Wenn man feste politische Überzeugungen hat und keine Möglichkeit, diese zu realisieren, kommt man ab und zu zum nachzudenken. Auch ich mache das, einfach weil es nicht zu tun nicht sehr klug wäre.
Diesmal landete ich bei einer Frage, die mich schon länger beschäftigt: Warum werde ich, obwohl ich mich politisch als pazifistisch und anarchistisch verstehe, von einigen, die sich dort ebenfalls verorten, mit der „No-true-Scotsman“-Argumentation ziemlich heftig angegangen? Weil ich als GenX-Nerd keine „linke Kleidung“ trage? Weil die alle doof sind? Eher nicht. Ich befürchte es ist etwas anders. Ich glaube das beide Ideen, der Pazifismus wie der Anarchismus, an drei strukturellen Problemen, die sie teilen und die sich nicht wegdiskutieren lassen, egal wie überzeugend die Grundthese ist, scheitern.
- Das erste ist die anthropologische Prämisse: Die Vorstellung, Menschen könnten ohne Herrschaft und ohne Gewalt auskommen, setzt eine Gesellschaft voraus, die mehrheitlich aus Menschen besteht, die das wollen und können, während sie tatsächlich auch einen kleineren, aber folgenreichen Anteil enthält, der aktiv davon profitiert, dass andere an das Gute im Menschen glauben.
- Das zweite ist das Durchsetzungsproblem: Beide Ideen haben keine strukturelle Antwort darauf, was passiert, wenn jemand die Regeln bricht und keine Instanz da ist, die das sanktioniert. Schulhofschlägertypen können nur dann nicht durcheskalieren, wenn es eine Aufsicht gibt, und das gilt nach meiner Beobachtung für Schulhöfe, Arbeitsplätze, Politik und Staaten gleichermaßen.
- Das dritte ist die Schutzparadoxie: Beide Ideen brauchen äußere Bedingungen, die sie selbst nicht herstellen können, um überhaupt praktizierbar zu sein, und schweigen darüber, wer diese Bedingungen eigentlich sichert.
Die Idee, die ihre eigenen Feinde produziert
Ich halte den Anarchismus für eine der intellektuell redlichsten politischen Positionen, die es gibt, und das sage ich nicht ohne Vorbehalt. Die Grundthese, dass Herrschaft nicht naturnotwendig ist, sondern eine historisch gewachsene, interessengeleitete Konstruktion, ist schwer zu widerlegen. Wer die Geschichte des Staates nüchtern liest, findet darin weniger den Garanten des Gemeinwohls als das Instrument derjenigen, die ihn kontrollieren. Kropotkin, Bakunin, Proudhon: Das sind keine Träumer, sondern Analytiker, die eine Frage stellen, die bis heute niemand überzeugend beantwortet hat, nämlich warum Herrschaft legitim sein soll, nur weil sie existiert.
Soweit die Stärke. Die Schwäche liegt, wie ich es sehe, nicht in der Theorie, sondern in der anthropologischen Voraussetzung. Anarchismus funktioniert mit Menschen, die Kooperation als Eigeninteresse begreifen, die Konflikte ohne externe Sanktionsdrohung lösen können und die bereit sind, die eigene Freiheit dort zu begrenzen, wo sie die Freiheit anderer beschädigt. Das gibt es. Es gibt Gemeinschaften, Kollektive, historische Episoden, in denen genau das funktioniert hat. Katalonien 1936 ist kein Mythos, sondern ein belegtes Experiment, das unter äußerem Druck, nicht an inneren Widersprüchen gescheitert ist.
Das Problem ist der Rest. Jede herrschaftsfreie Struktur, die ich kenne, zieht einen spezifischen Typus an: denjenigen, der in Abwesenheit von Regeln nicht Kooperation sucht, sondern Vorteil. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine empirische Beobachtung (auch in meiner Partei, vor allem in den Jahren 2009-2013). Wer keine Angst vor Konsequenzen haben muss, weil es keine institutionalisierte Durchsetzung gibt, verhält sich anders als jemand, der weiß, dass Überschreitungen Folgen haben. Der Anarchismus hat auf dieses Problem keine überzeugende strukturelle Antwort (außer ggf. Vigilantentum), und das ist sein eigentliches Dilemma: Er löst das Herrschaftsproblem, indem er es durch ein Durchsetzungsproblem ersetzt.
