Revolutionärer Volksaufstand und Barrikadenkämpfe in Berlin - 1848
Es ist eine der großen stillen Tragödien der deutschen Gegenwart: Wer heute mit einer Deutschlandfahne durch eine Innenstadt läuft, gilt als verdächtig. Schwarz-Rot-Gold, einst das Symbol derer, die für Freiheit und Demokratie ihr Leben riskierten — diese Farben wurden gekapert. Von Leuten, die sie mit einer Bedeutung aufladen, die ihrem historischen Wesen radikal widerspricht. Und wir Liberalen, Linken, Progressiven? Wir haben uns die Fahne wegnehmen lassen. Kampflos. Als wäre das eine Form von Haltung. Es ist keine. Es ist ein Fehler.
Die Farben des einfachen Volkes
Ihren Ursprung haben die Farben beim Lützower Freikorps von 1813, das gegen die napoleonische Diktatur kämpfte. Die Uniformen waren schwarz, die Aufschläge rot, die Knöpfe golden — schlichtweg die einzigen Farben, die für die mittellosen Freiwilligen verfügbar waren. Es war eine Armee aus dem einfachen Volk.
Zum echten Massensymbol wurde die Fahne 1832 auf dem Hambacher Fest, als die deutsche Demokratiebewegung erstmals ihre volle Kraft entfaltete. Wer die Geschichte kennt, erkennt hier bereits den Betrug der heutigen Nationalisten: Die Redner auf dem Schlossberg forderten nicht nur einen geeinten deutschen Nationalstaat — sie forderten eine konföderierte republikanische Gemeinschaft der europäischen Völker. Einen visionären Vorläufer der EU-Idee. Dieser Gedanke der grenzüberschreitenden Solidarität ist das genaue Gegenteil jenes ausgrenzenden Nationalismus, den die AfD heute propagiert. Wer unter Schwarz-Rot-Gold nationale Abschottung fordert, verhöhnt das Erbe von Hambach.
Wohlstand, Bildung, Freiheit — für alle
Am 21. September 1848, um 18 Uhr, trafen revolutionäre Aufständische in Lörrach ein. Angeführt von einem Rechtsanwalt aus Mannheim, der seinen Adelstitel abgelegt hatte — weil Titel und Demokratie schwer zu vereinbaren sind. Gustav Struve ließ am Marktbrunnen die Fahne der Revolution hissen, trat auf den Balkon des Rathauses und rief: „Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle!“ Dann proklamierte er die Deutsche Republik.
Man lese diesen Satz noch einmal, langsam. Für alle. Nicht für die Richtigen. Nicht für die Einheimischen zuerst. Nicht unter Vorbehalt von Herkunft, Rasse oder Klasse. Für alle.
Das war das Programm. Das war die Verheißung, unter der Schwarz-Rot-Gold stand. Der Revolutionsplan forderte konkret: Abschaffung aller staatlichen Adelsprivilegien, Volkssouveränität, eine progressive Einkommensteuer, Meinungs- und Pressefreiheit, Bauernbefreiung mit dem Ziel, die Bauern zu den freien Eigentümern ihres Landes zu machen. Ein staats- und kapitalismuskritischer Aufstand mit linksliberalem Programm. Für 1848 war das so radikal wie heute die Forderung nach der Abschaffung von Oligarchen und Großkonzernen.
Die Antwort der Staatsmacht war erwartungsgemäß der Einsatz regulärer Truppen, die mit tödlicher Gewalt antworteten – nicht nur gegen Revolutionäre, sondern oft auch gegen Zivilisten. Die unbewaffneten Weiler Stadtmusikanten wurden nach ihrer Gefangennahme von regierungstreuen Soldaten ohne Verfahren erschossen.
Georg Herwegh und die Geburtsstunde der Arbeiterbewegung
Wer bei Schwarz-Rot-Gold nur an badische Freischärler denkt, greift zu kurz. Da war noch Georg Herwegh, Dichter und Revolutionär. 1848 führte er die Deutsche Demokratische Legion von Paris nach Baden: 700 Freiwillige aus mehreren Nationen, Emigranten, Arbeiter, Intellektuelle; eine internationalistische Brigade, bevor es das Wort gab. Das württembergische Militär machte ihr ein blutiges Ende in der Schlacht von Dossenbach. Herwegh und seine Frau Emma entkamen verkleidet als Bauern auf einem Mistwagen in die Schweiz. Viele andere überlebten nicht. Ihre Gräber findet man noch heute auf dem Friedhof von Dossenbach.
1863 wurde Herwegh Bevollmächtigter des neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, jener Organisation, aus der sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands entwickeln sollte. Sein Bundeslied, eine Hymne auf das revolutionäre Proletariat, wurde sofort verboten und jahrelang nur illegal verbreitet. Zeilen wie „Brecht das Doppeljoch entzwei! / Brecht die Not der Sklaverei!“ waren keine Poesie zur Unterhaltung, sie waren politische Munition.
