Dieses Thema Resilienz lag bei uns schon länger auf meinem Tisch, aber der Anstoß, es jetzt endlich zu schreiben gab ein Interview, das Kanadas Premierminister Mark Carney der New York Times gegeben hat.
Nicht weil Carney für digitale Grundrechte und offene Infrastruktur einträte, beileibe nicht. Aber er ist einer der wenigen Regierungschefs, der das, was gerade weltweit passiert, ohne Umschweife und ohne Beschönigung ausspricht. Das verdient Respekt, auch wenn man politisch anderer Meinung ist. In ebendiesem Interview erklärt Carney, sein Land werde sich von Starlink „ohne Frage“ diversifizieren. Satelliteninfrastruktur in privaten Händen sei ein strategisches Abhängigkeitsrisiko, das sich ein souveräner Staat nicht leisten könne. Merz sagt vor dem Bundestag, Europa müsse Abhängigkeiten reduzieren, „die wir zu leichtfertig eingegangen sind“. Von der Leyen warnt, es gebe „zu viele gefährliche Abhängigkeiten“ in kritischen Technologien, Rohstoffen und Lieferketten.
Das klingt für uns Piraten alles sehr bekannt.
Wer die letzten elf Jahre Pirate Security Conference (PSC) aufmerksam verfolgt hat, kennt diese Sätze. Dem Inhalt nach, wenn nicht wörtlich. 2016 hieß ein Vortrag „The Vulnerability of Digital Infrastructure“. 2018 war Resilienz das Leitthema des gesamten Jahrgangs: Resilienz von Energieversorgungssystemen, kritischer Infrastruktur, politischen Systemen, Demokratien im Cyberraum. 2019 sprach Yvonne Hofstetter über den „Technology Cold War: The Artificial Intelligence arms race“, zu einem Zeitpunkt, als das in der regulären Sicherheitspolitik noch kaum vorkam. 2020 diskutierte Mikuláš Peksa den Überwachungskapitalismus als „New Iron Curtain“ und Gregory Engels die digitale Souveränität Russlands. 2022 analysierte Peksa den Einfluss russischer Energiekonzerne auf die europäische Energiepolitik, bevor die Regierungsdebatte die Gasabhängigkeit entdeckte.
Die etablierte Sicherheitspolitik braucht offenbar einige Jahre das zu bemerken – oder zuzugeben.
Warum jetzt alle dasselbe sagen
Der eigentliche Wendepunkt war nicht Donald Trump, auch wenn er der unmittelbare Anlass für viele dieser Debatten ist. Der Wendepunkt war aus meiner Sicht 2022, als westliche Staaten die Zentralbankreserven Russlands einfroren und Russland vom SWIFT-Zahlungssystem abkoppelten. In diesem Moment demonstrierte die westliche Staatengemeinschaft einer beobachtenden Welt, dass wirtschaftliche Integration als Waffe eingesetzt werden kann. Die Botschaft war unmissverständlich: Wer tief in das globale Finanzsystem eingebunden ist, kann durch dieses System auch erpresst werden.
Seitdem denken Staaten, die das vorher bereits wussten, lauter darüber nach. Staaten, die vorher nicht darüber nachgedacht hatten, haben begonnen, es zu tun.
Indien betreibt strategische Autonomie als Staatsdoktrin seit der Unabhängigkeit, modifiziert unter Modi zur gleichzeitigen Einbindung in Quad, BRICS, russische Ölverträge und US-Technologiekooperation. Japan hat 2021 ein eigenes Ministerium für Wirtschaftssicherheit gegründet und seither 806 Milliarden Yen allein in die Halbleiterunabhängigkeit investiert. Südkorea kündigte im Juni 2026 ein nationales Industrieprogramm über umgerechnet 648 Milliarden US-Dollar für Halbleiter, KI und Rechenzentren an, weil seine Chipfabriken in China plötzlich von US-Exportkontrollgenehmigungen abhängen, die Washington von einem Tag auf den anderen widerrufen kann. Brasilien unter Lula plant ausdrücklich, sowohl einen chinesischen als auch einen amerikanischen Supercomputer anzuschaffen. Keine Ironie, sondern Methode.
All das sind Reaktionen auf eine strukturelle Erkenntnis, die sich über Jahre aufgebaut hat und jetzt in politisches Handeln übersetzt wird. Trump hat sie beschleunigt, ausgelöst hat er sie nicht.
Was die Regierungsdebatte dabei auslässt
Energie, Rohstoffe, Militär, Halbleiter: Über all das wird geredet. Richtig und wichtig, aber unvollständig.
Die EU hat im Juni 2026 ein „Technological Sovereignty Package“ vorgestellt, das Halbleiter, Cloud-Computing, KI, Open-Source-Software und Energie abdeckt. Herzstück ist ein „Cloud and AI Development Act“, der die europäische Rechenzentrumkapazität in fünf bis sieben Jahren verdreifachen soll. Das klingt beeindruckend. Und dann folgt die Zahl: Derzeit kontrollieren Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud zusammen mehr als 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes.
