Das Versprechen, das nicht hält
Es gibt in jeder Energiedebatte einen Moment, an dem jemand mit einem überlegenen Lächeln erklärt, das alles viel einfacher sei: Atomkraft. Grundlastfähig, kompakt, klimafreundlich, und eigentlich hätte man ja nie aufgehört. Was folgt, ist meist eine Mischung aus drei Argumenten: neue Reaktorkonzepte hätten das Müllproblem gelöst, Thorium sei sowieso viel besser als Uran, und ein paar neue AKW würden die Lieferabhängigkeiten aus den vorangegangenen vier Teilen dieser Serie mit einem Schlag erledigen.
Alle drei Argumente sind falsch. Nicht falsch im Sinne von politisch unerwünscht, sondern falsch im Sinne von: sie beschreiben nicht die Wirklichkeit.
Was mit dem Atommüll tatsächlich passiert
Deutschland hat 16 Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle. Zwei davon, Brunsbüttel und Jülich, sind seit mehr als zehn Jahren ohne gültige Genehmigung in Betrieb, weil die erforderlichen Sicherheitsnachweise nicht erbracht wurden. Sie werden trotzdem weiterbetrieben, auf Anordnung der Aufsichtsbehörde, weil es schlicht keine Alternative gibt. Das ist kein Managementproblem. Das ist der Systemzustand.
Seit 2017 sucht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) nach einem Standort für ein geologisches Tiefenlager. Ein Ergebnis wird frühestens 2046 erwartet, der Betriebsbeginn liegt jenseits von 2050. Das Müll-Problem der bereits abgeschalteten deutschen Reaktoren ist also für die nächsten 30 Jahre nicht gelöst, strukturell nicht lösbar, und kostet jeden weiteren Betriebstag eines AKW zusätzliches Material, für das die Lagerungsfrage noch nicht einmal eine Standortentscheidung hat.
Was machen die Befürworter daraus? Sie präsentieren neue Konzepte.
Tiefe Bohrlochlagerung (Deep Borehole Disposal): Das Prinzip ist einfach. Statt eines Bergwerks werden Bohrlöcher von 3 bis 5 Kilometern Tiefe gebohrt, Abfallkapseln werden eingelassen, das Loch wird versiegelt. Das US-Unternehmen Deep Isolation hat im Januar 2025 einen Test abgeschlossen: Vier Meter lange Stahlkapseln wurden 3.000 Meter tief in horizontale Bohrlöcher abgesenkt, zwei Jahre lang getestet, Ergebnis laut Unternehmensangaben: „ausreichende Sicherheitsmargen“. Der Technologie-Reifegrad liegt nach TRL-Skala bei 6 von 9, also technologisch demonstriert in relevanter Umgebung, aber noch nicht kommerziell validiert.
Parallel plant Schweden geologische Bunker für 12.000 Tonnen radioaktiven Abfall, Investition rund eine Milliarde Euro, Ziel: sichere Lagerung für 100.000 Jahre.
Beide Konzepte haben eins gemeinsam: Sie lösen das Problem der Lagerung. Sie ändern nichts daran, dass das Material in irgendeiner Form für Zeiträume sicher verwahrt werden muss, die jede menschliche Zivilisationsgeschichte um ein Vielfaches übertreffen. Der technische Fortschritt beim Einlagern ist real. Die physikalische Realität des Mülls bleibt.
Und: Jedes neue AKW produziert weiteren hochradioaktiven Abfall, für den keine Endlagerlösung existiert. Wer neue AKW bauen will, muss erst erklären, wohin der Müll soll. Die Antwort „das wird noch entwickelt“ ist nach 70 Jahren Atomgeschichte keine Antwort mehr.
Thorium: Was wahr ist und was Marketing ist
Thorium-Reaktoren werden in bestimmten Kreisen mit einer Inbrunst besprochen, die eher an technologische Erlösungsreligion als an nüchterne Analyse erinnert. Manche Zahlen, die kursieren, sind schlicht falsch: ein behaupteter Strompreis von 0,029 Euro pro kWh aus Thorium-Reaktoren (Faktor 350 günstiger als Uranstrom) hat keine seriöse Grundlage und ist nirgendwo belegt.
