Freitag Abend klingelte das Telefon beim Sperling. David hat sich bedankt, auch im Namen des Stammtisches, das wir den Brief veröffentlicht haben. Brigitte fand den Titel „Fanpost“ etwas viel, aber der Rest meinte, das sind ja Piraten, die sind eben so. David hat den neuen Brief angekündigt und auch gleich gesendet. Bitteschön!
An: Unseren Bundeskanzler Friedrich Merz
Von: Seinen treuesten Anhängerinnen und Anhängern, Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
Datum: 10. Juni 2026
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Friedrich,
wir schreiben Dir heute über ein Thema, das uns schon länger beschäftigt und das wir bisher noch nicht direkt angesprochen haben, weil wir uns nicht sicher waren, ob es der richtige Moment ist. Jetzt finden wir, dass es der richtige Moment ist, nämlich weil Du im Bundestag eine Regierungserklärung gehalten hattest, in der Du die Bürgerinnen und Bürger gebeten hast mitzuwirken, und nachdem in den letzten Wochen einige Dinge gesagt worden sind, über die wir nachgedacht haben.
Das Thema ist: Respekt.
Zur Frage des Respekts, Teil Eins: Was Du von anderen verlangst
Wir erinnern uns noch sehr gut an den Dezember 2024, als Bundeskanzler Scholz Dich im ZDF „Fritze Merz“ genannt und gesagt hat, Du würdest „Tünkram“ erzählen. Du hast damals sofort und sehr deutlich reagiert. Du hast gesagt, Du verbittest Dir, dass der Herr Bundeskanzler Dich in dieser Art und Weise persönlich bezeichnet und angreift. Du hast gesagt, das sei offensichtlich ein Muster. Und dann hast Du gesagt — und das haben wir sehr gut gefunden, Karl-Heinz hat es aufgeschrieben —: „Ich werde mich auf dieses Niveau nicht begeben.“
Ein paar Wochen später, im Februar 2025, hat Scholz den Berliner Kultursenator Chialo auf einer Privatfeier „Hofnarr“ genannt. Du hast sofort erklärt, das werfe ein Licht auf sein Sozialverhalten, und Scholz solle sich umgehend persönlich entschuldigen. Nicht irgendwann. Umgehend. Persönlich.
Wir fanden das konsequent. Wer jemanden beleidigt, muss sich entschuldigen. Wer die Würde anderer nicht achtet, muss das hören. Wir standen vollständig hinter dieser Haltung und tun es noch.
Karl-Heinz hat den Zettel noch.
Zur Frage des Respekts, Teil Zwei: Was der Bürger bekommt
Jetzt kommen wir zu dem Teil, über den wir am längsten diskutiert haben, und wir möchten betonen, dass wir am Ende alle zu demselben Ergebnis gekommen sind, nämlich dass Du recht hast, auch wenn der Weg dahin etwas länger war als sonst.
Im Mai dieses Jahres hast Du beim eSummit der Elektro- und Digitalindustrie erklärt, dass „beachtliche Teile der Gesellschaft“ ein „Erkenntnisproblem“ haben. Gerhard hat das beim nächsten Stammtisch vorgelesen, und zwar zweimal, weil er sich beim ersten Mal nicht sicher war, ob er es richtig verstanden hatte. Er hatte es richtig verstanden. Beachtliche Teile der Gesellschaft verstehen die Politik nicht so, wie sie verstanden werden sollte.
Wir haben das besprochen. Brigitte hat gefragt, ob das nicht ein bisschen pauschal sei. Wir haben ihr erklärt, dass ein Kanzler natürlich nicht jeden Einzelfall beurteilen kann und deshalb in Gruppen denken muss, und dass „beachtliche Teile“ ja nicht alle bedeutet, sondern nur ziemlich viele. Brigitte hat das eingesehen, mehr oder weniger.
