen installierter chinesischer Geräte, die in kritischer Infrastruktur sitzen, ist das keine theoretische Gefahr.
Die EU hat reagiert. Ab Mai 2026 müssen Betreiber melden, welche Geräte installiert sind. Bis November 2026 muss entschieden sein, ob sie ersetzt werden. Hersteller aus China, Russland, Iran und Nordkorea sind von EU-Förderprogrammen ausgeschlossen.
Das ist das richtige Signal, drei bis fünf Jahre zu spät und mit einer Implementierungsgeschwindigkeit, die dem Problem nicht entspricht. SMA in Kassel hat die Kapazität, einen erheblichen Teil des Ersatzmarkts zu bedienen. Die Frage ist, ob die europäische Politik die Nachfrage so sichert, dass SMA die notwendigen Investitionen in die Kapazitätserweiterung rechtfertigen kann. Wie tief das Wechselrichter-Problem in die gesamte Netzinfrastruktur reicht, was SCADA-Systeme damit zu tun haben und was der iberische Blackout von 2025 als Lehrstück über Netzresilienz bedeutet, zeigt Teil 7 dieser Serie.
Was China davon hat. Und was das bedeutet.
Europa ist der größte Einzelmarkt für chinesische Solarexporte: 94,4 GW im Jahr 2024, rund 40 Prozent der chinesischen Gesamtexporte. Das klingt nach Verhandlungsmacht.
Es ist keine. Denn 94 GW entsprechen nur 15 Prozent der chinesischen Gesamtproduktion von rund 645 GW. China hat 2024 selbst 277 GW installiert, mehr als Europa importiert hat. Ein chinesischer Exportstopp in die EU wäre für Europa kurzfristig katastrophal. Für China wäre er ärgerlich und durch Inlandsnachfrage, Südostasien, Lateinamerika und den Nahen Osten abfederbar.
Das ist das Machtverhältnis in seiner nüchternsten Darstellung. Europa kauft in einem Markt, in dem es kein Druckmittel hat, und nennt das Energiewende.
Im zweiten Teil: Was Europa trotzdem hat. Und warum es trotzdem fast nichts nützt.
