Als der Sperling den Inhalt der vorigen acht Artikel Guide Körber, dem Beauftragten für Energie, zur „Kontrolle“ vorlegte (soll ja klug sein, Fachleute zu fragen wenn man ein Fachthema von außen behandelt) kam, quasi als eine der ersten Reaktionen „Ich habe grad was in der Pipeline zum Thema“. Und er war bereit, das als Teil 9 von 8 zur Verfügung stellen. Bitteschön!
Dies ist ein Gastartikel von Guido Körber
Disruption wartet nicht
Was aktuell im Energiesektor passiert ist nicht weniger als eine technologische Disruption. Und das in einem Bereich, der zu den fundamentalen Säulen der Zivilisation gehört.
Energiegewinnung, die auf einem ständigen Verbrauch von Ressourcen basiert, wird ersetzt durch Energiegewinnung aus in der Umgebung vorhander Energie. Dabei reduziert sich die Komplexität der einzelnen Anlage, das System wird modular, mechanischer Aufwand fällt weg, Verschleiß und Wartung werden durch Minimierung von bewegten Teilen reduziert. Die Standardisierung der einzelnen Komponenten und der Wandel hin zu elektronischen, statt mechanischen Systemen erlaubt eine Hochskalierung der Produktion, die zu einem immensen Kostenverfall führt.
Also die klassische technologische Disruption, bei der neue Technologie etablierte ersetzt, weil sie Aufwand und Kosten spart und so viele Vorteile hat, dass es gradezu Irrsinn ist, an den alten Systemen fest zu halten. Nichtsdestotrotz versuchen das wie immer viele Leute. Bei jeder Disruption gibt es jemanden, der genau weiß, dass ein richtiges Smartphone Tasten hat, eine Schreibmaschine ein viel besseres Schriftbild als ein Computer und man natürlich lieber Film produziert, statt den Vorsprung in der Digitalfotografie zu nutzen.
Irgendwer ist immer Nokia
Und jedes mal führt das dazu, dass die verschwinden, die genau wissen, dass niemand einen Computer zuhause braucht und selbstverständlich das Automobil nur eine Modeerscheinung ist, die keine Chance gegen das Pferd hat. Das ist auch nicht wirklich schlimm, wenn das Firmen tun. Die Lücke die solche Unternehmen hinterlassen muss nicht mal gefüllt werden, da die neue Realität dafür gar keinen Platz hat. Schwierig wird es, wenn solche Haltung ganze Staaten betrifft.
Deutschland, einst bekannt als das Land der Dichter und Denker, erscheint heute eher wie das Land der dichten Bedenker. Man hat Angst vor Veränderung, ist nicht mehr neugierig, sondern sucht Gründe, warum das Neue nicht gut sein kann.
Der Rest der Welt wartet nicht
Dabei übersehen wir, dass wir im internationalen Wettbewerb immer weiter ins Hintertreffen geraten, weil doch lieber am „guten Alten“ festgehalten wird. Während China vorausblickend plant, welche Technologien in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wichtig werden könnten und dabei auch Fehlschläge und Sackgassen in Kauf nimmt, überlegen wir hier noch, ob wir denn überhaupt los laufen sollen und wenn ja, warum ausgerechnet vorwärts.
Insbesondere in Schwellenländern vollzieht sich ein rasanter Wandel, der bei uns einfach ignoriert wird. Da verbieten afrikanische Staaten den Import von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren. Das ist nur logisch, wenn man selber keine Ölvorkommen hat. So verbessert sich die Außenhandelsbilanz und Elektrofahrzeuge werden ggf. selber hergestellt, oft mit der Hilfe aus China.
Bei uns wird das gerne ignoriert, mit dem falschen Gedanken, dass Afrika wirtschaftlich irrelevant sei. Die Frage ist nur wie lange noch, bei dem rasanten Wachstum, das viele Staaten dort hin legen.
Wie wollen wir zukünftig leben?
Es geht hier letztlich um nicht weniger als einen Wettbewerb der Systeme, den wir drohen zu verlieren. Je mehr wir abhängig werden von dem was China produziert, um so weniger Hebel haben wir gegen das totalitäre System Chinas. Und je mehr Einfluss China weltweit gewinnt, um so dünner wird die Luft für freiheitliche, demokratische Systeme.
Der Weg da raus heißt nicht China zu kopieren, sondern technologische Souveränität zu erlangen. Teilweise wird das bedeuten den europäischen Markt gegen strategisches Dumping aus China zu schützen. Gelichzeitig muss aber der Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaft hier stimuliert werden, denn einfach nur Schutzzölle machen träge und kosten letztlich nich mehr den Anschluss an den Rest der Welt.
Tausende Geisterfahrer
Der angebliche Sonderweg Deutschlands ist tatsächlich einer, aber nicht so, wie es oft dargestellt wird. Der Sonderweg ist, dass wir versuchen im fossilen Zeitalter zu verharren, obwohl das weitgehend vorbei ist und grade in die Mottenkiste der Geschichte gepackt wird. Ausnahmen wie die USA, wo grade Kohlekraftwerke reaktiviert werden sollen, werden um so härter vor die Wand fahren.
Es gibt bei jeder Disruption Leute, die versuchen Speicherschreibmschinen* zu bauen. Die Industriegeschichte zeigt aber, dass diese Idee immer scheitert.
*) Die Speicherschreibmaschine war Anfang der 1980er der verzweifelte Versuch einen winzigen und extrem schlecht zu bedienenden Computer in Schreibmaschinen zu integrieren, um damit z.B. Serienbriefe produzieren zu können. Vorhersehbar hatten diese gegen die immer billiger und leistungsfähiger werdenden Computer keine Chance.
