An: Unseren Bundeskanzler Friedrich Merz
Von: Seinen treuesten Anhängerinnen und Anhängern, Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
Datum: 16. Juli 2026
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Friedrich,
wir schreiben Dir heute einen Brief, der etwas anders wird als die anderen, und das möchten wir gleich am Anfang sagen, damit niemand überrascht ist. Es gab beim letzten Stammtisch einen Moment, über den wir nicht einfach hinweggehen können, auch wenn wir das vielleicht einfacher fänden. Aber wir sind ehrliche Leute, und deshalb schreiben wir, was war.
Zur Frage der Hitzewelle
Gerhard hatte sich vorbereitet. Er hatte Zahlen mitgebracht, ausgedruckt, auf einem Zettel, nicht auf einem von Karl-Heinz‘ Zetteln, sondern auf einem eigenen, mit Datum und Quelle. Das Robert Koch-Institut hat am 9. Juli veröffentlicht, dass die Hitzewelle Ende Juni in Deutschland zu etwa 5.100 hitzebedingten Todesfällen geführt hat. Das Statistische Bundesamt schätzt die Übersterblichkeit in der betreffenden Woche sogar auf 6.800 Fälle. Allein in Köln sind an einem einzigen Wochenende 120 Menschen gestorben — viermal so viele wie sonst. Gerhard hat das vorgelesen. Ruhig, wie er immer liest. Dann hat er gesagt, Du habest Dich bis zur Sommerpressekonferenz am 15. Juli nicht zu der Hitzewelle geäußert. Und dort hast Du angekündigt, Dich „gegebenenfalls“ noch dazu äußern zu wollen.
Gerhard wollte weiterlesen. Er kam nicht dazu. Brigitte hat mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Nicht so laut das der Giorgios gekommen ist, der will keinen Lärm in seiner Taverne, aber so, dass alle Gläser gewackelt haben und Gerhard weiß im Gesicht wurde. Sie hat gesagt: „Fünftausend Menschen. Fünftausend. Und er sagt gegebenenfalls. Dieses ….“ dann ist sie verstummt. Keiner hat etwas gesagt.
Brigitte hat nicht geweint, das möchten wir klarstellen, weil wir kein falsches Bild zeichnen wollen. Aber sie war außer sich, und das auf eine Art, die wir in all den Jahren nicht von ihr kennen. Sie hat gesagt, ihre Mutter sei 81 und wohne allein, und sie habe in dieser Woche dreimal täglich angerufen, weil sie Angst hatte. Und dass 5.100 Mütter und Väter und Großeltern in dieser Woche gestorben seien, während die Bundesregierung Klimaschutzgesetze entschärfe und Gelder aus dem Klimafonds umschichte, und der Kanzler sich gegebenenfalls äußern wolle.
Gerhard hat gesagt: „Sie hat recht.“ Karl-Heinz hat gesagt: „Ja.“ Wir haben alle gesagt: Ja. Dann war es kurz still.
Zur Frage der Alleinerziehenden
Wir sind dann weitergegangen, weil der Abend noch nicht zu Ende war und weil es noch andere Dinge gab, über die wir reden wollten, und weil man irgendwann weitermachen muss. Du hast am 16. Juli erklärt, dass Alleinerziehende mit Kindern im Alter von 16 oder 17 Jahren durchaus in der Lage seien, Arbeit aufzunehmen — das wolle man „ja alle gemeinsam“. Der Unterhaltsvorschuss soll entsprechend gekürzt werden.
Karl-Heinz hat gefragt, was eine alleinstehende Mutter mit einem 17-Jährigen verdient, wenn sie halbtags arbeitet, und ob das reicht. Er hat nicht auf einem Zettel nachgerechnet, er hat einfach gefragt. Gerhard hat angefangen zu antworten und dabei einen Satz begonnen, der ungefähr lautete: „Also wenn man die Durchschnittslöhne im …“ und dann hat er aufgehört, weil Karl-Heinz ihn angeschaut hat auf eine Art, die bedeutete, dass er die Antwort eigentlich schon kannte.
Wir haben das Thema nicht abgeschlossen. Wir haben es liegen lassen.
Zur Frage des Klimafonds
Gerhard hatte noch einen zweiten Zettel. 2,7 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds sollen in den regulären Haushalt umgeschichtet werden, um Haushaltslöcher zu stopfen. Der Fonds wird aus CO²-Abgaben gefüllt, die Bürgerinnen und Bürger auf Benzin, Heizöl und Gas zahlen. Eine Expertin hat das laut Zeitung eine „fossile Subvention, finanziert aus Klimaschutzgeldern“ genannt.
Karl-Heinz hat gefragt, ob das bedeute, dass die Menschen CO₂-Abgaben zahlen, damit das Geld dann für etwas anderes verwendet wird. Gerhard hat gesagt, das sei zumindest eine Lesart. Karl-Heinz hat genickt. Brigitte hat nichts gesagt. Sie hat noch ihren Kaffee getrunken und aus dem Fenster geschaut. Wir haben sie in Ruhe gelassen.
Zum Schluss
Wir stehen hinter Dir. Das ist unsere Grundhaltung, und wir möchten das nicht in Frage stellen, auch nicht nach einem Abend wie diesem. Aber wir möchten Dir sagen, dass Brigitte diesmal nicht grüßen lässt. Nicht böse gemeint. Sie hat es einfach nicht gesagt, und wir erfinden keine Grüße, die nicht da sind. Und auch wir haben noch Mütter und Väter und machen uns Sorgen.
In herzlicher Verbundenheit und mit freundlich-konservativem Gruß,
Der Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
(Mitgliederzahl: rückläufig, Überzeugung: stabil)
P.S.: Karl-Heinz hat Gerhards Zettel mitgenommen. Er wollte die Zahlen noch mal in Ruhe lesen. Er hat nicht gesagt warum.
