Am 30. August 2026 hob in Florida eine Falcon Heavy ab und brachte das Nancy Grace Roman Space Telescope auf den Weg [1]. Ein Gerät von der Größe eines Reisebusses, gut acht Tonnen schwer, Kosten rund 3,5 Milliarden Euro. Bezahlt hat das die Allgemeinheit, wie bei jedem der Dutzenden Teleskope, die in den vergangenen fünfzehn Jahren von den USA, Europa, Japan, China, Indien und Russland ins All geschossen wurden.
Warum überhaupt da hoch? Weil die Atmosphäre fast alles wegfiltert, was aus dem Weltraum ankommt. Röntgenstrahlung erreicht den Erdboden nie, große Teile des Infraroten auch nicht, und der Rest flimmert durch die bewegte Luft. Das war die Physik. Ab hier wird es politisch.
Der Weltraum gehört allen. Steht so im Vertrag.
Der Weltraumvertrag von 1967 regelt die Sache eindeutig: Der Weltraum ist Sache der gesamten Menschheit, nationale Hoheitsrechte sind ausgeschlossen, eine Privatisierung ist damit nicht vorgesehen [2]. Die Internationale Fernmeldeunion erklärt in Artikel 44 ihrer Konstitution Umlaufbahnen und Funkfrequenzen ausdrücklich zu begrenzten natürlichen Ressourcen [2].
Begrenzte Ressource, Gemeineigentum der Menschheit, kein privater Zugriff. Das ist die Lehrbuchdefinition einer Allmende.
Und jetzt der Haken: Für den erdnahen Orbit gibt es kein internationales Vergabesystem. Die Lizenzierung erfolgt rein national, eine völkerrechtlich verbindliche Regelung existiert de facto nicht [2]. Wer einen Satelliten hochschießen will, holt sich eine Genehmigung dort, wo er sitzt. Im Regelfall bei der US-Fernmeldebehörde FCC.
Das Ergebnis ist keine Allmende mehr. Das ist Landnahme, abgesegnet von einer nationalen Behörde, mit Folgen für den Rest des Planeten. Die alte Allmende wurde eingezäunt, indem jemand Zäune baute und niemand zuständig war. Die neue wird eingezäunt, indem jemand startet und niemand zuständig ist. Der Vorgang ist derselbe, nur schneller.
96 Prozent
Was das konkret heißt, lässt sich beziffern. Eine Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass bei Verwirklichung aller angekündigten Satellitenkonstellationen 96 Prozent der Aufnahmen mehrerer neuer Observatorien mindestens eine sonnenbeschienene Satellitenspur enthalten würden [3]. Nicht ein paar Prozent. Fast alle.
Die öffentliche Hand baut also Instrumente für Milliarden, und ein privater Anbieter stellt zehntausende Satelliten in dasselbe Volumen und zieht Leuchtspuren durch die Bilder. Die Kosten dieser Entwertung trägt niemand, der sie verursacht. Sie fallen bei Observatorien auf allen Kontinenten an, bei Instituten, die an der Genehmigung nie beteiligt waren und in Ländern sitzen, die nicht gefragt wurden.
Für dieses Muster gibt es einen Fachbegriff, und er ist keine hundert Jahre alt: Externalisierung. Gewinn privat, Kosten bei der Allgemeinheit, Zuständigkeit nirgends.
Im Grundsatzprogramm der Piratenpartei steht ein Satz, der genau diesen Vorgang beschreibt. Er steht dort im Zusammenhang mit Patenten auf Software, Gene und Geschäftsideen: Gemeingüter würden dadurch „ohne Gegenleistung und ohne Not privatisiert“ [4]. Der Satz passt eins zu eins auf den erdnahen Orbit. Nur hat ihn bisher niemand dorthin übertragen.