Carney nennt Starlink beim Namen und sagt, Kanada werde sich davon diversifizieren. Kein europäischer Regierungschef zieht dieselbe Konsequenz für Microsoft 365, auf dem Behörden in ganz Europa ihre E-Mails schreiben. Für WhatsApp, über das Politiker Dienstgespräche führen. Für die KI-Modelle, auf die Verwaltungen gerade umsteigen. Für die Zahlungsinfrastruktur, über die europäische Transaktionen laufen und die in letzter Instanz unter US-Recht fällt.
Das ist die Lücke. Und diese Lücke wurde schon vor Jahren von den Piraten erkannt. Neulich habe wir uns in der Flaschenpost u.a. mit souveräner Energie beschäftigt – in neun Artikeln.
Souveränität für Staaten ist nicht dasselbe wie Souveränität für Menschen
Hier liegt das eigentliche Problem mit dem Begriff, der gerade durch alle Hauptstädte der Welt wandert.
Strategische Autonomie im Sinne von Merz heißt: Europa soll mehr eigene Rüstungskonzerne haben. Im Sinne von von der Leyen heißt es: europäische Cloud-Konzerne statt amerikanischer. Beides ist nicht falsch. Beides beantwortet aber nicht die Frage, die Piraten seit ihrer Gründung stellen: Wer kontrolliert die Infrastruktur, auf die Bürgerinnen und Bürger angewiesen sind, und unter welchen Bedingungen?
Ein europäischer Überwachungskonzern ist kein Fortschritt gegenüber einem amerikanischen. Eine EU-Cloud, die Nutzerdaten genauso intransparent behandelt wie AWS, löst das eigentliche Problem nicht. Digitale Souveränität kann nicht bedeuten, dass Staaten die Kontrolle über Infrastruktur zurückgewinnen, um sie dann in eigene, intransparente Hände zu legen.
Australien zeigt, wohin staatliche Souveränitätskonzepte führen, wenn diese Frage nicht mitgestellt wird. Das Land verfolgt seit 2026 eine nationale Verteidigungsstrategie, die ausdrücklich mehr Eigenständigkeit anstrebt. Gleichzeitig baut AUKUS, das Atom-U-Boot-Abkommen mit den USA und Großbritannien, Australiens technologische und industrielle Abhängigkeit von Washington strukturell aus. Das Lowy Institute hat das präzise beschrieben: Der Weg zur Autonomie vertieft die Abhängigkeit. Die Logik staatlicher Souveränitätskonzepte verschiebt Abhängigkeiten, sie hebt sie nicht auf.
Was das für Piraten bedeutet
Die Pirate Security Conference findet seit zehn Jahren parallel zur Münchner Sicherheitskonferenz statt. Das war von Anfang an kein Zufall und keine Provokation um ihrer selbst willen. Es war der Versuch, die Fragen in die sicherheitspolitische Debatte einzubringen, die dort nicht gestellt wurden: Wer kontrolliert die digitale Infrastruktur? Was passiert, wenn diese Infrastruktur als Druckmittel eingesetzt wird? Wie sieht Resilienz aus, die individuelle Rechte schützt und staatliche Handlungsfähigkeit?
In der offiziellen Sicherheitspolitik sind diese Fragen angekommen, aber nur halb. Die staatliche Hälfte hat Eingang gefunden. Die bürgerrechtliche fehlt noch.
Jetzt ist der Moment, den piratischen Beitrag zur Debatte zu formulieren, bevor der Begriff der digitalen Souveränität vollständig von staatlichen Interessen besetzt wird. Die Forderungen sind klar: Digitale Infrastruktur, auf die Menschen angewiesen sind, gehört als öffentliches Gut behandelt, analog zu Wasser und Strom. Keine kritische Kommunikationsinfrastruktur in privaten Monopolhänden, egal ob amerikanisch, chinesisch oder europäisch. Open Source als Voraussetzung für nachprüfbare Souveränität. Transparenzpflichten für staatliche Stellen, die auf proprietäre Plattformen setzen.
Kein neues Programm. Das alte, in einem Moment, in dem die Welt bereit ist, zuzuhören.
Die richtige Frage
Wenn Staaten weltweit gerade neu verhandeln, wie viel Abhängigkeit sie sich leisten wollen, dann ist das die Gelegenheit, die Frage zu stellen, die in dieser Debatte noch fehlt.
Souveränität gegenüber wem? Gegenüber anderen Staaten, oder auch gegenüber Konzernen? Gegenüber fremden Regierungen, oder auch gegenüber der eigenen?
Carney kann diese Frage nicht stellen, weil er ein Staatschef ist. Merz kann sie nicht stellen, weil er die staatliche Seite der Souveränität meint. Von der Leyen kann sie nicht stellen, weil die Kommission keine Bürgerrechtsbewegung ist.
Piraten können sie stellen. Und die PSC hat den Beleg, dass diese Fragen nicht neu sind, sondern schon lange gestellt werden, nur anderswo als auf der Münchner Sicherheitskonferenz.
Kein Grund zur Selbstbeweihräucherung. Ein Auftrag.