Wilhelm Liebknecht, späterer Mitbegründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, diente als Adjutant von Gustav Struve. Friedrich Engels kämpfte aktiv auf Seiten der badischen Revolutionäre. Der Anarchist Michael Bakunin nahm in Dresden an den Barrikadenkämpfen teil.
Die Forty-Eighters: Schwarz-Rot-Gold im amerikanischen Bürgerkrieg
Als die Revolution scheiterte, flohen Zehntausende Revolutionäre ins Ausland. Viele gingen nach Amerika — und setzten dort fort, was sie in Deutschland nicht zu Ende bringen konnten.
Gustav Struve, der Mann, der am Lörracher Marktbrunnen die Republik ausgerufen hatte, unterstützte den liberalen Abraham Lincoln im Wahlkampf. Kämpfte als Hauptmann der 8th New York Volunteers für die Nordstaaten — gegen die Sklaverei.
Franz Sigel, der militärische Kopf der badischen Revolution, wurde Generalmajor und Divisionskommandeur in der Unionsarmee. Sein Name wurde so bekannt, dass Unionssoldaten ein Lied über ihn sangen: „I fights mit Sigel!“
Carl Schurz, 1848 noch Student mit einer Pistole in der Hand, wurde Generalmajor, enger Vertrauter Lincolns und schließlich Innenminister der Vereinigten Staaten – der erste deutschstämmige Kabinettsminister in der amerikanischen Geschichte. Später wurde er Vizepräsident der American Anti-Imperialist League. Sein Nachruf schrieb Mark Twain.
Friedrich Hecker, Struves Mitstreiter beim Heckerzug, machte aktiv Wahlkampf für Abraham Lincoln und wurde Oberst des 1st Hecker Jaeger Regiment, das 24th Regiment Illinois Volunteer Infantry.
August Willich hatte seinen preußischen Adelstitel abgelegt und war aus der Armee geworfen worden wegen kommunistischer Sympathien. 1849 führte er ein Freikorps im pfälzischen Aufstand — Friedrich Engels diente als sein Adjutant. Im Londoner Exil forderte er Karl Marx zum Duell, weil er ihn für zu konservativ und nicht revolutionär genug hielt. In den USA arbeitete er als Redakteur des Cincinnati Republikaner, kämpfte als Brigadegeneral in den Schlachten von Shiloh, Chickamauga und Chattanooga gegen die Sklaverei, für die Vereinigten Staaten von Amerika.
Mathilde Franziska Anneke, die im pfälzisch-badischen Aufstand bereits als Ordonnanzoffizierin im Sattel gesessen hatte, führte ihren Kampf jenseits des Atlantiks weiter: als eine der profiliertesten Frauenrechtlerinnen und Abolitionistinnen der USA. Sie gründete die Deutsche Frauen-Zeitung und stritt an der Seite von Susan B. Anthony für das Frauenwahlrecht und die Abschaffung der Sklaverei.
Das ist kein Zufall. Das ist eine Linie. Dieselben Menschen, die unter Schwarz-Rot-Gold für eine deutsche Republik auf die Barrikaden gegangen waren, standen wenige Jahre später auf der richtigen Seite des amerikanischen Bürgerkriegs — gegen Rassismus, für Freiheit als universellen Wert, nicht als ethnisches Privileg.
Der Widerspruch spricht für sich
Gustav Struve legte seinen Adelstitel ab, weil er der Überzeugung war, dass Privilegien durch Geburt mit einer gerechten Gesellschaft unvereinbar sind. Wer heute unter seiner Fahne marschiert und millionenfache „Remigration“ fordert, Solidarität an Abstammung knüpft und Menschenwürde unter Nationalitätsvorbehalt stellt, fordert genau jene Privilegien durch Geburt zurück, die Struve bekämpfte.
Man muss das nicht kommentieren. Der Widerspruch spricht für sich.
Was wir dennoch beim Namen nennen sollten: Es ist ein kalkulierter Symbolraub. Ein Symbol besetzen, es mit einem inhaltlich entgegengesetzten Bedeutung füllen, und warten, bis niemand mehr protestiert, dann gehört das Symbol mitsamt einem Stück Geschichte. Das Ministerium für Wahrheit in Orwells 1984 arbeitete nach demselben Prinzip. Die Vergangenheit so umschreiben, dass sie zur gegenwärtigen Ideologie passt. Der Unterschied: Bei Orwell war es Staatsmacht. Hier ist es eine politische Bewegung – was es nicht weniger gefährlich macht.
