Am 24. Juni 2026 bebte in Venezuela die Erde. Die Bilder die ich sehe, das Mitleid das ich verspüre und der Zorn auf die – aus meiner Sicht – wahren Ursachen solcher Katastrophen sind der Anlass für diesen Text. Es ist 5:23 als ich mit der Recherche beginne, fertig war ich 11:06.
Denn das Thema ist grundsätzlicher. Warum Erdbeben in armen Ländern systematisch tödlicher sind als in reichen, und warum das kein geologisches Problem ist. Warum Länder mit gigantischem Rohstoffreichtum unter bestimmten Bedingungen ärmer werden statt reicher, und zwar unabhängig davon, ob ihre Regierungen sich sozialistisch, kapitalistisch oder autoritär nennen. Wer von den verschwundenen Milliarden profitiert; dass die Antwort auf diese Frage nicht in Caracas beginnt, sondern in Zürich, Miami, Berlin, Paris und London. Warum internationale Katastrophenhilfe in Milliardenhöhe das zugrundeliegende systematische Problem meistens stabilisiert statt es zu verändern. Und warum die Energiewende denselben Mechanismus gerade wiederholt, mit Lithium und Kobalt statt Öl, in anderen Ländern, bevor irgendjemand aus den alten Fällen Konsequenzen gezogen hat.
Venezuela ist das aktuellste Beispiel. Es ist aber nicht das einzige. Und es wird leider nicht das letzte sein.
Warum Erdbeben in armen Ländern anders töten als in wohlhabenden
Am 12. Januar 2010 bebte in Haiti die Erde. Magnitude 7,0, Hypozentrum 13 Kilometer tief, Epizentrum 25 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince. Zwischen 220.000 und 316.000 Menschen starben [1]. Ein Drittel der Bevölkerung des Landes war betroffen. 250.000 Wohngebäude zerstört, 30.000 Geschäfte. Der wirtschaftliche Schaden überstieg das gesamte Bruttoinlandsprodukt des Landes [2].
Beben ähnlicher Stärke haben andernorts Dutzende oder einige Hundert Tote gefordert. Das Beben in Christchurch, Neuseeland, im Februar 2011 hatte eine Magnitude von 6,3 und forderte 185 Tote [3]. Der Unterschied liegt nicht nur in der Geologie.
Die Professoren Nicholas Ambraseys vom Imperial College London und Roger Bilham von der University of Colorado Boulder haben den Zusammenhang systematisch untersucht und 2011 in Nature publiziert. Ihr Ergebnis, gestützt auf drei Jahrzehnte globaler Erdbebendaten und den Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International, ist so klar wie unangenehm: 83 Prozent aller Todesfälle durch einstürzende Gebäude bei Erdbeben entfallen auf Länder, die korrupter sind als ihr Pro-Kopf-Einkommen erwarten ließe [4]. Die Magnitude erklärt die Opferzahl nicht. Die Bausubstanz erklärt sie. Und die Bausubstanz erklärt die Korruption.
Bauvorschriften existieren in Haiti, wie sie in fast allen Ländern existieren. Sie werden dort, wo Baugenehmigungen käuflich sind und Bauaufsicht als Einkommensquelle gilt, nicht eingehalten. Das ist kein haitianisches Kulturproblem. Es ist das vorhersehbare Ergebnis eines Systems, in dem staatliche Kontrollfunktionen nicht unabhängig funktionieren. Gebäude, die bei einem Beben der Stärke 7,0 in Ländern mit funktionierender Bauaufsicht stehen bleiben, stürzen in Ländern ohne sie ein. Die Physik ist dieselbe. Die Institutionen sind es nicht.
In Venezuela, am 24. Juni 2026, dasselbe Bild. Magnitude 7,2 und 7,5, über 900 bestätigte Tote, 57.000 Vermisste [5]. La Guaira, der wichtigste Hafen und Flughafen des Landes, Katastrophengebiet. In Caracas stürzten Gebäude ein, die seit Jahren als marode galten, in einem Land, das seit Jahren keine Mittel für Infrastrukturinstandhaltung hatte, weil die Mittel anderswo gebraucht wurden, oder verschwunden waren. Die Interimspräsidentin besuchte das Erdbebengebiet. Die Anwohner buhten sie aus [6].