Was tatsächlich stimmt: Thorium (Th-232) ist in der Erdkruste dreimal häufiger als Uran. Es kann in einem Reaktor zu Uran-233 umgewandelt werden, das dann gespalten wird. Die Abfallzusammensetzung unterscheidet sich von der eines konventionellen Reaktors: Ein Teil der langlebigsten Aktinide fällt weniger an, was den Anteil sehr langlebiger Abfälle reduziert. Die Behauptung, Thorium-Abfall habe nur Halbwertzeiten von 300 Jahren, ist eine grobe Vereinfachung: Auch Thorium-Reaktoren erzeugen langlebige Spaltprodukte, darunter Technetium-99 mit rund 200.000 Jahren Halbwertzeit und Jod-129 mit über 15 Millionen Jahren. Das Müllproblem wird reduziert, nicht gelöst.
Was ebenso stimmt: Kein einziger kommerzieller Thorium-Reaktor ist jemals in Betrieb gegangen. China baut(e) in der Wüste Gobi einen Thorium-Flüssigsalzreaktor mit einer Leistung von 2 MW (Vergleich: ein konventioneller Reaktorblock hat 1.000 bis 1.600 MW) als Forschungsdemonstrator. Das Thorcon-Projekt in Indonesien plant einen 500-MW-Prototyp bis 2029, was bedeutet: Wenn alles läuft, steht 2029 ein Prototyp, aus dem frühestens 2040 kommerzielle Folgebauten entstehen könnten.
Thorium ist eine interessante Technologie mit echten physikalischen Vorteilen gegenüber konventionellen Reaktoren. Es ist keine verfügbare Lösung für das Energieproblem der nächsten zehn Jahre. Wer Thorium als Argument gegen die Dringlichkeit der in dieser Serie beschriebenen erneuerbaren Alternativen einsetzt, verwechselt Forschungsperspektive mit Infrastrukturplanung.
Die Brennstoffabhängigkeit: Bekannt, aber unausgesprochen
Atomkraft wird im Souveränitätsdiskurs oft als Alternative zu chinesischen Solarmodulen oder russischem Gas präsentiert. Was dabei gerne übersehen wird: Im Jahr 2024 stammten mehr als 40 Prozent der EU-Uranreimporte weiterhin aus GUS-Ländern, insbesondere Russland und Kasachstan. Hoppla!
Das ist keine historische Fußnote. Das sind aktuelle Zahlen für laufende Reaktoren. Im Jahr 2024 wurden allein nach Deutschland 68,6 Tonnen Uran aus Russland importiert, fast 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Hintergrund: Frankreich hat nach dem Militärputsch in Niger seine wichtigste Uranquelle verloren, der Niger vergab die Förderlizenz an Russland, und Frankreich kompensiert seither über Umwege mit russischem Material.
Kasachstan stellt rund 40 Prozent der weltweiten Uranförderung. Die Urananreicherung konzentriert sich auf wenige Staaten, darunter Russland, die USA, Frankreich und Großbritannien. Diese Struktur schafft potenzielle Abhängigkeiten, insbesondere in geopolitisch angespannten Zeiten. Wer an dieser Stelle fragt, warum Europa trotzdem kaum Druck für Sanktionierung russischer Nukleargüter aufbaut, findet Teil 6 dieser Serie aufschlussreich: Das Muster der interessengeleiteten Passivität ist kein spezifisches Solarphänomen.
Russland ist beim Uran also nicht nur ein Lieferant, sondern auch ein bedeutender Anreicherer. Die EU ringt darum, ihre Abhängigkeit von russischem Uran und Brennelementen zu verringern. Sanktionen für Nukleargüter blieben bislang aus, auch weil in Europa 19 Reaktoren sowjetischer Bauart laufen, die auf russische Brennelemente ausgelegt sind und für die eine Umrüstung auf Westbrennstoffe Jahre dauert.
Der Befund ist eindeutig: Wer aus Gründen der Souveränität für mehr Atomkraft argumentiert, muss erklären, warum eine Brennstoffabhängigkeit von Russland und Kasachstan strategisch besser ist als eine Modulabhängigkeit von China. Beide sind Abhängigkeiten. Beide haben geopolitische Risiken.