„Deutsche Patrioten“ nennen sich heute Leute, die Wladimir Putins Propaganda weiterverbreiten und Donald Trumps korrupten Autokratismus bejubeln. Beide verkörpern alles, wogegen die Achtundvierziger ihr Leben riskierten: Willkürherrschaft, Unterdrückung der Presse, Auflösung demokratischer Institutionen. Man könnte die Partei, die das für sich beansprucht, in „Alternative für Diktatoren“ umbenennen, aber das wäre zu einfach. Die eigentliche Leistung dieser Bewegung ist nicht Dummheit, sondern Chuzpe: das Erbe der Demokraten zu kapern, um die Demokratie zu untergraben.
Holt sie zurück
Schwarz-Rot-Gold ist nicht das Symbol des Nationalismus. Es ist das Symbol derer, die den Nationalismus ihrer Zeit bekämpft haben — die Willkürherrschaft, die Standesgesellschaft, die Ausbeutung. Die Menschen, die unter diesen Farben ihr Leben riskierten, haben es nicht verdient, von jenen vereinnahmt zu werden, die das Gegenteil von allem wollen, wofür diese Farben standen.
Man muss keine Fahne lieben, um sie zurückzufordern. Man muss nur verstehen, was es bedeutet, wenn man sie kampflos aufgibt.
Epilog: Warum wir so wenig über 1848 wissen
Dass die Ereignisse von 1848 heute so wenig im kollektiven Gedächtnis verankert sind, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen ideologischen Ausblendung. Diese Revolution sitzt historisch zwischen allen Stühlen.
Für die marxistische Geschichtsschreibung – insbesondere im Kontext der SED – war 1848 stets problematisches Erbe. Zwar feierte man das „Erwachen des Proletariats“, doch die führenden Köpfe der Bewegung passten trotz ihrer linken Gesinnung nicht ins Bild der marxistisch-leninistischen Ideologie. Männer wie Carl Schurz, August Willich oder Michael Bakunin waren entschiedene Kritiker von Karl Marx und seiner Vision einer „Diktatur des Proletariats“. Sie stritten für individuelle Freiheit und Demokratie, nicht für zentrale Kaderdisziplin. Zudem war der Lebensweg vieler Revolutionäre ein Albtraum für das spätere antiamerikanische Narrativ: Dass progressive deutsche Freiheitskämpfer in den USA als Generäle und Minister Karriere machten, ließ sich nicht mit dem Bild des „imperialistischen Klassenfeindes“ vereinbaren.
Die politische Rechte wiederum meidet 1848 aus einem anderen Grund. Die Ideen der Paulskirche und der badischen Aufstände – der Traum einer „Konföderation der europäischen Völker“, die universellen Menschenrechte, die radikale Gleichheit – stehen im direkten Widerspruch zu reaktionärem Nationalismus und völkischer Ausgrenzung. Das Thema wurde im Kaiserreich und später im Nationalsozialismus gezielt verschwiegen oder umgedeutet. Auch die 1949 neu gegründete Bundesrepublik hatte unter ihrem erzkonservativen Kanzler Adenauer im aufkommenden Kalten Krieg wenig Interesse an einer Aufarbeitung.
Das Ergebnis ist eine kollektive Amnesie, die exakt jenen nützt, die heute die Symbole dieser Revolution für das Gegenteil ihres ursprünglichen Sinns missbrauchen.
https://piratenpartei-loerrach.de/
Quellen:
Wikipedia: Mathilde Franziska Anneke
Wikipedia: Gustav Struve
Wikipedia: Friedrich Hecker
Wikipedia: Carl Schurz
Wikipedia: Franz Sigel
Wikipedia: Michail Alexandrowitsch Bakunin
Wikipedia: Georg Herwegh
Wikipedia: August Willich

Privilegierte alte weiße Männer die gegen die Sklaverei gekämpft haben. Sich also die Interessen der Schwarzen angeeignet haben aus der Pespektive des privilegierten weißen. Das hätte man schon kritisch aufarbeiten müssen. Zumal Abraham Lincoln ein Kapitalist war der keinesfalls vorhatte die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten zu beenden.
Die weißen Deutschen die in die USA gekommen sind waren auch kriminelle Kolonialisten die auf dem gestohlenen Land der Indianer gelebt haben. Auch das fehlt im Artikel. Dafür ganz viel gesülze wie toll die Nationalistische Flagge Deutschlands deshalb sei.
Kein Wunder das niemand mehr Piraten wählt. Wer sowas toll findet geht eh gleich zur AfD.
Ich bin froh, das sich damals die Alliierten, vor allem die Amerikaner, sich die Sache des Überlebens alle Nicht-Arier in Europa angenommen haben. Im Gegensatz zu den linken Kommunisten, die das mit dem Massenmord an Andersdenkenden, oder Ukrainern, oder …. schon vorher und danach getan haben. Oder Che Guevara, der eine Art KZ-Kommandant war.
Ach ja, Thema verfehlt. Es geht nicht um die USA. Das kannst du besser, bemüh dich einfach!