<a rel="License" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" title=Lizenz CC-BY-SA">CC-BY-SA</a> u1amo01
Das Material liegt auf dem Tisch
Es wäre politisch einfacher, wenn das alles hoffnungslos wäre. Dann könnte man die Abhängigkeit von China als unvermeidliches Schicksal einer globalisierten Welt framen und weitermachen wie bisher. Die unbequeme Wahrheit ist die entgegengesetzte: Europa hat die Technologien. Deutschland hat wesentliche Teile der Produktionsbasis. In Bitterfeld, in Hanau, in Kassel, in Dresden, in Freiburg sitzen die Bausteine einer souveränen Energielieferkette. Sie warten darauf, dass jemand anfängt sie ernstzunehmen.
Solar: Die Lieferkette, die es schon gibt
In Brandenburg an der Havel produziert Oxford PV seit September 2024 kommerzielle Perowskit-Tandem-Solarmodule. Das ist keine Pilotanlage, keine Förderkulisse, keine Pressemitteilung über einen zukünftigen Durchbruch. Das ist Serienproduktion.
Die Technologie dahinter ist fundamental anders als das chinesische Standardprodukt. Perowskit-Tandem-Module verbinden eine dünne Perowskit-Schicht mit einem Silizium-Unterbau und erreichen damit einen Wirkungsgrad von 24,5 Prozent bei der aktuellen Serienproduktion, mit einer dokumentierten Entwicklungsroadmap auf über 27 Prozent bis 2028. Das liegt deutlich über dem Wirkungsgrad chinesischer TOPCon-Module und macht aus derselben Dachfläche mehr Strom.
Entscheidend für die Lieferkettenfrage: Die Perowskit-Schicht wird als dünner Film aufgetragen. Kein Polysilizium-Ingot, keine Wafer-Ziehanlage, kein Hochtemperaturofen in chinesischer Staatshand. Die Perowskit-Materialien sind Blei-Halogenid-Verbindungen, synthetisierbar in europäischer Chemieindustrie, ohne Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffmonopolen. Das technologische Rückgrat kommt vom Fraunhofer ISE in Freiburg, dem weltweit größten Solarforschungsinstitut.
Das parallele Projekt in Bitterfeld ist NexWafe. Das Unternehmen hat ein patentiertes Verfahren entwickelt, das die energieintensive Ingot-Stufe der Waferproduktion vollständig umgeht. Statt Polysilizium in massiven Blöcken zu kristallisieren und anschließend in hauchdünne Scheiben zu sägen (mit erheblichem Materialverlust) wächst der Wafer bei NexWafe direkt auf einem Substrat auf. Energiebedarf massiv reduziert, Materialverlust eliminiert, Abhängigkeit vom chinesischen Ingot-Markt: null.
Mit entschlossener Finanzierung ab 2027 ist in Bitterfeld eine Kapazität von 3 bis 5 GW Wafer pro Jahr bis 2030 erreichbar. Die Investitionssumme für diese Ausbaustufe liegt im dreistelligen Millionenbereich, also nicht in einem Bereich der Haushaltsdebatten sprengt, wenn er als strategische Infrastruktur behandelt wird.
Und dann ist da noch Wacker Chemie: Der einzige nicht-chinesische Akteur in den globalen Top Ten der Polysiliziumproduktion. Wacker betreibt Standorte in Nünchritz (Sachsen) und Tennessee (USA), Burghausen wird jedoch als Polysiliziumstandort gerade geschlossen. Die verbleibende Kapazität reicht theoretisch für einen substanziellen Anteil des deutschen Solarbedarfs. Das Problem ist nicht nur die schwindende Kapazität, sondern dass Wacker strategisch auf hochmargiges Halbleitersilizium setzt, nicht auf den Solarmarkt.
Eine verbindliche Abnahmegarantie für Solarqualität wäre der notwendige Rahmen, um Wackers Investitionsprioritäten zu verschieben, bevor der Polysilizium-Kompetenzträger vollständig aus dem Solargeschäft ausgestiegen ist. Das Zeitfenster dafür schließt sich.
Wind: Die Lösung, die keine Investition braucht
Für Onshore-Windkraft gibt es eine souveräne Lösung, die heute, sofort, ohne Forschungsbedarf, ohne neue Fabriken verfügbar ist: Der doppelt gespeiste Asynchrongenerator.
