Jan Fleischhauer hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Du bist nicht allein“, es kostet 25 Euro, und es erklärt der schweigenden Mehrheit, dass sie schweigt, weil alle anderen so laut sind. Ich habe es aufgeschlagen, sieben Seiten gelesen und dann zugeklappt. Nicht aus Empörung, sondern aus Langeweile: Wer eine Fleischhauer-Kolumne kennt, kennt dieses Buch. Wer zehn Kolumnen kennt, kennt es zweimal.
Thomas Fischer, ehemaliger Bundesrichter, hat sich die restlichen 297 Seiten für die Legal Tribune Online angetan/vorgenommen [1] und kommt zum selben Ergebnis, nur gründlicher: ein langatmiges Pamphlet, das niemanden überzeugt, der nicht schon überzeugt ist, und ein Autor, der vorgibt, für eine Mehrheit zu sprechen, während er sich faktisch über sie erhebt.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist die Diagnose eines Geschäftsmodells.
Von wem haben sie das gelernt?
Das Muster, das Fleischhauer bedient, ist nicht neu. Und es stammt, was manche überraschen dürfte, nicht aus dem rechten Ideenfundus. Die Grundstruktur, eine große, unterdrückte Gruppe, die noch nicht weiß, dass sie unterdrückt wird; ein Sprecher, der ihr Bewusstsein stellvertretend trägt; ein Feind, der nicht nur falsch liegt, sondern strukturell böse ist; das ist marxistisches Erbe. Lenin nannte die Avantgarde, die für das Proletariat denkt, weil das Proletariat selbst noch im „falschen Bewusstsein“ gefangen ist. Die Neue Linke der 68er verfeinerte das Modell: moralische Selbstermächtigung, Sprecherschaft für Unterdrückte, Delegitimierung des Gegners nicht als Irrenden, sondern als Komplizen des Systems. Wie das in der Praxis aussieht (Cliquen, Hierarchien, gegenseitige Überwachung unter Gleichgesinnten) hat Bailey Lamon (Piratenpartei Kanada) bereits 2016 aus eigener Erfahrung beschrieben [2].
Die Rechte hat dieses rhetorische Handwerkszeug übernommen. Nur das Personal wurde ausgetauscht. Aus der Arbeiterklasse wurde „die Mitte“. Aus dem Klassenfeind wurde „LinksGrün“. Aus dem falschen Bewusstsein wurde das Mehrheitsparadox: Die Leute denken eigentlich richtig, trauen sich aber nicht, es zu sagen.
Wundert das jemanden? Kaum. Erfolgreiche Werkzeuge werden kopiert.
Fleischhauer und die fiktive Mandantschaft
Fleischhauer tut genau das, was er der Linken vorwirft. Er spricht für eine Gruppe, über die er sich faktisch erhebt. Er wohnt mit seinem Bentley in Pullach, einem der teuersten Vororte Münchens, schreibt für ein wohlhabendes urbanes Publikum und inszeniert sich gleichzeitig als Stimme jener, die im Bierzelt schunkeln und Helene Fischer hören. Ob er das selbst tut, verrät er nicht. Die „Mitte“, für die er antritt, definiert sich bei ihm durchweg negativ: nicht queer, nicht vegan, nicht „woke“. Was sie positiv will, bleibt offen.
Das ist kein Zufall, und der Historiker Reinhart Koselleck hätte dafür einen Begriff gehabt: asymmetrischer Gegenbegriff. Man definiert die eigene Gruppe über das, was der Feind ist. „Normal“ heißt: nicht die da. „Mitte“ heißt: nicht LinksGrün. Solange der Gegner klar ist, braucht man kein eigenes Programm. Eine positiv definierte Mehrheit hätte Forderungen. Forderungen erzeugen Widerspruch. Widerspruch ist schlecht für’s Geschäft.
Ressentiment als Dienstleistung funktioniert anders: Der Autor verkauft dem Leser das Gefühl, dass sein Unbehagen nicht nur berechtigt, sondern mutig ist. Das Buch ist keine Analyse. Es ist Absolution. Du hast recht. Alle anderen sind schuld. 25 Euro, bitte.
Kein Alleinstellungsmerkmal
Wer jetzt denkt, das sei ein Problem der selbst definierten Mitte, schaut zu wenig hin. Manuel Ostermann, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, hat mit „Deutschland ist nicht mehr sicher“ dasselbe Handwerk betrieben: Kriminalstatistiken selektiv interpretiert, Einzelfälle ohne Belege verallgemeinert, Angst als Argument verkauft. Tiberius hat das in der Flaschenpost sauber auseinandergenommen. [3] Das Geschäftsmodell ist identisch, nur trägt Ostermann eine Uniform statt einen Presseausweis.
Sahra Wagenknecht hat dasselbe Modell zur Marke ausgebaut: „Das Volk“ gegen „die Lifestyle-Linken“, die echten Arbeiter gegen die moralisierende Elite. Bücher, Talkshows, eine eigene Partei, benannt nach sich selbst. Das ist kein politisches Projekt — das ist ein Franchisemodell für Unmut.
Und auch innerhalb desselben Lagers funktioniert das Muster: Als der neue Vorsitzende der Linken der Bild ein Interview gab und dabei jedem, der nicht seiner Linie folgt, implizit Faschismusnähe andichtete, bediente er dieselbe Struktur. Die schweigende Mehrheit heißt dort nicht „Mitte“, sondern „die Unterdrückten“. Der Klassenfeind heißt nicht „LinksGrün“, sondern „Liberale“ oder „Sozialdemokraten“. Wir sind die Guten, ihr seid das Problem, und wer das nicht sieht, ist entweder blind oder böse.