Dabei ist es dieselbe Konstellation, die die Piraten seit zwanzig Jahren im Netz analysieren. Eine Infrastruktur, die allen gehört, wird nicht per Gesetz enteignet, sondern durch Marktmacht besetzt. Regeln gibt es keine, weil der Gesetzgeber zehn Jahre hinterherhinkt. Und der Betreiber, der den Himmel zustellt, ist derselbe, der die Raketen stellt, mit denen die öffentliche Forschung überhaupt noch hochkommt. Wer die Plattformdebatte kennt, kennt auch dieses Bild.
Warum regelt das eigentlich niemand?
Weil Zuständigkeit fehlt und weil niemand sie einfordert. Die Bundesregierung nicht, die EU nur zaghaft, und im Bundestag ist der Orbit ein Thema für Sonntagsreden über Raumfahrtstandorte.
Was es bräuchte, ist keine Raketenwissenschaft:
- Ein verbindliches internationales Vergaberegime für den erdnahen Orbit, das Bahnen und Frequenzen als das behandelt, was die ITU selbst sagt, dass sie sind: eine begrenzte gemeinsame Ressource.
- Verbindliche Grenzwerte für Helligkeit und Funkabstrahlung als Genehmigungsvoraussetzung, nicht als freiwillige Selbstverpflichtung eines Anbieters, die er jederzeit kassieren kann.
- Entsorgungspflicht und Haftung beim Betreiber, mit Sicherheitsleistung. Wer den Orbit vermüllt, zahlt.
- Eine europäische Startkapazität, die diesen Namen verdient, damit öffentliche Forschung nicht auf Gedeih und Verderb an einem einzigen privaten Anbieter hängt.
Nichts davon ist links oder rechts. Es ist die schlichte Frage, ob eine begrenzte gemeinsame Ressource nach Regeln vergeben wird oder nach Startreihenfolge.
Wer nur bis zur nächsten Wahl denkt, kann das alles nicht bewerten
Und damit zum zweiten Punkt, der noch schwerer wiegt.
Ein Weltraumteleskop hat von der ersten Skizze bis zum Start zwischen fünfzehn und dreißig Jahren Vorlauf. Der wissenschaftliche Ertrag verteilt sich über weitere zwanzig, oft dreißig Jahre. Finanziert wird das Ganze aus Haushalten, die im Jahresrhythmus beschlossen werden, von Leuten, die in vier Jahren wiedergewählt werden wollen.
Wie gut das geht, hat sich gerade vorführen lassen. Der Haushaltsentwurf der US-Regierung für 2026 sah vor, die Wissenschaftsmittel der NASA etwa zu halbieren und rund vierzig laufende oder geplante Missionen zu streichen, darunter Observatorien, die seit Jahrzehnten Daten liefern [5]. Der Kongress hat den Entwurf am Ende parteiübergreifend kassiert und die Mittel weitgehend erhalten [6]. Gut ausgegangen, diesmal. Zwanzig Jahre Arbeit hingen an einer Abstimmung.
Dass politische Konjunkturen Forschung auch tatsächlich abräumen, zeigt ein deutsches Beispiel. Das Röntgenteleskop eROSITA, gebaut am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, flog seit 2019 auf einem russischen Satelliten. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine schaltete die deutsche Seite das Instrument am 26. Februar 2022 ab, nach vier von acht geplanten Himmelsdurchmusterungen [7]. Seither liegt es ungenutzt im All.
Wer verlangt, dass sich öffentliche Ausgaben innerhalb einer Legislaturperiode rechnen, hält Grundlagenforschung zwangsläufig für Verschwendung. Er hält dann konsequenterweise auch Netzausbau, Bildung, Rentenpolitik und Klimaschutz für Verschwendung, denn nichts davon zahlt sich bis zur nächsten Wahl aus. Das ist keine Sparsamkeit. Das ist eine Kalkulation, in der alles herausfällt, was länger dauert als eine Amtszeit.
Es ist genau die Denkweise, gegen die die Piraten seit ihrer Gründung anschreiben, nur bisher fast ausschließlich am Beispiel von Netzen und Daten. Der Befund gilt weiter, als er bisher gezogen wird.