Diese Technologie kommt ohne Permanentmagnete aus, also ohne Neodym, ohne Dysprosium, ohne Genehmigungsantrag in Beijing. Sie ist in rund 50 Prozent aller heute betriebenen europäischen Windanlagen verbaut. Enercon in Aurich, Nordex in Hamburg und Rostock, Vestas in Dänemark: Alle bauen ihn. Der Unterschied zum Permanentmagnet-Direktantrieb: Ein Getriebe mehr und ein minimal niedrigerer Wirkungsgrad bei bestimmten Windgeschwindigkeiten.
Für Onshore-Anlagen, die über ein gut erschlossenes Straßennetz zugänglich sind und deren Getriebewartung keine Klettertour über Meeresspiegel erfordert, ist das ein akzeptabler Kompromiss. Der politische Ertrag dieser Entscheidung: Vollständige Lieferkettensouveränität bei Neubauanlagen, ohne einen einzigen Euro Förderung für neue Technologien.
Die Entscheidung wurde nicht getroffen. Stattdessen wird die Abhängigkeit von Seltenerdmagneten als technische Notwendigkeit behandelt, obwohl sie eine Designentscheidung ist.
Für Offshore gilt dasselbe nicht. Dort macht der Permanentmagnet-Direktantrieb wegen der extrem teuren Wartung unter Meeresbedingungen strukturell mehr Sinn. Hier bleibt die Magnet-Abhängigkeit ein echtes Problem, das aber lösbar ist, wenn die Vacuumschmelze skaliert.
Magnete: Der einzige Hersteller sitzt in Hanau
Die Vacuumschmelze (VAC) in Hanau ist das einzige westliche Unternehmen, das gesinterte Seltenerd-Permanentmagnete mit vollständig integrierter Lieferkette in Europa produziert: Schmelzen, Legieren, Sintern und Nachbearbeiten. Drei Werke: Hanau, Slowakei, Finnland. Rohstoffversorgung unabhängig von China.
Aktuelle Produktion: rund 1.000 Tonnen Magnete pro Jahr. Europas Bedarf für Windkraft, Elektromobilität und Industrieantriebe: mindestens 15.000 bis 20.000 Tonnen pro Jahr, steigend.
Das ist ein Faktor 15 bis 20 zwischen Angebot und Bedarf, aber es ist kein Naturgesetz. VAC hat die Technologie, die Erfahrung und die Standorte für eine Skalierung. Das unmittelbare Problem ist nicht technischer Natur: VAC leidet unter zu hohen Strompreisen, die eine wettbewerbsfähige Produktion schwieriger machen. Das ist kein spezifisches Magnete-Problem, sondern das vertraute Muster europäischer Industriepolitik, die strategische Produzenten mit hohen Energiekosten belastet und sich dann über fehlende Kapazitäten wundert. GKN Powder Metallurgy baut in Radevormwald eine Pilotanlage für NdFeB-Magnete mit dem Ziel 4.000 Tonnen Gesamtkapazität in Europa und Nordamerika. Der kommerzielle Betrieb der Pilotanlage begann 2025.
Die Rohstofffrage: Neodym und Dysprosium gibt es nicht nur in China. LKAB in Schweden hat in der Kiruna-Region Vorkommen dokumentiert, die zu den größten Europas gehören. Grönland, Australien, Kanada haben ebenfalls relevante Lagerstätten. Das geologische Problem existiert nicht. Was existiert, ist die Raffinationsabhängigkeit: 91 Prozent der weltweiten Seltenerd-Trennung läuft in China, und China hat im Oktober 2025 explizit auch Trennungstechnologien unter Exportkontrolle gestellt.
Das bedeutet: Europa muss die Raffinationschemie von Grund auf neu aufbauen, ohne chinesischen Technologietransfer. Das dauert 7 bis 10 Jahre. Es ist trotzdem der einzige souveräne Weg. Die andere Seite dieser Gleichung, nämlich wie viel Neodym aus ausgedienten Windturbinen und Elektromotoren zurückgewonnen werden kann, behandelt Teil 8 dieser Serie.
Speicher: Natrium ist überall
Lithium-Ionen-Batterien dominieren den Speichermarkt, und die Lieferkette dahinter ist die chinesischste im gesamten Energiesystem: 98 Prozent LFP-Aktivmaterial aus China, 70 Prozent Graphit aus China, erhebliche Teile der Zell- und Modulproduktion in chinesischen Gigafactories.
Natrium-Ionen-Batterien ändern das strukturell.