Das Erdbeben hat Venezuela nicht ruiniert. Es hat sichtbar gemacht, was schon ruiniert war. Haiti hat das 2010 gezeigt. Sechzehn Jahre später kontrollieren bewaffnete Banden die Hauptstadt Port-au-Prince [7]. Die internationale Gemeinschaft hatte nach dem Erdbeben 9,4 Milliarden Dollar Wiederaufbauhilfe zugesagt [8]. Das Geld floss, teilweise. Die strukturellen Probleme blieben, vollständig. Weil Geld, das in Systeme ohne funktionierende Institutionen fließt, nicht dort ankommt, wo es gebraucht wird.
Die Katastrophe ist nicht das Erdbeben. Die Katastrophe ist, was vor dem Erdbeben da war. Das Erdbeben macht sie nur sichtbar.
Venezuela: Reichtum und Ruine gleichzeitig
Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. 303 Milliarden Barrel, 17 Prozent der globalen Reserven, mehr als Saudi-Arabien [9]. Das Land importiert Benzin.
Das ist kein Druckfehler und keine Übertreibung. Venezuela importiert Benzin, weil seine eigenen Raffinerien seit Jahren nicht mehr funktionieren, weil die staatliche Ölgesellschaft PDVSA keine Mittel für Wartung und Instandhaltung hatte, weil diese Mittel in den Staatshaushalt abgeführt wurden, weil der Staatshaushalt sie anderweitig verwendete oder sie „verschwanden“. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes ist zwischen 2014 und 2021 um 75 Prozent eingebrochen, ohne Krieg, ohne vorherige Naturkatastrophe [10]. Sieben Millionen Menschen haben das Land verlassen, die größte Emigrationswelle Lateinamerikas außerhalb offener Kriegssituationen [11]. 2018 lag die Inflation bei 130.060 Prozent, nach Daten der venezolanischen Zentralbank, die diese erst 2019 nach fünfjährigem Stillstand veröffentlichte [12].
Woher kommt das?
In den fünfzehn Jahren vor der Krise flossen nach Berechnungen des venezolanischen Wirtschaftswissenschaftlers José Guerra, ehemaligem Ökonom der Zentralbank, knapp eine Billion Dollar an Öleinnahmen und Krediten in den venezolanischen Staatshaushalt [13]. Gleichzeitig stiegen die Auslandsschulden auf über 150 Milliarden Dollar [14]. Jorge Giordani, Planungsminister unter Chávez und kein Oppositionspolitiker, schätzte nach seinem Rücktritt 2014, dass allein aus dem Devisenkontrollsystem CADIVI über ein Jahrzehnt rund 300 Milliarden Dollar „verschwunden“ sind [15]. Die linke venezolanische Organisation Marea Socialista bezifferte in zwei Studien (2014 und 2015) das veruntreute Staatsvermögen als „höher als den gesamten für Sozialprogramme budgetierten Betrag (sic!)“ von ca. 171 Milliarden Dollar [16]. Das sind keine Schätzungen von US-Denkfabriken oder der venezolanischen Rechten. Das sind Zahlen aus dem System selbst, von Leuten, die dabei saßen.
Wer daraus schließt, die Chávez-Ära sei schlicht Misswirtschaft und Plünderung gewesen, macht es sich zu einfach. Die Sozialprogramme dieser Zeit haben funktioniert. Die Armutsrate sank zwischen 2003 und 2008 von 55 auf 27 Prozent [17]. Alphabetisierungsrate, Säuglingssterblichkeit, Zugang zu sauberem Trinkwasser, alle verbesserten sich messbar. PDVSA zahlte in sechzehn Jahren ca. 178 Milliarden Dollar in zweckgebundene Fonds für Sozialprogramme und weitere 86 Milliarden für Infrastruktur [18].
Beides ist wahr. Realer sozialer Fortschritt und systematische Plünderung, gleichzeitig, aus denselben Einnahmen, in derselben Ära. Das ist kein Widerspruch, den man auflösen müsste. Das ist die Beschreibung des Systems: Sozialprogramme als politisches Legitimationsinstrument, Parallelbudgets ohne parlamentarische Kontrolle als Plünderungsinstrument, und beides funktioniert solange der Ölpreis hoch genug ist, um beides zu finanzieren.