Das Mehrheitsparadox kennt keine Parteifarbe. Es ist ein Rhetorikformat.
Was das kostet
Ich hätte diesen Text vermutlich nicht geschrieben, wenn ich nicht über den beinahe epischen Verriss von Thomas Fischer für die Legal Tribune Online gestolpert wäre. Das Buch selbst hielt ich nicht für rezensionswürdig, aber nicht weil es provokant wäre, sondern weil es nichts ist, was Fleischhauer nicht schon in hundert Kolumnen gesagt hätte. Kolumnen dauern fünf Minuten. Das Buch kostet 25 Euro und 304 Seiten. Der Unterschied ist der Preis, nicht der Inhalt.
Das ist das Problem mit Fleischhauer, und es ist zugleich die präziseste Beschreibung seines Werks: Er ist Kolumnist, kein Autor. Kolumnisten zuspitzen, pointieren, provozieren — und das ist legitim, das ist das Handwerk. Aber ein Buch verlangt etwas anderes: Entwicklung, Argument, den Mut, irgendwo anzukommen, wo man vorher nicht war. Davon findet sich in „Du bist nicht allein“ nichts. Es ist eine Kolumnensammlung mit Kapitelüberschriften.
Das eigentliche Problem ist nicht Fleischhauer. Es ist der Markt, der das belohnt. Leser, die keine Analyse wollen, sondern Bestätigung. Ein Publikum, das bereit ist, für das Gefühl, Recht zu haben, 25 Euro zu zahlen.
Solange Ressentiment rentabler ist als Argument, wird das Handwerk des Unmuts gepflegt und verfeinert. Von links. Von rechts. Von der Mitte, die sich für keine hält.
Wer das ändern will, fängt nicht damit an, Fleischhauer zu lesen. Oder gar zu kaufen.
[1]: https://www.lto.de/recht/meinung/m/fischer-rezensiert-du-bist-nicht-allein-von-jan-fleischhauer
[3]: https://die-flaschenpost.de/2025/10/23/die-luegen-des-herrn-ostermann/

In den Vereinigten Staaten beobachten wir die Entstehung eines Phänomens, das man als „Woke Rechte“ bezeichnen könnte: Akteure des rechten Spektrums übernehmen die identitätspolitischen Strategien und moralischen Rhetoriken der woken Linken. An die Stelle von rassisch oder sexuell minorisierten Gruppen als vermeintlich Unterdrückte treten nun weiße Mehrheitsangehörige. Der zentrale Narrative lautet, dass ein gegen Weiße gerichteter Rassismus durch die Allianz von islamistischen Milieus und linken Kulturmarxisten systematisch gefördert werde.
Diese Deutung ist nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Ein anschauliches Beispiel liefert derzeit die Aufarbeitung der sogenannten Grooming-Gang-Skandale in Großbritannien. Über Jahre hinweg wurden schwerste sexualisierte Gewalttaten gegen einheimische Mädchen und junge Frauen nicht konsequent verfolgt, weil Teile der Behörden und der politischen Klasse befürchteten, als „rassistisch“ zu gelten. Täter aus pakistanisch-islamischen Migrationsmilieus profitierten von dieser moralischen und institutionellen Immunität, die maßgeblich durch linke Rücksichtnahmen auf „Diversität“ begründet wurde. Die dadurch entstandene Wut von Opfern und deren Familien ist nachvollziehbar und wird nun von der aufstrebenden Woken Rechten politisch kanalisiert.
Wir erleben damit eine klassische Eskalationsspirale des Kulturkampfes: Die identitätspolitische Mobilisierung der Linken erzeugt eine spiegelbildliche Gegenmobilisierung der Rechten – und umgekehrt. Jede Seite legitimiert ihre eigenen Übertreibungen mit den Übertreibungen der anderen. Das Ergebnis ist eine fortschreitende Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts.In Großbritannien hat diese Entwicklung das Land derart polarisiert und unregierbar gemacht, dass Premierminister Keir Starmer heute seinen Rücktritt angekündigt hat.
Die zentrale Frage lautet: Worauf steuert diese Entwicklung hinaus? Droht eine weitere Fragmentierung der Gesellschaft in zahlreiche gegeneinander misstrauische und teilweise feindselige Identitätsgruppen? In den USA und Großbritannien ist bereits deutlich erkennbar, wie das Vertrauen in politische Eliten, Institutionen und die Polizei bröckelt. Dies schafft ein politisches Vakuum, das charismatische Außenseiter wie Donald Trump nutzen können.
Eine Zivilisation, die nicht mehr in der Lage ist, Politik am Gemeinwohl aller Bürger auszurichten, verliert langfristig ihre Legitimität und Stabilität. Das identitätspolitische Wettbewerbsdenken – gleichgültig ob von links oder rechts – zersetzt die Grundlage jeder funktionierenden Demokratie: das Bewusstsein einer gemeinsamen politischen Schicksalsgemeinschaft. Ohne eine Rückbesinnung auf universelle Prinzipien und das Primat des Gemeinwohls droht eine schleichende Auflösung des gesellschaftlichen Fundaments. Die eigentliche intellektuelle und politische Herausforderung unserer Zeit besteht daher darin, jenseits der identitären Grabenkämpfe wieder eine Sprache und eine Praxis des Allgemeinen zu entwickeln.