Natrium ist buchstäblich überall. Es gibt keine Natrium-Mine, die man kontrollieren müsste, kein kritisches Abbaugebiet, keine geopolitisch relevante Lagerstätte. Der Rohstoff ist ein Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie und der Chemiebranche. Die Kathode (in europäischer Forschung als Preußischblau-Derivat entwickelt, namentlich am Karlsruher Institut für Technologie) verzichtet auf Kobalt, Nickel und Lithium.
Tiamat Energy in Frankreich (Hauts-de-France) startet Mitte 2027 mit der kommerziellen Serienproduktion. Ziel: 5 GWh Jahreskapazität bis 2029. Das ist Mikromaßstab gemessen am europäischen Bedarf, aber es ist der erste Schritt auf einer Lernkurve, die bei Lithium-Ionen in China bereits zwanzig Jahre Vorsprung hat.
Eine deutsche Natrium-Ionen-Fabrik existiert noch nicht. Das Know-how liegt im KIT. Wer dort jetzt investiert, kauft sich zehn Jahre Rückstand gegen eine überschaubare Fördersumme heraus.
Vanadium-Redox-Flow ist die zweite souveräne Speicheroption, mit einem einzigartigen Merkmal: Der Vanadiumelektrolyt wird beim Betrieb nicht verbraucht. Er kann nach 20 Jahren vollständig zurückgewonnen werden. Das Fraunhofer ICT in Pfinztal betreibt Europas größte Forschungsanlage mit 2 MW Leistung und 20 MWh Kapazität, direkt an eine Windkraftanlage gekoppelt, seit 2025 in Betrieb. Vanadium kommt zu rund 75 Prozent aus China, Südafrika und Russland. Südafrika ist geopolitisch unproblematisch und Russland fällt aktuell aus dem Kalkül. Mit Südafrika als Primärquelle und europäischer Recyclinginfrastruktur ist Vanadium-Redox-Flow mittelfristig eine vollständig souveräne Speicheroption.
Wechselrichter: SMA wartet auf den Auftrag
SMA Solar Technology in Kassel ist Weltmarktführer bei Wechselrichtern. Das Unternehmen hat die Technologie, die Produktionsanlagen und die Fachkräfte um einen substanziellen Teil des europäischen Markts zu bedienen.
Der EU-Ausschluss chinesischer Hochrisikogeräte ab 2026 erzeugt einen Ersatzmarkt mit erheblichem Volumen: Millionen installierter Geräte, die überprüft und möglicherweise ausgetauscht werden müssen. Das ist eine Wachstumschance, die sich aus der Sicherheitspolitik ergibt, nicht aus Subventionen.
Was SMA dafür braucht: Planungssicherheit und ein klares Signal, dass die europäische Nachfrage dauerhaft gesichert wird, damit die notwendigen Kapazitätserweiterungen investierbar sind. SMA kann nicht gegen staatlich subventionierte chinesische Geräte konkurrieren, wenn die EU den Markt nicht strukturell schützt. Das ist keine Sonderbehandlung, das ist die Minimalvoraussetzung für Industriepolitik.
Warum das nicht funktioniert, obwohl es funktionieren könnte
Meyer Burger hat keine schlechten Module gebaut. NexWafe hat kein schlechtes Verfahren entwickelt. NorSun hat keine schlechten Wafer produziert. Alle drei hatten das Produkt. Alle drei sind an derselben Stelle gescheitert: Dem Fehlen einer europäischen Abnahmegarantie, die die Investition in skalierte Produktion rechtfertigt.
In den USA hat der Inflation Reduction Act genau das geliefert: Steuerrabatte, Produktionsboni, Abnahmegarantien, direkt und verbindlich. Meyer Burger hat deshalb Colorado gewählt, nicht Sachsen. Das ist keine Kritik an Meyer Burger, das ist die Beschreibung eines Systems, in dem Europa die Technologie entwickelt und Amerika und China sie industrialisieren.
Der Net-Zero Industry Act der EU setzt auf freiwillige Marktanreize. China setzt auf Industriepolitik. Der Unterschied im Ergebnis wird gerade in Form von Insolvenzmeldungen sichtbar. Warum die politischen Entscheidungen so fallen, wie sie fallen, und wer konkret von der Abhängigkeit profitiert, analysiert Teil 6.
Im dritten Teil: Gas, Wärme und der Kreislauf, den die Energiedebatte vergisst. Und eine Technologie aus Karlsruhe, die das Speicherproblem ohne China lösen könnte.