2014 fiel der Ölpreis. Und die Einnahmen brachen um 80 Prozent ein, von 78 auf 15 Milliarden Dollar binnen zwei Jahren [19]. Die Sozialprogramme kollabierten. Die Plünderung lief weiter, jetzt auf Kosten der Substanz. PDVSA führte immer größere Anteile seiner Einnahmen an den Staat ab, investierte immer weniger in Förderinfrastruktur, die Poltische Klasse ersetzte entlassene Fachleute durch eigene Loyalisten; PDVSA verlor Produktionskapazität, produzierte weniger, hatte weniger abzuführen, verlor mehr Kapazität. Ein Kreislauf, der nur eine Richtung kennt.
Zwischen 2020 und 2023 hat ein Reuters-Audit ergeben, dass PDVSA von 25,27 Milliarden Dollar fakturierten Ölexporten nur 4,08 Milliarden tatsächlich vereinnahmte [20]. Tanker liefen ohne Zahlungsbelege aus. Verträge wurden bewusst nicht in das Vertragsverwaltungssystem aufgenommen. Das sind PDVSA-Manager, die sicherstellten, dass keine Spuren entstehen.
Das Land, das jetzt unter Trümmern liegt, war schon vor dem Beben unter Trümmern. Die waren nur nicht aus Beton.
Das globale Muster: andere Länder, gleiche Mechanismen
Wer Venezuela als Beweis liest, dass linke Wirtschaftspolitik zwangsläufig in Katastrophen endet, sollte sich Angola ansehen. Angola war über 38 Jahre unter José Eduardo dos Santos rechtsautoritär regiert, der Ölkonzern Sonangol professionell geführt, keine bolivarische Revolution, kein Sozialismus des 21. Jahrhunderts. 2018 machten Kraftstoffexporte 92 Prozent der Gesamtexporte aus, Ölrenten 25,6 Prozent des BIP [21]. Angola rangiert auf Platz 148 von 189 im UN-Entwicklungsindex (HDI 2019) [22].
Nigeria. Formal demokratisch, mit regelmäßigen Wahlen, Gewaltenteilung auf dem Papier, lebhafter Zivilgesellschaft. Erdölexporte machen 94 Prozent der Gesamtexporte aus [21]. Nigeria rangiert auf Platz 161 (HDI 2019) [22]. Die Demokratische Republik Kongo verfügt über Kobalt, Kupfer, Coltan, Gold und Diamanten in einer Konzentration, die das Land theoretisch zu einem der reichsten der Welt machen müsste. Es ist eines der ärmsten. Seit Jahrzehnten finanziert der Rohstoffreichtum bewaffnete Gruppen, ausländische Konzerne und korrupte Eliten, in wechselnden Koalitionen und mit wechselnden Etiketten, aber mit konstantem Ergebnis für die Bevölkerung.
Rechtsautoritär, linksautoritär, formal demokratisch: das politische System erklärt die Katastrophe nicht. Es verwaltet sie nur mit unterschiedlicher Rhetorik.
Was die Fälle verbindet, ist eine Logik, die Wirtschaftswissenschaftler als Rentierstaatlichkeit beschreiben. Staaten, die sich über Rohstoffeinnahmen finanzieren statt über Steuern, brauchen keine Rechenschaft gegenüber der Bevölkerung. Steuern erzwingen einen Gesellschaftsvertrag: der Staat nimmt, also muss er auch liefern, und die Bürger haben ein Interesse daran, zu kontrollieren, was mit ihrem Geld passiert. Rohstoffeinnahmen kommen aus dem Boden, nicht aus der Gesellschaft. Der Staat verteilt nach Ermessen, belohnt Loyalität, bestraft Opposition, und Institutionen, die Kontrolle ausüben könnten, werden zur Fassade oder zur Bedrohung, je nachdem wie viel Widerstand sie leisten.
Es gibt Ausnahmen, und sie sind lehrreich. Norwegen finanziert seit den 1970er Jahren über einen Staatsfonds Teile seiner Zukunft aus Öleinnahmen, ohne in die Ressourcenfalle getappt zu sein. Botswana hat Diamantenreichtum in vergleichsweise stabile Entwicklung umgewandelt [23]. Was dabei meistens nicht erwähnt wird: Norwegen hatte funktionierende und unabhängige Institutionen, eine etablierte Rechtsstaatlichkeit und eine aktive Zivilgesellschaft, lange bevor das erste Öl gefördert wurde. Botswana hatte beim Unabhängigkeitszeitpunkt 1966 kaum Staatsstrukturen, baute sie aber ohne den Druck eines sofortigen Rohstoffbooms auf, bevor der Diamantenreichtum voll erschlossen wurde.
