Solarzellen auf Häuserdach Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/solarimo-15097051/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=4808172">Solarimo</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=4808172">Pixabay</a>
Wer profitiert
Die in den vorangegangenen Teilen dieser Serie beschriebene Abhängigkeit ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen, die von konkreten Akteuren mit konkreten Interessen getroffen wurden. Die Frage, warum Europa seine Solarindustrie hat kollabieren lassen, warum Wechselrichter mit undokumentierten Fernzugriffsfähigkeiten in kritischer Infrastruktur verbaut wurden, warum kein verbindlicher Abnahmemechanismus für europäische Produktionen geschaffen wurde, lässt sich nicht vollständig beantworten, ohne zu fragen: Wer hatte ein Interesse daran, dass es so bleibt wie es ist?
Das Geld, das über den Tisch geht
2023 importierte die EU chinesische Solarmodule im Wert von 19,7 Milliarden Euro. 2024 sank dieser Wert auf 10,9 Milliarden Euro. Nicht weil weniger Module importiert wurden, sondern weil die Preise aus China eingebrochen sind. Nach Eurostat-Daten entfielen 2024 rund 98 Prozent aller Solarmodulimporte in die EU auf chinesische Anbieter.
Fast 20 Milliarden Euro in einem einzigen Jahr, fast ausschließlich an chinesische Hersteller. Das ist ein Geldfluss von einer Größenordnung, der Lobbystrukturen aufbaut, Einkaufsabteilungen optimiert und Vertriebskanäle formt. Wer an diesem Geldfluss partizipiert, hat ein strukturelles Interesse daran, dass er weiterläuft.
Die Installationsbranche: Niedrige Preise als Geschäftsmodell
Die Solarinstallationsbranche in Deutschland und Europa besteht aus zehntausenden Unternehmen. Handwerksbetriebe, Systemintegratoren, Projektentwickler für Freiflächenanlagen. Sie alle kaufen Module ein. Und der einzige Parameter, der in den vergangenen Jahren ihre Marge bestimmt hat, war der Modulpreis.
Chinesische Module kosten in der Serienproduktion TOPCon 2024 zeitweise rund 8,2 Eurocent pro Watt. Ein in Europa hergestelltes Modul kommt auf rund 10,3 Eurocent mehr. Das ist eine Kostendifferenz von mehr als 100 Prozent je Watt, die sich bei einem 10-MW-Solarpark auf einen einstelligen Millionenbetrag summiert.
Wer aus diesem Kostengefälle lebt, hat kein persönliches Interesse an europäischen Modulen. Nicht aus böser Absicht, sondern weil das Geschäftsmodell auf billigen Vorprodukten aufbaut. Die Installationsbranche hat deshalb in Brüssel und Berlin konsistent für freien Handel, gegen Antidumping-Zölle und für schnellen Ausbau argumentiert, ohne dass Herkunft der Module thematisiert wurde.
SolarPower Europe, der wichtigste Branchenverband, vertritt genau dieses Spektrum. Der Verband hat in den vergangenen Jahren sowohl europäische Hersteller als auch Importeure und Installateure vertreten, was zu internen Widersprüchen geführt hat. Wenn die Hersteller Schutzmaßnahmen fordern und die Importeure sie verhindern wollen, entsteht keine Verbandspolitik mehr, sondern ein institutionalisierter Interessenkonflikt.
Die Eigentümerstruktur hinter den Gigafactories
Der zweite Profiteur ist weniger sichtbar: die chinesischen Konzerne, die europäische Gigafactories betreiben.
CATL baut in Erfurt, SVOLT in Heusweiler, BYD plant Anlagen in mehreren EU-Ländern, Envision AESC in Sunderland. Das klingt nach europäischer Produktion. Es ist chinesische Produktion auf europäischem Boden. Die Wertschöpfungskette der Zellen bleibt in China, die Werke in Europa sind Endmontage und Markterschließung.
Was diese Konzerne in Europa aufbauen, ist keine souveräne europäische Industrie. Es ist eine verlängerte Werkbank, die chinesische Abhängigkeit mit europäischer Standortpolitik verknüpft. Und es hat den politischen Nebeneffekt, dass europäische Regierungen gegenüber diesen Investoren in einer Bittstellerposition sind. Wer Subventionen und Standortgenehmigungen vergibt, kritisiert den Investor nicht öffentlich.
Die Wechselrichter-Lobby: Marktanteile vor Sicherheit
Das klarste Beispiel für eine Interessenstruktur, die öffentliche Sicherheit gegen wirtschaftliche Opportunität abgewogen und verloren hat, ist der Wechselrichtermarkt.
