18. Juli 2026

Das Handwerk des Unmuts

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  1. In den Vereinigten Staaten beobachten wir die Entstehung eines Phänomens, das man als „Woke Rechte“ bezeichnen könnte: Akteure des rechten Spektrums übernehmen die identitätspolitischen Strategien und moralischen Rhetoriken der woken Linken. An die Stelle von rassisch oder sexuell minorisierten Gruppen als vermeintlich Unterdrückte treten nun weiße Mehrheitsangehörige. Der zentrale Narrative lautet, dass ein gegen Weiße gerichteter Rassismus durch die Allianz von islamistischen Milieus und linken Kulturmarxisten systematisch gefördert werde.

    Diese Deutung ist nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Ein anschauliches Beispiel liefert derzeit die Aufarbeitung der sogenannten Grooming-Gang-Skandale in Großbritannien. Über Jahre hinweg wurden schwerste sexualisierte Gewalttaten gegen einheimische Mädchen und junge Frauen nicht konsequent verfolgt, weil Teile der Behörden und der politischen Klasse befürchteten, als „rassistisch“ zu gelten. Täter aus pakistanisch-islamischen Migrationsmilieus profitierten von dieser moralischen und institutionellen Immunität, die maßgeblich durch linke Rücksichtnahmen auf „Diversität“ begründet wurde. Die dadurch entstandene Wut von Opfern und deren Familien ist nachvollziehbar und wird nun von der aufstrebenden Woken Rechten politisch kanalisiert.

    Wir erleben damit eine klassische Eskalationsspirale des Kulturkampfes: Die identitätspolitische Mobilisierung der Linken erzeugt eine spiegelbildliche Gegenmobilisierung der Rechten – und umgekehrt. Jede Seite legitimiert ihre eigenen Übertreibungen mit den Übertreibungen der anderen. Das Ergebnis ist eine fortschreitende Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts.In Großbritannien hat diese Entwicklung das Land derart polarisiert und unregierbar gemacht, dass Premierminister Keir Starmer heute seinen Rücktritt angekündigt hat.

    Die zentrale Frage lautet: Worauf steuert diese Entwicklung hinaus? Droht eine weitere Fragmentierung der Gesellschaft in zahlreiche gegeneinander misstrauische und teilweise feindselige Identitätsgruppen? In den USA und Großbritannien ist bereits deutlich erkennbar, wie das Vertrauen in politische Eliten, Institutionen und die Polizei bröckelt. Dies schafft ein politisches Vakuum, das charismatische Außenseiter wie Donald Trump nutzen können.

    Eine Zivilisation, die nicht mehr in der Lage ist, Politik am Gemeinwohl aller Bürger auszurichten, verliert langfristig ihre Legitimität und Stabilität. Das identitätspolitische Wettbewerbsdenken – gleichgültig ob von links oder rechts – zersetzt die Grundlage jeder funktionierenden Demokratie: das Bewusstsein einer gemeinsamen politischen Schicksalsgemeinschaft. Ohne eine Rückbesinnung auf universelle Prinzipien und das Primat des Gemeinwohls droht eine schleichende Auflösung des gesellschaftlichen Fundaments. Die eigentliche intellektuelle und politische Herausforderung unserer Zeit besteht daher darin, jenseits der identitären Grabenkämpfe wieder eine Sprache und eine Praxis des Allgemeinen zu entwickeln.

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