An: Unseren Bundeskanzler Friedrich Merz
Von: Seinen treuesten Anhängerinnen und Anhängern, Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
Datum: 12. September 2026
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Friedrich,
wir schreiben Dir heute, fünf Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. Der Stammtisch war gestern Abend. Den Brief schreiben wir heute gemeinsam, vor allem weil wir nicht wussten, wie wir anfangen sollen. Manchmal muss man eine Nacht drüber schlafen, bevor man es weiß.
Zur Frage des Ergebnisses
Karl-Heinz hat die Zahlen aus dem Kopf gesagt. AfD 43,8 Prozent. CDU 17,2 Prozent. 2021 hatte die CDU noch 37,1 Prozent. Er hat das nicht erklärt, er hat es einfach gesagt, so wie man etwas sagt, das man nicht mehr wegsagen kann, wenn man es einmal ausgesprochen hat.
Gerhard hat dazu nichts erklärt. Das möchten wir ausdrücklich festhalten, weil es noch nie vorgekommen ist. Gerhard erklärt immer. Er hat gesagt, er habe sich vorbereitet gehabt. Er habe die Erklärungen gehabt, die es immer gibt, die Sorgen im Osten, das verlorene Vertrauen, die strukturellen Gründe. Dann hat er gesagt, er lasse das heute weg.
Wir haben ihn nicht gefragt, warum. Wir haben es gewusst.
Zur Frage von Arnault
Arnault hat aber etwas gesagt. Das ist ungewöhnlich, weil Arnault normalerweise nichts sagt. Er sitzt bei uns, seit Gerhard ihn mitgebracht hat, er hört zu, er nickt manchmal, aber er spricht nicht viel, und wir haben das immer respektiert, weil wir dachten, das sei vielleicht die Art, wie man das in Frankreich macht.
An diesem Abend hat er gesprochen. Er hat gesagt, bei ihm in Frankreich seien die Faschisten auch stark. Er hat gesagt, in anderen Ländern auch. Er hat gesagt, er verstehe nicht, warum die Leute sich wunderten, dass es nun hier auch so werde. Die Menschen vergäßen eben.
Er hat das ruhig gesagt. Ohne Empörung, ohne Ausrufezeichen, so wie jemand spricht, der dieselbe Wettervorhersage schon mehrmals gelesen hat und weiß, dass es regnen wird, und sich nicht mehr darüber aufregt, nur noch darüber, dass die anderen keinen Schirm mitgenommen haben.
Dann war es still.
Gerhard hat wieder nichts gesagt. Man hat aber gut gesehen, dass es ihm schwerfiel.
Zur Frage, was Brigitte dann gesagt hat
Brigitte hat gesagt: die Menschen sind enthemmter geworden.
Nicht als Frage. Nicht als Klage. Als Feststellung, so ruhig wie Arnault, nur von innen statt von außen.
Wir haben gewartet, ob noch etwas kommt. Es kam nichts mehr. Niemand hat ihr widersprochen. Niemand hat gesagt, das meinte sie nicht böse. Niemand hat erklärt, dass man das auch anders sehen könne.
Wir haben es einfach stehen lassen.
Zur Frage von deiner Reaktion
Gerhard hat dann doch noch etwas vorgelesen. Er kann es nicht lassen, selbst an diesem Abend nicht, und wir finden das eigentlich tröstlich, dass wenigstens das noch so ist wie immer.
- Du hast am 7. September, einen Tag nach der Wahl, im Konrad-Adenauer-Haus fast vierzig Minuten lang Fragen beantwortet. Nahezu jede zweite davon lautete sinngemäß: Wann treten Sie zurück? Und du hast gesagt, du trittst nicht zurück. Du hast gesagt: „Es gibt in der CDU keine grundsätzlichen Zweifel an der Richtigkeit dieses Kurses.“ Und du hast gesagt: „Das macht was mit uns, auch mit mir persönlich.“ Du willst künftig versuchen, die Menschen „auch in ihrer ganzen Emotionalität zu erreichen.“
Karl-Heinz hat gefragt, was das bedeute, in der ganzen Emotionalität.
Gerhard hat gesagt, er glaube, Du meinst, dass du mehr Gefühl zeigen willst
Karl-Heinz hat an die Stelle auf dem Tisch geschaut, wo sonst sein Zettel liegt. Dann hat er gefragt, ob das reiche.
Niemand hat geantwortet.
Zur Frage des besten Wahlkämpfers
Gerhard hatte noch eine Stelle. Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hatte Merz am Wahlabend als „besten Wahlkämpfer“ der AfD bezeichnet. Und laut ZDF-Politbarometer finden drei Viertel aller Befragten, dass Merz dem CDU-Ergebnis geschadet hat. Darunter fast die Hälfte der CDU-Anhänger selbst.