Europas Anreicherungskapazitäten werden ausgebaut. Urenco erweitert in Gronau mit einem Investitionsvolumen von über einer Milliarde Euro, das Orderbuch summiert sich zur Jahresmitte 2025 auf 20,1 Milliarden Euro mit Lieferverpflichtungen bis in die 2040er. Frankreichs Orano erweitert die Anlage Georges-Besse-II um 30 Prozent, erster Produktionsbetrieb der Erweiterungsanlage ist für 2028 geplant. Das sind reale Schritte zur Diversifizierung. Sie ändern aber nichts daran, dass das Ausgangsuran weiterhin aus Kasachstan, Australien und, solange keine Sanktionen bestehen, aus Russland kommt.
Was ein AKW kostet. Wirklich.
Die Wirtschaftlichkeitsdebatte über Atomkraft wird in Deutschland meist auf der Ebene der historischen Gestehungskosten alter Reaktoren geführt, die vollständig abgeschrieben sind. Das ist irreführend. Relevante Frage ist: Was würde ein Neubau kosten?
Die Antwort ist dokumentiert, und sie ist erschreckend.
Der Europäische Druckwasserreaktor EPR in Flamanville (Frankreich): geplante Kosten 3,3 Milliarden Euro, ursprüngliche Inbetriebnahme 2012. Tatsächliche Inbetriebnahme: Ende 2024. Die Kosten sind inzwischen auf rund 21 Milliarden Euro gestiegen. Nachdem der Reaktor ans Netz ging, stellte sich heraus, dass der Reaktordeckel fehlerhaft ist und ausgetauscht werden muss. Das entspricht einer Kostensteigerung von über 500 Prozent bei gleichzeitigem Bauzeitverzug von über zwölf Jahren, und das Projekt ist noch nicht abgeschlossen.
Hinkley Point C in England: Der Bau umfasst zwei Reaktoren. Die Gesamtkosten liegen inzwischen bei 56 Milliarden Euro, der Bauverzug läuft weiter, ein Fertigstellungsdatum ist unklar. Der garantierte Abnahmepreis liegt aktuell bei rund 14 Eurocent pro Kilowattstunde, steigt durch Inflationsanpassung über die 35-jährige Laufzeit weiter. Zum Vergleich: Neue Windkraftanlage an Land kostet 3 bis 5 Eurocent pro Kilowattstunde. Große Solaranlage auf dem Freiland: 2 bis 4 Eurocent.
Sizewell C, das nächste britische AKW-Projekt ebenfalls mit zwei Reaktoren, hat noch keinen ersten Spatenstich und ist bereits auf 40 Milliarden Euro geklettert. Die Stromkunden zahlen schon dafür, weil der Strompreis zur Vorfinanzierung angehoben wurde.
Das ist kein Markt. Das ist ein staatlich garantiertes Verlustgeschäft auf Kosten des Steuerzahlers, das über drei Jahrzehnte läuft. Hinzu kommen Rückbaukosten: ein bis zwei Milliarden Euro pro Reaktor, mit erheblichen Unsicherheiten nach oben. Und die Kosten der Endlagerung, die in keiner Wirtschaftlichkeitsrechnung vollständig internalisiert sind, weil niemand weiß, was ein Endlager tatsächlich über 100.000 Jahre kosten wird.
Wer Atomkraft als kostengünstige Lösung verkauft, rechnet entweder mit abgeschriebenen Altanlagen, verschweigt die Bauzeit-Realität moderner Projekte, oder beides.
Das Wärmeproblem. Und warum es strukturell ist.
Ein letztes Argument verdient eine gesonderte Betrachtung: Atomkraft als Grundlasttechnologie für ein integriertes Energiesystem, das auch Wärme liefert.
Das Problem beginnt bei der Physik des Reaktors.