Der Teil, den ohnehin alle unterschreiben
Bleibt der offensichtliche Punkt, und er ist deshalb hier kurz. Beim Hubble-Teleskop stammen inzwischen über sechzig Prozent der wissenschaftlichen Veröffentlichungen ganz oder teilweise aus dem offenen Archiv, also von Leuten, die die Beobachtung nie beantragt hatten [8]. Bei Roman sind die Rohdaten von Anfang an ohne Sperrfrist öffentlich.
Das Grundsatzprogramm fordert genau das seit Jahren: öffentlich finanzierte Inhalte frei abrufbar, Fördermittel gekoppelt an die freie Veröffentlichung der Ergebnisse [9]. In der Astronomie ist das seit dreißig Jahren gelebte Praxis, und es funktioniert nachweislich. In der Medizin, wo dieselben Steuerzahler dieselben Milliarden zahlen, sitzen die Ergebnisse hinter Verlagsschranken. Man muss also nicht mehr diskutieren, ob offene Forschungsdaten funktionieren. Man muss nur noch erklären, warum sie überall sonst nicht gelten sollen.
Was bleibt
Über Weltraumteleskope wird geschrieben wie über Feuerwerk: schöne Bilder, ein bisschen Staunen, fertig. Die politisch interessanten Fragen liegen daneben und werden nicht gestellt.
Wem gehört der Orbit, und warum vergibt ihn faktisch eine US-Behörde? Wer haftet, wenn ein privates Geschäftsmodell öffentliche Forschungsinfrastruktur im Wert von Milliarden entwertet? Und wie organisiert man Politik für Vorhaben, die länger dauern als jede Amtszeit derer, die sie beschließen?
Auf keine dieser drei Fragen gibt das Parteiprogramm bisher eine Antwort. Auf alle drei gibt es die passende Analyse, sie steht nur unter anderen Überschriften. Das zusammenzuführen wäre die Arbeit. Wer Gemeingüter verteidigt, sollte damit aufhören, an der Atmosphäre haltzumachen.
Quellen
- NASA, Roman Space Telescope Blog: „NASA’s Roman Space Telescope Launches“, 30. August 2026, https://science.nasa.gov/blogs/roman/2026/08/30/nasas-roman-space-telescope-launches/
- SichTRaum, Forschungsnetzwerk Sicherheit und Technologie im Weltraum: „Der erdnahe Orbit und die Tragik der Allmende“, 6. Januar 2021, https://www.sichtraum-netzwerk.de/2021/01/06/der-erdnahe-orbit-und-die-tragik-der-allmende-polyzentrische-governance-als-koenigsweg/
- Spaceflight Now: „Study: Current, future megaconstellations risk space-based astronomy“, 12. Dezember 2025, https://spaceflightnow.com/2025/12/12/study-current-future-megaconstellations-risk-space-based-astronomy/
- Piratenpartei Metropolregion Nürnberg, Grundsätze, https://piraten-nbg.de/wahlprogramm/grundsaetze/
- SpaceNews: „NASA budget would cancel dozens of science missions, lay off thousands“, 30. Mai 2025, https://spacenews.com/nasa-budget-would-cancel-dozens-of-science-missions-lay-off-thousands/
- Sky & Telescope: „NASA’s Budget Woes Are Over, For Now“, Januar 2026, https://skyandtelescope.org/astronomy-news/nasas-budget-woes-are-over-for-now/
- Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik: „Statement on the status of the eROSITA instrument aboard Spektr-RG“, 3. März 2022, https://www.mpe.mpg.de/7856215/news20220303
- Space Telescope Science Institute, HST Update, Newsletter 2020, Band 37, Heft 1, https://www.stsci.edu/contents/newsletters/2020-volume-37-issue-01/hst-stsci-update
- Piratenpartei Deutschland, Positionspapier „Freier Zugang zu öffentlichen Inhalten“ mit Zitaten aus dem Grundsatzprogramm, https://wiki.piratenpartei.de/Positionspapiere/Freier_Zugang_zu_%C3%B6ffentlichen_Inhalten