Institutionen, die Kontrolle über Rohstoffeinnahmen ermöglichen, lassen sich nicht rückwirkend installieren. Sie müssen da sein, bevor der Rohstoff kommt, oder sie entstehen im Kampf gegen denjenigen, der ihn kontrolliert. Dieser Kampf ist selten gewaltfrei und noch seltener erfolgreich, wenn der Staat mit Rohstoffmilliarden ausgestattet ist und die Opposition nicht.
Venezuela hat diese Institutionen ab 2003 systematisch demontiert. Nigeria hat sie nie wirklich aufgebaut. Angola hat sie von Anfang an verhindert. Das Ergebnis ist strukturell ähnlich, die Rhetorik ist es nicht.
Die Vorgeschichte: Bevor es Staatskonzerne gab
Der Ressourcenfluch wird meistens ab dem Moment erzählt, in dem ein Land seinen Rohstoff verstaatlicht. Venezuela 1976, Nigeria in den 1970ern, Angola nach der Unabhängigkeit 1975. Als hätte die Geschichte dort begonnen, wo die westlichen Konzerne aufhörten, direkt zu kassieren.
Das ist eine bequeme Erzählung.
Bevor PDVSA existierte, förderte Shell in Venezuela. Bevor die nigerianische Staatsgesellschaft NNPC die Kontrolle übernahm, war es Shell ebenfalls, zusammen mit Chevron und anderen. Die Konzessionsverträge, die westliche Ölkonzerne im frühen 20. Jahrhundert mit venezolanischen Regierungen abschlossen, waren strukturell extraktiv: Rohstoff raus, Gewinne ins Ausland, minimale Steuern, keine Reinvestitionspflichten, keine Entwicklungsverpflichtungen.
1929 war Venezuela der größte Erdölexporteur der Welt [24]. Die Gewinne flossen zu einem überwältigenden Teil ins Ausland. Die Bevölkerung blieb arm. Erst Ende der 1940er Jahre gelang es dem venezolanischen Staat, das Fifty-Fifty-Modell durchzusetzen: 50 Prozent der Einnahmen für den Fiskus, 50 Prozent für die internationalen Konzerne [25]. Das galt damals als revolutionärer Durchbruch in der Ressourcenpolitik, und andere Förderländer übernahmen das Modell. Die andere Hälfte der Geschichte ist, dass 50 Prozent für internationale Konzerne in einem Land, das den Rohstoff im Boden hatte, immer noch eine Extraktion war, die keine lokale Wirtschaft aufbaute, keine Diversifizierung erzwang und keine Institutionen stärkte.
Die Verstaatlichungen der 1970er Jahre waren keine Abkehr vom Extraktivismus. Sie waren seine Übernahme durch lokale Eliten. Der Rohstoff blieb im Zentrum. Die Gewinne flossen jetzt in einen nationalen Staatshaushalt statt direkt ins Ausland. Aber die Grundstruktur blieb: eine Volkswirtschaft, die sich über einen einzigen Rohstoff finanziert, keine diversifizierte Industrie aufbaut, Importe mit Öleinnahmen bezahlt statt sie zu produzieren.
Der venezolanische Ölminister und OPEC-Mitgründer Juan Pablo Pérez Alfonzo sagte in den späten 1970er Jahren einen Satz, der seither oft zitiert wird: Öl sei nicht das schwarze Gold, sondern der Teufelskot [26]. Er meinte damit nicht die Substanz, sondern die politische Ökonomie, die sie erzeugt. Er hatte sie von innen beobachtet, jahrzehntelang, und er hatte gesehen, was sie mit Staaten macht, die sich ihr ausliefern.
Die Konzerne kämpften mit Verträgen und Bestechung. Die Nationalstaaten kämpften mit Verstaatlichung und Militär. Die Erben dieser Nationalstaaten kämpfen mit Parallelbudgets, Loyalistennetzen und, wo nötig, Gewalt. Der Rohstoff ist derselbe. Der Mechanismus auch.