Ich meine trotzdem, dass das kein Argument für den Staat als solchen ist, sondern ein Argument für die Ehrlichkeit darüber, was Anarchismus leisten kann und was nicht. Als Gesellschaftsentwurf für eine Gemeinschaft, die aus kooperationsbereiten, reflektierten Menschen besteht, ist er dem Staat in fast jeder Hinsicht überlegen. Als universelle Blaupause für eine Gesellschaft, die auch Schulhofschläger, Opportunisten und Machtmenschen enthält, scheitert er nicht an der Idee, sondern an deren Anwendungsbedingungen. Das ist dieselbe Struktur wie beim Pazifismus, und das ist kein Zufall, denn beide setzen im Kern auf dasselbe: die Vernunft und den guten Willen des Gegenübers als tragfähige Grundlage. Manchmal ist das genug. Meistens reicht es nicht.
Das beste Motiv, das die Welt nicht verdient
Ich halte sowohl Kant als auch Clausewitz für im Recht, und das ist kein Widerspruch, weil beide verschiedene Fragen beantworten: Clausewitz beschreibt mehr, wie die Welt funktioniert, während Kant vor allem beschreibt, wie sie funktionieren sollte. Wer Gewalt grundsätzlich ablehnt, weil sie menschliche Würde zerstört, unabhängig von Seite, Anlass und militärischer Notwendigkeit, steht nach meinem Verständnis auf solidem ethischen Grund. Das ist keine Sentimentalität, sondern eine philosophische Position mit mehr Substanz als die meisten ihrer Alternativen.
Das Problem ist die versteckte Prämisse: Pazifismus als Handlungsstrategie setzt aber voraus, dass das Gegenüber durch Argumente, Deeskalation oder moralischen Druck erreichbar ist; wo diese Voraussetzung nicht gilt, scheitert er nicht an sich selbst, sondern an seiner Umgebung. Eine Welt, in der Schulhofschläger Grenzen ziehen und Ex-Geheimdienstler Verhandlungsergebnisse mit Raketen auf Wohnhäuser kommentieren, ist schlicht nicht die Welt, für die dieser Ansatz entworfen wurde. Ich meine, wer das ernst nimmt, muss zwischen der ethischen Gültigkeit einer Position und ihrer politischen Reichweite unterscheiden: Pazifismus bleibt wahr, er bleibt nur nicht ausreichend.
Wenn der Glaube Analyse ersetzt
Die utopische Variante des Pazifismus formuliert Gewaltlosigkeit als absolutes Prinzip, unabhängig von Konsequenzen, Kontext und Gegenüber, und das ist meiner Einschätzung nach kein politisches Programm, sondern eine ethische Grundhaltung, die an die Stelle einer politischen Analyse getreten ist. Das hat seine Berechtigung, denn Utopien setzen Maßstäbe. Wer sagt, Krieg darf nie das erste Mittel sein, hat etwas Richtiges gesagt. Wer sagt, Krieg darf niemals ein Mittel sein, hat eine Glaubensüberzeugung, und beides ist möglich, aber nur eines davon taugt als Handlungsanleitung in einer Situation, in der jemand bereits schießt.
Das Problem ist, wie ich es wahrnehme, nicht der utopische Pazifismus selbst, sondern die Weigerung seiner Vertreter, diesen Unterschied zu benennen. Wer die eigene absolute Position als politische Analyse verkauft, macht sich und anderen etwas vor und schadet dem Pazifismus als gesellschaftlicher Kraft nachhaltiger als jeder Kritiker von außen.
Gewalt durch Schuldgefühl
Eine Variante des Pazifismus ist aus meiner Perspektive (und auch Erfahrung) die unangenehmste: Sie nennt sich Pazifismus, operiert aber mit moralischem Druck als Herrschaftsmittel. Wer Selbstverteidigung verteidigt, wird nicht widerlegt, sondern disqualifiziert. Wer Waffenlieferungen in einen laufenden Angriffskrieg befürwortet, gilt nicht als jemand mit einer anderen Risikoabwägung, sondern als jemand mit schlechtem Charakter, und die eigene Gewaltlosigkeit wird zur Überlegenheitsaussage, aus der das Recht folgt, andere unter Druck zu setzen. Das ist definitiv keine Haltung, sondern Aggression mit sauberem Gewissen. Die Weigerung, zwischen Angreifer und Verteidiger zu unterscheiden, ist keine konsequente Neutralität, sondern eine politische Entscheidung, die den Angreifer begünstigt.
