An: Unseren Bundeskanzler Friedrich Merz
Von: Seinen treuesten Anhängerinnen und Anhängern, Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
Datum: 30. Juli 2026
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Friedrich,
wir schreiben Dir heute einen Brief, der schwerer zu schreiben war als die anderen, weil wir beim letzten Stammtisch (wir hatten einen Gast!) nicht von Anfang an einer Meinung waren. Das möchten wir nicht verschweigen, weil wir ehrliche Menschen sind, und weil wir glauben, dass auch Du weißt, wie das ist, wenn man in einer Runde sitzt und die Stimmung etwas zäher ist als gewohnt.
Es liegt an zwei Dingen, die in der letzten Woche passiert sind. Wir behandeln sie nacheinander.
Zur Frage der ewigen Nörgelei
Am 20. Juli hast Du im ZDF-Sommerinterview mit Diana Zimmermann etwas gesagt, das wir mehrfach gelesen haben, weil wir sichergehen wollten, dass wir es richtig verstanden haben. Du hast gesagt: „Ehrlich gesagt, diese ewige Nörgelei, diese ewige Nölerei, dieses Schlechtreden, dieses Kaputtreden unseres Landes. Ich darf mir das bei solchen Gelegenheiten auch mal erlauben. Ich bin es einfach leid.“
Gerhard hat das vorgelesen. Dann hat er angefangen zu sagen: „Das ist natürlich …“ und dann hat er aufgehört. Karl-Heinz hat auf den Tisch geschaut. Brigitte hat gesagt: „Er nörgelt über die Nörgler.“
Das war so gesagt, ohne Betonung, ohne Empörung, einfach als Feststellung. Und dann war es einen Moment still, länger als sonst. Wir haben dann besprochen, ob das ein Widerspruch ist. Gerhard hat erklärt, dass man als Kanzler auch mal Luft ablassen dürfe, dass das menschlich sei, dass niemand im Interview einfach nur lächeln könne wenn die Moderatorin …
„Er nörgelt über die Nörgler“, hat Brigitte noch einmal gesagt, leiser diesmal.
Gerhard hat seinen Satz nicht zu Ende geführt. Was wir dann festgehalten haben: Du hast recht, dass Nörgeln nervt. Du hast auch recht, dass Deutschland schöne Seiten hat. Wir finden das beides richtig. Die Frage, die Karl-Heinz dann noch in den Raum gestellt hat – ob ein Kanzler, dem Nörgler leid sind, selbst ein Nörgler sei, wenn er das sagt – die haben wir beschlossen, nicht weiter zu verfolgen. Karl-Heinz hat aber seinen Zettel rausgeholt und etwas aufgeschrieben, das er uns nicht gezeigt hat.
Zur Frage des Feudalkönigreichs
Dann war da noch die Sache mit Herrn Schnieder. Verkehrsminister. Du warst, laut Berichten, von seiner Amtsführung „zunehmend genervt“, und Du wolltest ihn entlassen. Der Nachfolger, den Du Dir vorgestellt hattest, sagte kurzfristig ab. Es entstand einige Verwirrung, die in den Zeitungen sehr ausführlich beschrieben wurde.
Daraufhin hat Christian Bäumler, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft – also jemand aus Deiner eigenen Partei – dem Handelsblatt gesagt: „Eine Bundesregierung sollte nicht wie ein Feudalkönigreich geführt werden. Diese Vorgehensweise beschädigt das Vertrauen der Menschen in die Demokratie.“ Gerhard hat das vorgelesen und dabei sehr sorgfältig jedes Wort betont. Feudalkönigreich. Gerhard ist jemand, der Wörter normalerweise einfach vorliest, aber dieses Wort hat er zweimal gesagt, einmal beim Vorlesen und einmal danach, allein, als ob er prüfen wollte, wie es in der Luft hängt.
Karl-Heinz hat gefragt, was ein Feudalkönigreich genau sei. Gerhard hat erklärt, das sei eine Herrschaftsform aus dem Mittelalter, in der der König Lehnsherr über seine Vasallen sei und diese nach Gutdünken einsetze und abberufe. Karl-Heinz hat genickt und gesagt: „Aha.“ Dann hat er nichts mehr gesagt. Er hat aber seinen Zettel wieder rausgeholt.
Zur Frage der Anführerstärke
Jetzt kommt der Teil, über den wir am längsten diskutiert haben, und es war Brigitte, die ihn angestoßen hat, was ungewöhnlich ist, weil Brigitte normalerweise nicht diejenige ist, die Themen anstößt.
Brigitte hat gesagt – und wir zitieren das möglichst genau, weil wir es für wichtig halten –: „Ich finde, Friedrich Merz sollte jetzt Anführerstärke zeigen.“
Wir haben sie angeschaut. Brigitte hat das Wort Anführerstärke verwendet, das sie nach eigenen Angaben irgendwo gelesen hatte, und sie meinte es ernst.
Sie hat erklärt, was sie damit meint. Ein Anführer, der über Nörgler nörgelt, zeigt keine Anführerstärke. Ein Anführer, der seinen Verkehrsminister loswerden will, aber keinen Nachfolger parat hat, zeigt keine Anführerstärke. Anführerstärke, sagte Brigitte, bedeute, dass man Dinge tut ohne danach zu erklären, dass man sie eigentlich anders gemeint hat. Dass man einen Plan hat und ihn ausführt. Dass man nicht im ZDF-Sommerinterview aus der Haut fährt, weil eine Moderatorin eine Frage stellt.
Gerhard wollte etwas sagen. Brigitte hat ihn mit einer Handbewegung gestoppt, ruhig, aber eindeutig.
Sie hat weitergesprochen. Sie hat gesagt, sie habe in den letzten Monaten viele Briefe mitgeschrieben, in denen der Stammtisch immer wieder erklärt habe, warum das eine oder andere eigentlich doch richtig gewesen sei. Die Schuldenbremse und dann das Sondervermögen. Das Wegtreten und dann die ewige Nörgelei über die ewige Nörgelei. Die Frage der Töchter und keine Entschuldigung. Die Hitzewelle und ein gegebenenfalls. Und jetzt das Feudalkönigreich aus den eigenen Reihen.
„Ich stehe weiter hinter ihm“, hat Brigitte gesagt. „Aber ich würde mir wünschen, dass er auch ein bisschen hinter uns steht.“
Keiner hat etwas gesagt. Karl-Heinz hat seinen Zettel in die Innentasche gesteckt, nicht in die Klarsichthülle, einfach so.
Gerhard hat dann doch noch etwas gesagt. Er hat gesagt: „Sie hat recht.“ Und wir haben alle genickt.
Zum Schluss
Wir stehen hinter Dir. Das ist unsere Grundhaltung, und daran hat sich nichts geändert. Aber wir möchten Dir sagen, was Brigitte gesagt hat, weil wir glauben, dass Du es vielleicht hören solltest, von Leuten, die es gut meinen: Zeig Anführerstärke. Nicht gegenüber den Nörglern. Gegenüber uns.
In herzlicher Verbundenheit und mit freundlich-konservativem Gruß,
Der Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
(Mitgliederzahl: steigend, Überzeugung: stabil)
P.S.: Brigitte grüßt diesmal. Sie hat es von selbst gesagt, ohne dass wir gefragt haben. Wir haben es notiert.