Wer das Geld bekommt
Korruption in Rohstoffstaaten wird als lokales Versagen erzählt. Korrupte Politiker, schwache Institutionen, schlechte Regierungsführung. Die Lösung, die daraus folgt, ist entsprechend lokal: bessere Gesetze, mehr Transparenz, Antikorruptionsbehörden, internationale Auflagen. Das ist nicht falsch. Es ist unvollständig, weil es die Frage nicht stellt, wohin das Geld fließt.
Es fließt nicht ins Nichts.
Das US-Justizministerium deckte 2018 auf, dass venezolanische Ex-Funktionäre gemeinsam mit Unternehmern verschiedener Nationalitäten PDVSA-Gelder in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar in Florida gewaschen hatten, über Immobilienkäufe und Briefkastenfirmen [27]. Die Schweizer Bundesanwaltschaft gab Daten von 18 Banken frei, die Geschäftsbeziehungen zu PDVSA unterhielten [28]. Darunter Julius Bär, eine Zürcher Privatbank, deren aufsteigender Star für Lateinamerika über hervorragende Beziehungen bis in höchste Kreise in Venezuela verfügte. Die Finanzmarktaufsicht FINMA eröffnete ein Enforcement-Verfahren [28]. Es folgte eine Buße. Die Struktur blieb.
Das ist kein venezolanischer Einzelfall. Es ist das Standardmodell. Geld, das in einem Rohstoffstaat aus dem Staatshaushalt verschwindet, braucht einen Ort, an dem es ungefragt ankommt. Dieser Ort ist selten in Caracas oder Lagos. Er ist in Genf, in Delaware, in den Cayman Islands, in Londoner Immobilien und Madrider Anwaltskanzleien. Die Finanzinfrastruktur, die Kapitalflucht aus armen Ländern ermöglicht, ist nicht illegal, bis sie es ist. Und selbst dann folgen Bußgelder, keine Strukturveränderungen.
Das Reuters-Audit von 2023 hat für den Zeitraum 2020 bis 2023 dokumentiert, dass PDVSA von 25,27 Milliarden Dollar fakturierten Ölexporten nur 4,08 Milliarden tatsächlich vereinnahmte [20]. Tanker liefen ohne Zahlungsbeleg aus. Verträge wurden bewusst nicht in das interne Verwaltungssystem aufgenommen. PDVSA-Manager, die das ermöglichten, wurden verhaftet. Keiner der ausländischen Empfänger auf der anderen Seite der Transaktion wurde bisher strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen.
Und der aktuelle Stand, nach Maduros völkerrechtswidrigen Kidnapping durch die USA im Januar 2026, ist in dieser Hinsicht kein Fortschritt. Die USA kontrollieren venezolanische Öleinnahmen über Konten in Katar und beim US-Finanzministerium [29]. Ein Staatszeuge des Außenministeriums bestätigte dem Kongress im April 2026, dass etwa 3 Milliarden Dollar angewiesen worden seien. Wie viel davon in Venezuela ankam, wusste der Zeuge nicht [29]. Neues Kapitel. Alte Logik.
Der nächste Rohstoff, das nächste Land
Die Energiewende ist notwendig. Sie wiederholt trotzdem gerade dasselbe Muster, mit anderen Rohstoffen und anderen Ländern, bevor irgendjemand aus den alten Fällen Konsequenzen gezogen hat.
Lithium für Batterien. Kobalt für Kathoden. Seltene Erden für Elektromotoren und Windturbinen. Die Demokratische Republik Kongo produziert etwa 70 Prozent des weltweiten Kobalts [30]. Bolivien verfügt über einen der größten nachgewiesenen Lithiumvorräte der Welt [31]. Namibia, Chile, Indonesien liefern die übrigen kritischen Mineralien, von denen die Dekarbonisierung der reichen Länder abhängt.