Huawei allein hatte nach Angaben von EU-Abgeordneten aus dem Jahr 2025 einen Marktanteil von 115 GW im europäischen Netz. Sungrow folgt dicht dahinter. Gemeinsam machen chinesische Anbieter rund 80 Prozent des installierten Bestands aus.
Parallel: US-Analysten identifizierten 2025 undokumentierte Komponenten in chinesisch hergestellten Wechselrichtern, die Backdoor-Kommunikation mit Solarinstallationen ermöglichen sollten. Im Mai 2025 forderte eine Gruppe von EU-Abgeordneten den Ausschluss von Hochrisikoanbietern aus dem Energienetz. Im selben Jahr wurde bekannt, dass ein Angriff auf das Monitoring-System eines baltischen Energieversorgers Zugriff auf 22 Solaranlagen ermöglicht hatte, darunter zwei Kliniken. Das System basierte auf Sungrows Cloud-Plattform.
Warum hat niemand früher reagiert? Weil die Hersteller billig waren, weil die Installateure billige Hersteller kauften, weil die Netzbetreiber keine Vorgaben hatten, und weil SMA in Kassel nicht in der Lage war, die Preise chinesischer Wettbewerber zu unterbieten, solange keine regulatorischen Mindestanforderungen bestanden. Was die Konsequenzen dieser Entscheidung für die gesamte Netzinfrastruktur bedeuten, konkret bis hin zu SCADA-Systemen und dem iberischen Blackout 2025, beschreibt Teil 7.
Das Joint-Venture-Angebot: Abhängigkeit auf neuem Niveau
Der bislang wenig diskutierte dritte Interessenkonflikt liegt in einem Konzept, das gerade als europäische Lösung vermarktet wird: Joint Ventures mit chinesischen Partnern.
Eine Gruppe europäischer Photovoltaikfirmen möchte gemeinsam mit chinesischen Partnern in Europa eine neue Solarlieferkette aufbauen, mit Technologietransfer von China in die EU. Das klingt nach Pragmatismus. Es ist das Modell, das Europa in der Halbleiterpolitik und in anderen Industriebereichen bereits in die Abhängigkeit geführt hat.
Trina Solar hat die Technologielizenz für Holosolis geliefert. In Hambach entsteht eine Solarfabrik für 220 Millionen Euro, deren Technologie von Trina Solar aus China kommt. Die Anlage wird in Europa produzieren, mit chinesischer Prozesstechnologie, auf chinesische Patente angewiesen, auf Lizenzzahlungen an einen chinesischen Konzern.
Das ist keine Souveränität. Das ist eine geographische Verschiebung der Abhängigkeit, die politisch als Industrieansiedlung verkauft wird. Welche europäischen Alternativen ohne chinesische Technologielizenz existieren, zeigt Teil 2 dieser Serie: NexWafe in Bitterfeld und Oxford PV in Brandenburg sind beides vollständig souveräne Entwicklungen aus europäischer Forschung.
Was eine souveräne Lösung kosten würde. Und wem sie schadet.
NexWafe und Oxford PV, die in Teil 2 dieser Serie als die technologisch souveränen Alternativen beschrieben wurden, haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind teurer als chinesische Konkurrenten, und zwar solange, bis sie die Skalierung erreicht haben, die Lernkurve durchlaufen und staatliche Abnahmegarantien den Markt strukturiert haben.
Das bedeutet konkret: Jeder Solarparkbetreiber, der europäische Module kaufen muss statt chinesische, hat zunächst höhere Beschaffungskosten. Jede Installationsfirma, die auf europäische Wechselrichter umstellt, verliert Marge. Das sind keine abstrakten volkswirtschaftlichen Überlegungen. Das sind Gewinn-und-Verlust-Rechnungen in konkreten Unternehmen, die ihre Interessen in Brüssel und Berlin vertreten lassen.
Dagegen steht: Ein koordinierter Angriff auf die Energieversorgung über chinesische Wechselrichter an einem windstillen Wintertag würde niemanden treffen, der Wechselrichter verkauft. Er würde Millionen Menschen ohne Strom lassen.
Diese Asymmetrie zwischen privatem Gewinn aus der Abhängigkeit und öffentlichem Schaden aus der Verwundbarkeit ist das eigentliche politische Problem. Es lässt sich nicht durch Appelle an Gemeinwohl lösen. Es lässt sich nur durch Regulierung lösen, die die Kosten internalisiert, die heute externalisiert werden.