Ein konventioneller Druckwasserreaktor erzeugt Dampf bei rund 280 bis 300 Grad Celsius und einem Druck von etwa 60 bis 70 bar. Dieser Dampf treibt eine Turbine an. Am Ende der Turbinenstrecke, nach der Entspannung, hat der Dampf eine Temperatur von rund 30 bis 40 Grad. Die Abwärme landet im Kühlwasser oder im Kühlturm. Für Raumwärme (35 bis 60 Grad) und eingeschränkte Niedertemperaturprozesse (bis 150 Grad) wäre theoretisch eine Wärmeauskopplung möglich. Das Kernkraftwerk Gösgen in der Schweiz liefert tatsächlich Prozessdampf an eine Kartonfabrik: 70 Tonnen Dampf pro Stunde, 12 bar, über 200 Grad, 45 MW thermische Leistung über eine 1,8 Kilometer lange Ferndampfleitung. Das zeigt: Es geht prinzipiell.
Es zeigt aber auch: Für das Fernwärmesystem muss dem Dampfkreislauf Dampf entzogen werden, was zu einer elektrischen Minderleistung von 6,2 bis 9 MW führt. Jede Kilowattstunde Wärme, die ausgekoppelt wird, fehlt bei der Stromerzeugung. Ein Kraftwerk, das für Wärme optimiert wird, erzeugt weniger Strom, und umgekehrt.
Für alles, was über 300 Grad hinausgeht, ist das AKW schlicht ungeeignet. Stahl braucht 1.500 bis 1.600 Grad. Zement braucht über 1.000 Grad. Glas braucht 1.200 bis 1.400 Grad. Ein Druckwasserreaktor liefert diese Temperaturen nicht, kann sie nicht liefern, und wird sie auch mit keinem der diskutierten Neubau-Konzepte liefern. Die Hochtemperaturprozesse, die in Teil 3 dieser Serie besprochen wurden (Elektrolichtbogenofen für Stahl, Direktreduktion mit grünem Wasserstoff, Biomethan für Glasschmelze) sind damit nicht nur die souveränen, sondern auch die thermodynamisch überlegenen Lösungen für die industrielle Dekarbonisierung. Ein AKW kann keinen Stahlwerkshohofen ersetzen. Das ist keine politische Aussage. Das ist eine Temperaturkurve.
Ein weiteres systemisches Problem kommt hinzu: AKW sind schlecht regelbar. Sie laufen wirtschaftlich nur im Grundlastbetrieb nahe der Nennleistung. In einem Netz mit hohem Anteil variabler Erneuerbarer, das flexible Leistung braucht, stehen sie im Weg, weil sie weder schnell hoch- noch herunterregeln können. Das ist kein Konstruktionsfehler, sondern eine physikalische Eigenschaft von Kernspaltung unter Dampfdruck.
Der Gesamtbefund
Atomkraft in ihrer heutigen Form löst keines der Probleme, die in dieser Serie analysiert wurden.
- Das Lieferkettenproblem: nicht gelöst, weil Uran aus denselben geopolitisch problematischen Regionen kommt wie die Abhängigkeiten, die man angeblich überwinden will.
- Das Speicherproblem: nicht gelöst, sondern verschärft, weil jede neue Reaktorstunde weiteren Abfall produziert, für den keine Endlagerlösung existiert.
- Das Wärmeproblem: strukturell nicht lösbar, weil die physikalischen Temperaturgrenzen eines Druckwasserreaktors unter dem Bedarf der relevanten Hochtemperaturprozesse liegen.
- Das Kostenproblem: dramatisch verschlechtert, weil jedes neuere Bauprojekt zeigt, dass die realen Kosten von Neubauten nicht ansatzweise mit Wind und Solar konkurrieren.
- Thorium ist eine Forschungsperspektive ohne kommerziellen Zeithorizont für die nächsten zehn Jahre. Neue Lagerkonzepte sind ein Fortschritt, der das Grundproblem der Langzeitlagerung verschiebt, nicht löst.
Das ist der Befund, wenn man nicht fragt, ob man Atomkraft mag oder nicht, sondern ob sie die Anforderungen der in dieser Serie entwickelten Analyse erfüllt: grundlastfähig, weitgehend souverän, wirtschaftlich vertretbar, und in die Wärmewirtschaft integrierbar.
Die Antwort auf alle vier Anforderungen ist: nein.