Anarchist, Pazifist, Realist: kein Widerspruch
Die Frage, die sich mir an diesem Punkt stellt, lautet: Muss man sich entscheiden? Ich meine: nein, aber man muss aufhören, ethische Grundhaltung und politische Handlungsstrategie auf derselben Ebene zu behandeln. Wer Gewalt grundsätzlich für falsch hält und Herrschaft für grundsätzlich unnötig, kann gleichzeitig realistisch einschätzen, unter welchen Bedingungen diese Positionen anwendbar sind, weil der Realismus der Überzeugung nicht widerspricht, sondern die Distanz beschreibt zwischen dem, was richtig wäre, und dem, was gerade möglich ist.
Das ist nach meinem Verständnis keine Kapitulation, sondern Orientierung: ein Kompass zeigt die Richtung, ohne zu behaupten, der Weg sei gerade. Wer Krieg für grundsätzlich falsch und Herrschaft für grundsätzlich unnötig hält und genau deshalb daran arbeitet, die Bedingungen zu verändern, unter denen beides unvermeidlich erscheint, ist aus meiner Sicht konsistenter als sowohl der Utopist, der so tut, als gäbe es die Schulhofschläger nicht, als auch der Zyniker, der so tut, als wäre der gegenwärtige Zustand das Naturgesetz.
Worüber alle schweigen
Welche Bedingungen mache Pazifismus eigentlich möglich? Das ist die Frage, über die ich alle drei Varianten des Pazifismus schweigen sehe, und sie geht tiefer als Demonstrationsrecht und Meinungsfreiheit. Wer als Pazifist lebt, wer Gewalt aus dem eigenen Leben konsequent heraushält, tut das in einem Raum, den er sich nicht selbst geschaffen hat: Ein Rechtsstaat (also in der Regel die implizite Androhung von Gewalt durch diesen Staat) sorgt dafür, dass Konflikte nicht mit Fäusten entschieden werden; das ist nach meiner Einschätzung nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis von Strukturen, die Gewalt monopolisieren und damit eindämmen.
Dahinter steht eine Ebene, die ich noch unbequemer finde: Die Gesellschaft, in der Pazifismus als Lebensentwurf überhaupt möglich ist, existiert nicht im luftleeren Raum, sondern weil es Kräfte gibt, die verhindern, dass imperialistische Logik einfach weitermacht, wenn sie auf keine Gegenwehr trifft. Wer die Geschichte der letzten hundert Jahre gelesen hat, weiß, was passiert, wenn eine Gesellschaft auf einen Nachbarn trifft, dem Verhandlung nichts bedeutet und Stärke alles Fragt mal die Niederländer. Militär als Institution ist aus meiner Perspektive nicht das Gegenteil von Pazifismus, sondern die strukturelle Bedingung, unter der Pazifismus als gesellschaftliche Praxis überhaupt existieren kann. Das ist kein Argument für Aufrüstung um ihrer selbst willen, aber eine Tatsache, der sich niemand nicht entziehen kann.
Der unbequeme Satz am Ende
Wer Pazifismus ernstnimmt, benennt diese Abhängigkeit, und wer Anarchismus ernstnimmt, tut dasselbe. Beide Ideen brauchen Bedingungen, die sie selbst nicht herstellen können, und beide haben Vertreter, die darüber schweigen, weil das Eingeständnis unbequem ist. Das ist kein Argument gegen die Ideen. Es ist ein Argument dafür, sie als Kompass zu benutzen und nicht als Fahrplan. Wer das tut, betreibt keine Komfortzonen-Ethik. Wer es nicht tut, schon.

Sehr interessanter Beitrag, dem ich in großen Teilen zustimme.
Sowohl Anarchismus als auch Pazifismus kann man als Ideologien verstehen, in dem Sinne, dass sie beschreiben wie eine Gesellschaft funktionieren kann in einer idealen Welt.
Idealisierte Welten haben wenig gemein mit der Realität, weshalb sie nicht als Handlungsempfehlungen in einem realen Leben funktionieren.
Nichtsdestotrotz sind sie als Bildnis einer utopischen Gesellschaft eine ausgezeichnete Grundlage für eine Ethik an der man sich orientieren kann und sollte