An: Unseren Bundeskanzler Friedrich Merz
Von: Seinen treuesten Anhängerinnen und Anhängern, Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
Datum: 22. August 2026
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Friedrich,
wir schreiben Dir heute Abend noch, obwohl es schon spät ist, weil wir diesen Abend nicht einfach schlafen lassen wollen, ohne dass er irgendwo aufgeschrieben steht. Arnault, unser neues Mitglied aus dem Elsass, hat drauf bestanden. Das schulden wir uns selbst, und das schulden wir vor allem Gerhard.
Aber der Reihe nach.
Zur Frage Deiner Rückkehr
Du bist heute zurückgekommen. Erster Termin: Hürtgenwald. Wir haben die Bilder gesehen – den verbrannten Wald, die Einsatzkräfte, und die Menschen mit den Schildern. „Der Wald brennt und Friedrich pennt.“ Wir fanden das unfair. Oder fast unfair. Wir haben darüber gesprochen, und die Mehrheitsmeinung war, dass ein Kanzler auch Urlaub verdient hat, und dass niemand von Dir erwartet, jeden Brand persönlich zu löschen.
Du hast gesagt, das sei der Klimawandel. Du hast gesagt, man werde alles tun, um ihn zurückzudrängen, aber man müsse auch mit ihm leben. Du hast die Einsatzkräfte gelobt, das Ehrenamt hervorgehoben, und angekündigt, das Kabinett werde sich nächste Woche damit befassen.
Gerhard hat das gehört. Er hat nichts gesagt. Aber er hat so ausgesehen, wie jemand aussieht, der etwas sagen könnte und es lässt.
Dazu kommen wir noch.
Zur Frage der Umfragen in Sachsen-Anhalt
Karl-Heinz hatte sich vorbereitet. Er hatte Zahlen mitgebracht, auf einem Zettel, in seiner Klarsichthülle.
In Sachsen-Anhalt wird am 6. September gewählt. Die neueste Umfrage sieht die AfD bei 42 Prozent. Die CDU bei 22 Prozent.
Karl-Heinz hat das zweimal nachgerechnet, weil er dachte, er habe einen Fehler gemacht. Er hatte keinen Fehler gemacht. Er hat den Zettel aus der Klarsichthülle genommen, ihn noch einmal angeschaut, und ihn dann nicht mehr zurückgelegt. Er hat ihn auf den Tisch gelegt, so, dass alle draufschauen konnten.
Wir haben draufgeschaut.
22 Prozent, das sind, wie Karl-Heinz feststellte, ungefähr halb so viel wie die AfD. Und fast halb so wenig wie wir hier, bei der Bundestagswahl, in unserem Wahlkreis. Karl-Heinz hat das nicht mit Stolz gesagt. Er hat es einfach festgestellt, so wie man etwas feststellt, wenn man nicht weiß, wie man damit umgehen soll.
Gerhard hat angefangen zu erklären. Er hat gesagt, das habe Gründe. Er hat erklärt, dass die Koalition in Berlin Vertrauen verloren habe. Er hat erklärt, dass die Leute im Osten andere Sorgen hätten. Er hat erklärt, dass eine starke AfD immer dann entsteht, wenn die demokratischen Parteien die Menschen das Gefühl geben, nicht gehört zu werden. Er hat das alles sachlich erklärt, wie er immer sachlich erklärt, und dann hat er aufgehört zu erklären.
Und dann hat er angefangen, von etwas anderem zu sprechen.
Zur Frage der Brandmauer – und was Gerhard dann gesagt hat
Gerhard hat gesagt, er müsse jetzt etwas sagen, das er normalerweise nicht sagt, weil er es normalerweise nicht sagen muss, weil er davon ausgeht, dass es alle wissen oder zumindest ahnen.
Er hat gesagt, sein Großvater war als Politischer in Niederhagen. Dann hat er gesagt, was er von einer Partei hält, die mit Leuten redet, deren geistige Vorfahren das getan haben, was seinen Großvater dort hingebracht hat. Er ist dabei sehr unflätig geworden, auf eine Art, die wir nicht aufschreiben werden, weil es nicht nötig ist, es aufzuschreiben. Wer Gerhard kennt, weiß, dass er nie unflätig wird. Wer Gerhard kennt, weiß also, was das bedeutet. Beinahe wäre aus dem Restaurant geflogen.
Karl-Heinz hat ihn angeschaut. Er hat vorher nicht gewusst, was mit Gerhards Großvater war. Das war an seinem Gesicht zu sehen. Brigitte hat Gerhard die Hand auf den Arm gelegt. So wie sie das früher gemacht hat, als sie jung waren und Gerhard manchmal so wurde. Er hat sie angeschaut. Dann hat er aufgehört zu sprechen.
Es war einen Moment sehr still am Tisch. Und Arnault war kurz davor was zu sagen.
Zur Frage, was danach war
Wir haben dann weitergeredet, weil man irgendwann weitermachen muss, auch wenn man nicht genau weiß, wie. Karl-Heinz hat gefragt – ohne seinen Zettel, ohne nachzurechnen, einfach so in den Raum – ob die CDU in ihrem Inneren schon immer so war und deshalb mit der AfD redet. Und ob das dann noch die Partei ist, in die sie eingetreten sind.
Er hat das nicht anklagend gefragt. Er hat es so gefragt, wie man eine Frage stellt, auf die man keine Antwort will, weil man Angst hat vor dem, was die Antwort sein könnte. Niemand hat geantwortet.
Gerhard hat sehr leise gesagt: „Gegebenenfalls.“ Wir wussten alle, was er damit meinte. Er meinte es nicht als Antwort auf Karl-Heinz‘ Frage. Er meinte es als Antwort auf das, was Du heute in Hürtgenwald gesagt hast.
Zum Schluss
Wir stehen hinter Dir. Das ist unsere Grundhaltung, und wir zweifeln nicht daran.
Aber heute war ein Abend, den wir nicht einfach so weglegen können. Nicht wegen der Umfragen. Nicht wegen Hürtgenwald. Wegen Gerhards Gesicht, als er aufgehört hat zu sprechen. Und wegen Brigittes Hand auf seinem Arm. Und wegen Karl-Heinz, der seinen Zettel nicht in die Klarsichthülle zurückgelegt hat, sondern einfach auf dem Tisch liegen gelassen hat, als wir gegangen sind.
In herzlicher Verbundenheit und mit freundlich-konservativem Gruß,
Der Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
(Mitgliederzahl: stabil, Überzeugung: stabil)
P.S.: Brigitte grüßt nicht. Sie hat Gerhard nach Hause gefahren.