Der Kongo hat über ein Jahrzehnt seine Nationalökonomie auf Kobalt ausgerichtet. Dann haben Batterielabore in China die Chemie geändert: Lithium-Eisenphosphat-Zellen kommen ohne Kobalt aus. Der Kobaltpreis halbierte sich zwischen 2022 und 2024 [30]. Im Jahr 2025 suspendierte der Kongo seine Kobaltexporte, um den Preisverfall aufzuhalten [30]. Die Bevölkerung der Abbauregionen hatte vom Jahrzehnt des Booms wenig gesehen, außer seinen Folgen: kontaminiertes Grundwasser, Kinderarbeit in den Minen, bewaffnete Gruppen, die die Fördergebiete kontrollieren. Das klingt bekannt, weil es bekannt ist.
Die Abnehmerseite, also die reichen Länder, die diese Rohstoffe für ihre Energiewende brauchen, stellt keine ernsthaften strukturellen Bedingungen. Es gibt Transparenzinitiativen, Nachhaltigkeitszertifikate, Due-Diligence-Gesetze, die an den Außengrenzen der Lieferketten greifen, aber nicht an den Strukturen, die Extraktivismus erst ermöglichen. Die Energiewende der reichen Länder ist in dieser Hinsicht moralisch nicht sauberer als die Ölwirtschaft des 20. Jahrhunderts. Sie ist nur grüner eingefärbt.
Warum internationale Hilfe das System nicht ändert
Nach dem Erdbeben in Haiti 2010 mobilisierte die internationale Gemeinschaft 9,4 Milliarden Dollar Wiederaufbauhilfe [8]. Es war die größte humanitäre Mobilisierung, die die Karibik je gesehen hatte. Sechzehn Jahre später hat Haiti kein funktionierendes Staatswesen. Bewaffnete Banden kontrollieren Port-au-Prince und wichtige Überlandrouten (Stand 2024) [7]. Ein weiteres schweres Erdbeben der Magnitude 7,2 traf das Land im August 2021 [32]. Ein Cholera-Ausbruch folgte 2022 [33].
Die 9,4 Milliarden Dollar haben das nicht verhindert. Warum nicht?
Nicht weil zu wenig Geld da war. Nicht weil die Hilfsorganisationen inkompetent waren. Sondern weil Geld, das in ein System ohne funktionierende Institutionen fließt, die Logik dieses Systems nicht verändert, sondern ihr folgt. Mittel, die über staatliche Kanäle laufen, werden von denjenigen verwaltet, die die staatlichen Kanäle kontrollieren. Mittel, die an staatlichen Kanälen vorbeigehen und direkt an NGOs fließen, bauen Parallelstrukturen auf, die den Staat weiter schwächen. Beide Wege hat Haiti durchlaufen. Beide haben das strukturelle Problem nicht gelöst, weil das strukturelle Problem nicht Geldmangel war.
Das humanitäre Modell ist auf akute Krisen ausgelegt: Nahrung, Wasser, medizinische Versorgung, Notunterkünfte. Das ist notwendig und rettet Leben. Es ist nicht ausgelegt auf die Frage, warum die Krise entstand und warum sie sich wiederholt. Diese Frage ist politisch, und humanitäre Organisationen operieren in einem Mandat, das politische Fragen vermeidet, weil politische Fragen den Zugang gefährden. Das ist eine verständliche operative Logik. Sie hat als Nebeneffekt, dass die strukturellen Ursachen von Krisen im humanitären Diskurs systematisch unterbelichtet bleiben.
Venezuela wird jetzt dasselbe durchlaufen. In einigen Monaten wird die Aufmerksamkeit nachlassen, die Mittel versiegen, die Koordination sich auflösen. Was bleibt, ist ein Land, das vor dem Erdbeben bereits in einer strukturellen Krise war und das nach dem Erdbeben in derselben strukturellen Krise ist, mit zusätzlichen Trümmern.
Das ist keine Kritik an den Menschen, die helfen. Es ist eine Kritik an einem System, das humanitäre Hilfe als Antwort auf politische Probleme akzeptiert hat, weil politische Antworten unbequemer sind und mehr kosten, nicht nur in Geld, sondern in Verantwortung.
Fazit
Der Ressourcenfluch ist kein Naturgesetz. Er ist auch kein kulturelles Versagen bestimmter Völker oder politischer Systeme, auch wenn er in der westlichen Berichterstattung gelegentlich so klingt. Er ist das vorhersehbare Ergebnis einer Konstellation: Rohstoffreichtum ohne unabhängige Institutionen, kombiniert mit einer globalen Finanzinfrastruktur, die Kapitalflucht erleichtert und nicht ernsthaft bestraft, und Abnehmermärkten, die keine strukturellen Bedingungen stellen, weil sie den Rohstoff brauchen und die Bedingungen den Preis erhöhen würden.