Karl-Heinz hat nichts gesagt. Er hat an dieselbe leere Stelle auf dem Tisch geschaut.
Früher hätte er nachgerechnet. Heute nicht.
Zur Frage, was Gerhard am Ende gesagt hat
Das ist das Kapitel, bei dem wir am längsten überlegt haben, ob wir es aufschreiben sollen. Wir schreiben es auf, weil wir finden, dass es aufgeschrieben werden muss, auch wenn wir nicht sicher sind, was wir damit anfangen.
Gerhard hat, nach Arnault und nach Brigitte und nach den Zitaten und nach dem langen Schweigen, etwas gesagt, das nicht vorbereitet war. Er hat gesagt, er denke seit dem letzten Stammtisch immer wieder daran, dass die CDU einmal gegründet worden sei, unter anderem damit so etwas nicht wieder passiere. Er hat nicht erklärt, was er mit „so etwas“ meinte. Er hat nicht erklärt, was er mit „nicht wieder“ meinte. Hier im Sauerland muss man das nicht erklären.
Er hat dann gefragt, ob sie das noch sei. Die Partei, die gegründet worden war, damit so etwas nicht wieder passiert.
Er hat die Frage nicht an jemanden gestellt. Er hat sie in den Raum gestellt, so wie Karl-Heinz beim letzten Mal seine Frage in den Raum gestellt hatte. Und wie Karl-Heinz damals hat er keine Antwort erwartet. Oder vielleicht doch, aber dann eine, die er sich nicht wünschte.
Brigitte hat ihm die Hand auf den Arm gelegt. Dieselbe Geste wie beim letzten Stammtisch, dieselbe wie früher, als sie jung waren und Gerhard manchmal so wurde. Diesmal war er nicht unflätig geworden. Er hatte einfach eine Frage gestellt, die niemand beantworten wollte.
Karl-Heinz hat auf den Tisch geschaut. Er hat nichts aufgeschrieben.
Zum Schluss
Wir stehen hinter Dir. Das ist unsere Grundhaltung, und wir schreiben es, weil wir nicht wissen, wie wir einen Brief anders beenden sollen, und weil es trotz allem stimmt, auch wenn wir gerade nicht genau erklären könnten, was es bedeutet.
Wir möchten Dir sagen, was dieser Abend war. Kein lauter Abend, kein wütender. Arnault hat von Frankreich gesprochen, ruhig, als ob er eine alte Geschichte erzählte, die er selbst nicht mehr neu findet. Brigitte hat gesagt, die Menschen sind enthemmter geworden. Gerhard hat eine Frage gestellt, auf die niemand geantwortet hat. Karl-Heinz hatte keinen Zettel.
Wir finden, Du solltest das wissen. Nicht weil wir wissen, was Du damit anfangen sollst. Sondern weil wir es aufschreiben mussten, damit es irgendwo steht.
In herzlicher Verbundenheit und mit freundlich-konservativem Gruß,
Der Stammtisch „Christliche Mitte“ Arnsberg-Hüsten e.V.
(Mitgliederzahl: stabil, Überzeugung: stabil)
P.S.: Brigitte hat Gerhard nach Hause gefahren. Wieder. Sie hat uns vorher kurz angeschaut. Dann ist sie gegangen.
P.P.S.: Karl-Heinz hat heute Morgen angerufen, nachdem wir den Brief schon geschrieben hatten. Er hat gefragt, ob wir ihn geschrieben hätten. Wir haben gesagt, ja, er sei fertig. Er hat gesagt: „Gut.“ Dann hat er aufgelegt. Er hat nicht gesagt, was er gut fand.

Bei allem Respekt ich kann ja verstehen wenn man mit Friedrich Merz unzufrieden ist. Das sind viele bei uns in unserer CDU. Aber das ist noch lange kein Grund so ein Parteischädigendes Geschreibsel offen ins Netz zu stellen von dem am Ende nur die AfD profitieren wird.
Ich möchte den Stammtisch der CDU Arnsberg-Hüsten daher bitten in Zukunft zuerst interne Wege zu beschreiten bevor man an die Öffentlichkeit geht. Ich bin mir Sicher unser Kanzler Friedrich Merz würde sich sehr über so einen Brief freuen. Ins offene Internet gehört der jedoch nicht. Denn das Ziel sollte ja sein bei aller berechtigten Kritik den Ruf des Kanzlers in der Öffentlichkeit zu wahren.