Gerhard hat dann noch herausgefunden, dass Du schon in der Neujahrsansprache im Dezember erklärt hattest, die Bürger seien „nicht Opfer von äußeren Umständen“. Das fanden wir ebenfalls richtig, auch wenn Karl-Heinz kurz gefragt hat, was dann mit den Leuten ist, bei denen die Heizkosten gestiegen sind und die Rente nicht reicht – die konnten nicht alle einfach noch was dazuverdienen. Wir haben ihm erklärt, dass das doch äußere Umstände sind, über die man streiten kann, und Karl-Heinz hat genickt, aber nicht so, wie man nickt wenn man überzeugt ist, sondern so, wie man nickt wenn man aufhören möchte zu diskutieren.
Und vor kurzem hast Du im Bundestag gesagt, jeder Bürger solle prüfen, was er „zum Gelingen des Ganzen beitragen kann“. Und wenn es nur die Bereitschaft sei, „wohlwollend mitzumachen“. Das finden wir motivierend. Wir sind grundsätzlich wohlwollend. Das ist sozusagen unser Grundzustand.
Zur Frage, warum das kein Widerspruch ist
Brigitte hat beim Stammtisch gefragt, ob es vielleicht einen Unterschied gibt zwischen dem Respekt, den Du von Scholz forderst, und dem, den Du den Bürgern gegenüber zeigst. Das war eine gute Frage, und wir haben sie ernsthaft besprochen.
Gerhard hat erklärt, dass Scholz ein Politiker ist und die Bürger Bürger sind, und dass man mit Politikern auf Augenhöhe redet und mit Bürgern erklärend, weil das nun mal die Rollen sind. Karl-Heinz hat gesagt, das leuchte ihm ein, aber er frage sich, ob die Bürger das auch so sehen. Wir haben gesagt, das sei egal, weil die Bürger es vielleicht nicht richtig einschätzen könnten, was dann wiederum das Erkenntnisproblem erklären würde.
Das war eigentlich eine sehr befriedigende Schlussfolgerung, und wir haben die Diskussion danach beendet.
Was wir festhalten möchten: Du forderst von anderen Respekt, weil Du weißt, wie wichtig er ist. Und Du erklärst den Bürgern, dass sie Erkenntnisdefizite haben, weil Du weißt, dass es stimmt. Das sind zwei verschiedene Dinge, die zusammen ein konsistentes Bild ergeben. Wir haben nur eine Weile gebraucht, um das zu sehen.
Zur Frage des anderen Sauerländers
Wir erwähnen kurz, dass sich diese Woche auch Franz Müntefering, der frühere SPD-Vorsitzende und ebenfalls gebürtiger Sauerländer, zu Wort gemeldet hat. Er wurde bei einer Preisverleihung für sein Lebenswerk auf Dich angesprochen und hat gesagt: „Soviel Hinterhältigkeit ist doch da. Ich denke mir: Lassen wir ihn doch mal.“
Karl-Heinz hat gefragt, was das bedeuten soll. Gerhard hat sehr lange geschwiegen. Brigitte hat gesagt, sie finde das ein bisschen viel.
Wir haben beschlossen, es nicht weiter zu vertiefen. Müntefering ist ein älterer Herr aus der SPD, der gerade einen Preis bekommen hat, und vielleicht war es ein langer Abend.
Zum Schluss
Wir stehen hinter Dir. Wir finden Respekt wichtig. Wir finden auch wichtig, dass die Bürger ihre Erkenntnisdefizite aufarbeiten und wohlwollend mitmachen, weil das Land es gerade braucht.
Karl-Heinz hat seinen Zettel noch. Er überlegt, ob er noch einen zweiten braucht. Er hat noch keinen zweiten angefangen, aber er hat einen leeren Zettel neben den ersten gelegt, für den Fall.
In herzlicher Verbundenheit und mit freundlich-konservativem Gruß,
Der Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
(Mitgliederzahl: rückläufig, Überzeugung: stabil)
P.S.: Brigitte möchte noch anmerken, dass sie das Wort „Erkenntnisproblem“ nachgeschlagen hat. Sie wollte sichergehen, dass sie es richtig versteht. Das meint sie nicht böse.
P.P.S.: Karl-Heinz hat den zweiten Zettel doch angefangen.