Venezuela ist in diesem Bild kein Sonderfall. Es ist ein Extremfall. Haiti ist auch kein Sonderfall. Nigeria, Angola, der Kongo sind auch keine Sonderfälle. Sie sind Varianten desselben Musters, mit verschiedenen Rohstoffen, verschiedenen Regierungsformen und verschiedener Rhetorik, aber konstantem Ergebnis für die Bevölkerungen, die auf dem Rohstoff sitzen und von ihm nichts haben. Und die Profiteur sind nicht nur irgendwelche Manager, das sind wir alle.
Wenn in Caracas jetzt Rettungskräfte in Trümmern nach Überlebenden suchen, suchen sie auch in den Folgen von Jahrzehnten institutionellen Versagens, das Venezuela nicht allein produziert hat. Die Bauvorschriften, die nicht galten, weil sie käuflich waren. Die Infrastruktur, die nicht instandgehalten wurde, weil die Mittel verschwunden waren. Die staatlichen Strukturen, die nicht funktionierten, weil ihre Unabhängigkeit systematisch demontiert worden war. Das alles hatte Beteiligte in Caracas. Es hatte auch Beteiligte, um nicht zu sagen mitverantwortliche u.a. in Zürich, Paris, London, Peking, Tokyo, Berlin und Washington.
Ich erwarte und befürchte, dass die Berichterstattung über Venezuela in den nächsten Wochen vor allem Bilder aus den Trümmern zeigen wird, Opferzahlen, Spendenaufrufe, Berichte über internationale Hilfslieferungen. Das ist nicht falsch. Es ist aber massiv unvollständig, solange die Trümmer primär nur als Ergebnis von Tektonik und lokaler Korruption beschrieben werden und nicht als Ergebnis von Strukturen, die niemand allein gebaut hat und für die deshalb niemand allein verantwortlich gemacht werden kann.
Das Erdbeben hat Venezuela nicht ruiniert. Es hat sichtbar gemacht, was schon ruiniert war. Das ist der Unterschied. Er zählt.
Quellen
[1] und [2] Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_in_Haiti_2010
[3] GeoNet New Zealand / USGS: Christchurch-Erdbeben, 22. Februar 2011, Magnitude 6,3, 185 Tote.
[4] Ambraseys, N. & Bilham, R. (2011): Corruption kills. Nature, 469, 153–155. DOI: 10.1038/469153a. Publiziert 13. Januar 2011.
[5] Wikipedia: Erdbeben in Venezuela 2026. Stand 26. Juni 2026 morgens. https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_in_Venezuela_2026
[6] ZDF: Rodríguez bei Besuch im Erdbebengebiet ausgebuht, 26. Juni 2026.
[7] bpb.de: Haiti — Kriege und Konflikte. Stand Oktober 2024. https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/328218/haiti/
[8] Welthungerhilfe: Zehn Jahre nach dem Erdbeben in Haiti. Januar 2020. https://www.welthungerhilfe.de/presse/pressemitteilungen/2020/zehn-jahre-nach-dem-erdbeben-in-haiti
[9] Deutsche Rohstoffagentur (DERA): Erdöl in Venezuela — eine Einordnung. Februar 2026. https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/SharedDocs/Meldungen/meldung-26-02-09-venezuela.html
[10] FocusEconomics: Venezuela Economy. GDP contraction 2014–2021. https://www.focus-economics.com/countries/venezuela/
[11] UNHCR / IOM: Venezolanische Emigration. Stand 2025, ca. 7,7 Millionen Venezolaner außer Landes.
[12] Wikipedia: Economy of Venezuela. Zentralbankdaten, veröffentlicht Mai 2019: Inflation 274% (2016), 863% (2017), 130.060% (2018).
