Sonntag Abend klingelte das Telefon beim Sperling – David war dran, er hat sich entschuldigt das er sich jetzt erst meldet. Aber der Stammtisch hatte eine kleine Hitzepause und traf sich dann am Sonntag. Der Sperling war gnädig 😉
An: Unseren Bundeskanzler Friedrich Merz
Von: Seinen treuesten Anhängerinnen und Anhängern, Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
Datum: 6. Juli 2026
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Friedrich,
wir schreiben Dir heute über ein Wort. Nur ein einziges Wort, das Du am 4. Juli in Düsseldorf auf dem nordrhein-westfälischen CDU-Parteitag gesagt hast, und über das wir beim Stammtisch so lange diskutiert haben, dass Brigitte irgendwann aufgestanden ist und gesagt hat, sie müsse jetzt wirklich nach Hause, und sich dann aber doch wieder hingesetzt geblieben ist, weil das Gespräch sie nicht losließ. Das Wort ist „Wegtreten“.
Du hast gesagt: „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten! Wir gehen mit Zuversicht und Optimismus an die Arbeit.“
Gerhard hat das vorgelesen. Dann hat er angefangen zu erklären, was das bedeutet, und dabei ist er ins Stocken geraten, was bei Gerhard selten vorkommt, denn Gerhard erklärt normalerweise alles, auch Dinge, die er nicht ganz versteht, aber diesmal hat er mittendrin aufgehört und gesagt: „Nein, das ist eigentlich klar.“ Und dann hat er nichts mehr gesagt. Das war das Ungewöhnlichste an dem Abend und wir haben uns alle fragedn angesehen.
Zur Frage, wer gemeint ist
Karl-Heinz hat die Begriffe aufgeschrieben. Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker. Er hat den Zettel hingelegt und die anderen angeschaut. Wir haben zurückgeschaut. Keiner hat etwas gesagt.
Dann hat Karl-Heinz gefragt, ob jemand, der in den vergangenen Wochen das eine oder andere aufgeschrieben habe (Fragen, Vergleiche, Zahlen, die nicht ganz aufgingen) als Nörgler gelte. Wir haben gesagt: Nein. Karl-Heinz hat gesagt: Gut. Dann hat er den Zettel in die Tasche gesteckt, nicht in die Klarsichthülle, einfach lose in die Jackentasche.
Brigitte hat gefragt, ob „Wegtreten“ ein militärischer Befehl sei. Gerhard hat gesagt, ja, das sei es. Brigitte hat gesagt: Aha. Mehr nicht. Wir haben das als Zustimmung gewertet, aber wir waren uns diesmal nicht ganz sicher.
Zur Frage der Verwendung
Jetzt möchten wir etwas weiter ausholen, weil uns aufgefallen ist, dass es in der deutschen Politik eine gewisse Tradition gibt, sehr präzise darüber nachzudenken, wie der Bürger am nützlichsten eingesetzt werden kann.
Gerhard hat dazu Philipp Rösler (FDP) erwähnt, den früheren Wirtschaftsminister, der 2012 für Langzeitarbeitslose das Wort „Anschlussverwendung“ benutzt hat. Das ist ein Begriff aus der Bundeswehr oder Logistik, erklärte Gerhard, der beschreibt, was man mit Material oder Menschen tut, das man gerade nicht braucht: man lagert es, man hält es bereit, man wartet auf eine Gelegenheit, es wieder einzusetzen. Oder die Menschen.
Karl-Heinz hat dabei sehr still geworden. Er ist 54, hat einen unbefristeten Vertrag in der mittleren Verwaltung, und er hat Gerhard gefragt, ob er, Karl-Heinz, eine klare Anschlussverwendung habe. Gerhard hat angefangen zu antworten und dabei einen Satz begonnen, der ungefähr so lautete: „Also, im Prinzip ist das natürlich eine Frage, die man so direkt gar nicht beantworten kann“. Karl-Heinz hat genickt, als wäre das eine vollständige Antwort gewesen.
Dann hat Gerhard noch ein altes Buch erwähnt. Er hat den Titel nicht genannt, weil das nach Schule klinge, hat er gesagt, aber es gehe um einen Deutschen, der sehr genau wusste, wann er nach oben zu lächeln und wann er nach unten zu brüllen hatte, und der damit erstaunlich weit gekommen war. Brigitte hat gesagt, das kenne sie. Gerhard hat sie angeschaut. Brigitte hat gesagt: „Oder so ähnlich.“ Dann haben alle auf ihre Gläser geschaut.
Zur Frage, wie das zusammenhängt
Im Juni hast Du gesagt, der Bürger solle wohlwollend mitmachen. Jetzt, im Juli, sagst Du, wer nicht mitmacht oder zumindest schweigt, soll wegtreten. Das ergibt eine sehr übersichtliche Ordnung: mitmachen, oder schweigen, oder weg.
Brigitte hat gefragt, was die dritte Option konkret bedeute. Wohin trete man weg? Gerhard hat angefangen: „Das ist natürlich eine rhetorische-“ und dann hat er wieder aufgehört. Karl-Heinz hat seinen Zettel aus der Jackentasche gezogen, kurz draufgeschaut, und ihn wieder eingesteckt. Wir haben das nicht kommentiert.
Wir finden die Ordnung trotzdem gut. Klare Verhältnisse sind besser als unklare. Ein Kanzler, der sagt was er will und wer dabei stört, ist ehrlicher als einer, der es nicht sagt. Das ist zumindest eine Möglichkeit, es zu sehen. Gerhard hätte vermutlich noch eine andere Möglichkeit erklärt, aber er hat es nicht getan.
Zum Schluss
Wir sind keine Kulturpessimisten. Wir sind keine Untergangspropheten. Ob wir Nöler oder Nörgler sind, haben wir nicht abschließend geklärt, weil der Unterschied zwischen beiden nicht ganz klar ist und wir das Thema dann gewechselt haben.
Wir stehen hinter Dir. Das ist unsere Grundhaltung, und daran hat sich nichts geändert, auch wenn der Abend insgesamt etwas stiller war als sonst.
In herzlicher Verbundenheit und mit freundlich-konservativem Gruß,
Der Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
(Mitgliederzahl: rückläufig, Überzeugung: stabil)
P.S.: Gerhard hat nach dem Stammtisch noch kurz angerufen. Er hat gesagt, er habe den Titel des Buches nachgeschaut. Er wollte ihn aber lieber nicht sagen. Er hat aufgelegt.