[13] José Guerra, venezolanischer Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Zentralbankökonom https://venezuela.de/land-leute/politik-wirtschaft/
[14] erlassjahr.de: Venezuela. Gesamtschuldenstand Ende 2017 ca. 150 Mrd. USD. https://erlassjahr.de/laenderinfos/venezuela/
[15] Wikipedia: Korruption in Venezuela. Giordani-Schätzung nach Rücktritt 2014. https://de.wikipedia.org/wiki/Korruption_in_Venezuela
[16] Korruption in Venezuela. Marea Socialista, Studien 2014 und 2015. https://rebelion.org/sinfonia-de-un-desfalco-a-la-nacion-tocata-y-fuga-de-capitales/
[17] Moody’s Analytics / Economy.com: Venezuela Economic Indicators. Armutsreduktion unter Chávez, soziale Investitionen.
[18] GegenStandpunkt: Venezuela. PDVSA-Sozialausgaben 178 Mrd. USD und Infrastruktur 86 Mrd. USD in 16 Jahren. https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/venezuela
[19] Venezuela Oil Industry Statistics / gitnux.org: Öleinnahmen 2014 ca. 78 Mrd. USD, 2016 ca. 15 Mrd. USD.
[20] Reuters / venezuelanalysis.com: PDVSA accumulated $21.2B in unpaid oil sales. März 2023. https://venezuelanalysis.com/news/15730/
[21] Offshore Technology Focus / The Conversation: Angola und Nigeria Ölexportanteile 2018. https://offshore.nridigital.com/offshore_technology_focus_aug21/oil_resource_curse
[22] UNDP Human Development Index 2019: Angola Rang 148, Nigeria Rang 161.
[23] Economics Help: Resource Curse — Explanation and Examples. Norwegen und Botswana als Gegenbeispiele. https://www.economicshelp.org/blog/glossary/resource-curse/
[24] und [25] bpb.de: Fluch der Ressourcen? Venezuela. Fifty-Fifty-Modell, Ende 1940er Jahre.
[26] Juan Pablo Pérez Alfonzo: Zitat „Teufelskot“ (spanisch: „el excremento del diablo“), späte 1970er Jahre. Überliefert u.a. bei: Yale Climate Connections: Five keys to understanding Venezuela’s oil history. Januar 2026.
[27] Blickpunkt Lateinamerika: Geldwäsche-Skandal um PdVSA. August 2018. US-Justizministerium, 1,2 Mrd. USD Florida. https://www.blickpunkt-lateinamerika.de/artikel/geldwaesche-skandal-um-staatlichen-oel-konzern-pdvsa/
[28] NZZ: Das kranke Herz der venezolanischen Wirtschaft. Februar 2017 https://www.nzz.ch/wirtschaft/erdoelkonzern-pdvsa-das-kranke-herz-der-venezolanischen-wirtschaft-ld.143099
[29] Council on Foreign Relations: The U.S. Took Over Venezuela’s Oil Industry. Where Has All the Money Gone? Juni 2026. https://www.cfr.org/articles/the-u-s-took-over-venezuelas-oil-industry-where-has-all-the-money-gone
[30] Foreign Affairs: The New Resource Curse. Mai 2026. Kobalt, DRC, Preisverfall, Exportstopp 2025. https://www.foreignaffairs.com/united-states/new-resource-curse
[31] USGS / IEA: Bolivien Lithiumreserven. Einer der drei größten nachgewiesenen Vorräte weltweit (neben Chile und Argentinien), Stand 2024.
[32] das-erdbeben.de: Haiti — Erdbeben 2021. Magnitude 7,2, August 2021. https://www.das-erdbeben.de/haiti.htm
[33] ZDF heute: 15 Jahre nach dem Erdbeben in Haiti. Januar 2025. Cholera-Ausbruch ab Oktober 2022. https://www.zdfheute.de/politik/ausland/haiti-erdbeben-2010-folgen-entwicklungshilfe-gangs-kriminalitaet-100.html

Wenn Entwicklungshilfe in Strukturell korrupten Ländern nix ändert und sowieso nur auf den Konten der Korrupten Herrscher landet und somit die Schweiz reicher macht. Wäre es da nicht sinnvoll dann die Entwicklungshilfe einzustellen und das Geld in Deutsche Krankenhäuser zu stecken, z.B. mal die Klimaanlagen anschaffen für die bisher das Geld gefehlt hat ? Oder die eigene Wirtschaft modernisieren ?
Wäre mir als Bürger ja irgendwie lieber als immer mehr Steuern zur Wirtschaftlichen Förderung von Schweizer Großbanken zahlen zu müssen. Wie seht ihr Piraten das ?